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J. Luh: Die Männergeschichte der Siegesallee

KultGeP - Colloquien 2 (2016)

Jürgen Luh

Die Männergeschichte der Siegesallee

Dynastische Selbstdarstellung im Wilhelminischen Kaiserreich

Abstract

Die Siegesallee Kaiser Wilhelms II., 1895 in Auftrag gegeben, 1901 vollendet, sollte die wichtigsten Persönlichkeiten der brandenburg-preußischen Geschichte in Marmor darstellen: 32 Denkmalgruppen. 32 Denkmale von Fürsten mit jeweils zwei ihnen für ihre Regierungszeit wichtigen Beigeordneten. Frauen durften in dieser Auswahl keine Rolle spielen. Getreu dem Motte Treitschkes: "Männer machen Geschichte", war die Siegesallee der Gipfel und Endpunkt der Geschichtsauffassung des Kaisers - und der seiner borussisch, d.h. preußisch-deutsch gesinnten Historiker.

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Wenn man heute über die Siegesallee im Berliner Tiergarten spricht, die sich vom ehemaligen Königsplatz (heute Platz der Republik) bis zum Kemperplatz nach Süden streckte, muss man zuerst den Namen Uta Lehnerts nennen. Sie hat in ihrem Werk über Kaiser Wilhelm II. und die einstige Berliner Prachtpromenade – untertitelt Réclame Royal – dieses Prestige- und Propagandaprojekt der Hohenzollern-Monarchie umfassend untersucht. Sie hat es, wie sie schrieb1, "aus kunsthistorischer Sicht" getan. Doch dies war zu bescheiden gesagt, denn selbstverständlich hat Uta Lehnert auch für die Historiker wichtige Fragen gestellt – und beantwortet. Sie hat ein grundlegendes, im weiten und besten Sinne, kulturhistorisches Buch geschrieben.

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Von Uta Lehnert wissen wir, dass Wilhelm II., als er 1893 verkünden ließ, im Tiergarten eine "Siegesallee" Brandenburg-Preußens bestehend aus den Heroen dieses Landes bzw. Staates gestalten zu wollen, "noch keine konkreten Vorstellungen über die [dort] darzustellenden Personen und die künstlerische Gestaltung" dieser Promenade hatte. "Das Denkmalprogramm", so Lehnert, "musste erst ausgearbeitet werden." Lediglich "einige klärende" und wohl richtungweisende Vorgespräche hatten stattgefunden, "in denen die Machbarkeit des Projektes geprüft worden war". Der Kaiser hatte den Berliner Kommunalpolitiker und Heimatforscher Ernst Friedel sowie verschiedene "Mitglieder des Vereins für die Geschichte Berlins um ihre Meinung zu seinem Plan gebeten und die Idee auch mit seinem 'Hofbildhauer' Reinhold Begas besprochen". Diese "meist unspektakulären Vorarbeiten für das Projekt fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt"; und im Anschluss daran waren alle Beteiligten zur Diskretion verpflichtet worden.2 Klar war lediglich, es sollten "Herrscher in fortlaufender Reihe" sein.3

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Mit den Vorbereitungen, Recherchen, Planungen der Ruhmesstraße wurden, um eine historische Begründung und heroische Bewertung für die Personen zu liefern, die in Denkmalnischen der Allee aufgenommen werden sollten, verschiedene Geschichtswissenschaftler, Archivare, Bibliothekare und Museumsleute beauftragt; für die Gestaltung und spätere Ausführung der Allee "eine Gruppe von Künstlern, Gartenarchitekten, Grafikern und Architekten". Verantwortlich für die künstlerische Konzeption war der Bildhauer Reinhold Begas. Er wurde unterstützt von dem Architekten Gustav Halmhuber. Die Erarbeitung und Festlegung des – hier interessierenden – historischen Programms hatte Wilhelm II. dem Bonner Geschichtsprofessor Reinhold Koser übertragen, der seit 1896 auch Direktor der Königlich Preußischen Staatsarchive und des Geheimen Staatsarchivs zu Berlin war.4 Koser, berühmt vor allem durch seine noch heute bedeutsame Biographie Friedrichs des Großen, stand dem Herrscherhaus der Hohenzollern sehr wohlwollend, kaum kritisch gegenüber. So war er etwa Hauptgutachter des Hauses Hohenzollern in Majestätsbeleidigungsprozessen – was Wilhelm II. gerne honorierte. Der Kaiser ehrte den Historiker für seine Verdienste um die vaterländische Geschichte 1898 mit dem Titel 'Historiograph des Preußischen Staates'.5

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Beider – Wilhelms und Kosers – Leitgedanke für das historische Programm der Siegesallee war, "die Entwicklung der vaterländischen Geschichte von der Begründung der Mark Brandenburg bis zur Wiederaufrichtung des Reichs" darzustellen, wie Wilhelm II. am 27. Januar 1895, seinem Geburtstag, in einem Erlass an den Magistrat und die Stadtverordneten von Berlin schrieb. "Als Zeichen Meiner Anerkennung für die Stadt und zur Erinnerung an die ruhmreiche Vergangenheit unseres Vaterlandes will Ich … einen bleibenden Ehrenschmuck für meine Haupt- und Residenzstadt Berlin stiften … Mein Plan geht dahin, in der Sieges-Allee die Marmor-Standbilder der Fürsten Brandenburg und Preußens, beginnend mit dem Markgrafen Albrecht dem Bären und schließend mit dem Kaiser und König Wilhelm I., und neben ihnen die Bildwerke je eines für seine Zeit besonders charakteristischen Mannes, sei er Soldat, Staatsmann oder Bürger, in fortlaufender Reihe errichten zu lassen."6 Es war ein Geschenk des Kaisers an "Seine Haupt- und Residenzstadt" Berlin.7

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Aus diesem kaiserlichen Erlass wird deutlich,
dass 1. die Siegesallee nicht nur eine Ahnengalerie der Hohenzollern sein, sondern auch die Vorgängerdynastien berücksichtigen sollte,
dass 2. die Historiengalerie mit Kaiser Wilhelm I. ihren Abschluss finden und weder Friedrich III., den Vater Wilhelms II., noch ihn selbst aufnehmen sollte,
dass 3. die brandenburgisch-preußische Geschichte und die Reichseinigung als ein Werk der Fürsten darzustellen sei,
dass 4. als "charakteristische Zeitgenossen", für die Haupt- wie für die Nebenfiguren, nur Männer in Frage kommen sollten (der Berliner Magistrat hat dies eindeutig so verstanden, denn er erklärte in seiner Dankadresse, die Siegesallee werde "künftigen Geschlechtern künden die Großtaten unserer Fürsten, das Wirken hervorragender Männer …"),8
dass 5. die Herrscher und ihre Helfer in chronologischer Folge dargestellt sein sollten, und
dass 6. die Allee am Ende für die Öffentlichkeit eine preußische "Geschichte in Bildern ohne Worte" sein sollte.

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Die für das Werden der Siegesallee angesprochenen Personen und Institutionen reichten nach diesen Maßgaben Koser ihre Vorschläge ein, der sie als leitender Historiker, ausgestattet mit dem vollsten Vertrauen des Kaisers, sammelte, auch "die Richtigkeit zweifelhafter Angaben" überprüfte, sie gegebenenfalls korrigierte und schließlich eine Liste von infrage kommenden Personen mit kurzen historischen Erläuterungen anfertigte. Diese Liste bildete "bei der ersten Siegesallee-Konferenz am 24. November 1895 im Neuen Palais in Potsdam die Diskussionsgrundlage" für alles weitere.9

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Ernst Friedel hat bei der Diskussion der Liste ausdrücklich bedauert, dass keine Frauen für die Allee berücksichtigt werden sollten. Er hätte als eine Nebenfigur des Markgrafen Otto IV. mit dem Pfeil gerne die "edle, kluge und schöne Gemahlin Ottos", Heilwig oder Hedwig, eine Tochter Rudolfs von Habsburg, gesehen. Doch sein Vorschlag fand kein Gehör. Lediglich die Kurfürstin Elisabeth, die Gemahlin des ersten Hohenzollern-Kurfürsten Friedrich wurde schließlich für die Allee berücksichtigt, allerdings nicht als Skulptur. Sie wurde in einem Flachrelief hinter ihrem Mann an der Wand der die Skulptur des Herrschers umgebenden Bank dargestellt, betend, nach ihrer Darstellung auf dem Cardolzburger Altar – sehr wahrscheinlich mit Zustimmung Kaiser Wilhelms, wohl weil sie die Stammmutter der märkischen Linie des Hauses Hohenzollern war.

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In einer Folge von vier umfänglichen, reich bebilderten Artikeln, "Die historischen Denkmale in der Sieges-Allee des Berliner Tiergartens" übertitelt, stellte Koser zwischen 1898 und 1902 die Auswahl der Herrscher und der Personen, die ihnen "zur Seite" stehen sollten, in den Hohenzollern-Jahrbüchern 2, 4, 5 und 6 vor, erläuterte die Auswahl und charakterisierte die Darzustellenden.10 Jedoch nicht alle Persönlichkeiten: "Die Gruppen der drei letzten Denkmalsgruppen (von Gustav Eberlein, Karl Begas und Reinhold Begas) bedürfen für die Leser des Hohenzollern-Jahrbuches eines Geleitwortes nicht: die Namen Blücher und Stein, Alexander von Humboldt und Christian Rauch, Bismarck und Moltke sprechen für dich selber."11

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Dass trotz einiger Bedenken der Fachleute keine Frauen in die Reihe der bedeutenden Gestalten der brandenburgisch-preußischen Geschichte aufgenommen wurden, geht ganz eindeutig auf Wilhelm II. zurück. Der Kaiser stimmte – wohl solange er lebte – der Auffassung und Parole Heinrich von Treitschkes zu: "Männer machen Geschichte".12 Wilhelm II. machte sich dieses Credo fast stärker noch als Treitschke selbst zu Eigen, lebte und handelte danach.

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Das lässt sich in den Quellen gut nachvollziehen. Man kann es leicht aus den Reden, die der Kaiser gehalten hat, herauslesen. Unter seinen Vorfahren waren ihm im Grunde nur drei Männer bedeutend, der "Große Kurfürst" Friedrich Wilhelm, "von dem Ich immer gerne … spreche, da man ihn schon zu Lebzeiten den Großen Brandenburger nannte", wie er am 5. März 1890 vor dem Brandenburgischen Provinziallandtag sagte13, oder wie sich aus seiner Rede dort über seine Ahnen vom 24. Februar 1894 schließen lässt: "… Meine Vorfahren und besonders derjenige, auf den wir am liebsten zurückblicken als auf den größten Brandenburger, der Große Kurfürst …"14. Außerdem schätzte der Kaiser Friedrich den Großen und – natürlich – seinen Großvater Wilhelm I., den Großen, wie er ihn nannte, und wie er ihn vor der Geschichte genannt wissen wollte.15

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Diese Drei, so Wilhelm, hätten im Wesentlichen die Geschicke und Geschichte Brandenburgs, Preußens, Deutschlands bestimmt. Über die Frauen an der Seite der Monarchen verlor er in seinen Reden kein Wort, nicht einmal über die allgemein hochverehrte Königin Luise, auch dann nicht, wenn er an die napoleonische Epoche, die Zeit "schwerer Anfechtung und Sorge" und der "preußischen Erhebung" erinnerte.16 In seinen Verlautbarungen hieß es in solchem Zusammenhang regelmäßig: "Das Fürstenhaus, festhaltend an Gott, am Glauben, an der Treue zu seiner Pflicht; das Volk fest vertrauend der Hand seines Führers" – Friedrich Wilhelm III. – "sie fanden sich beide wieder zusammen."17

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Den Reden des Kaisers lässt sich auch entnehmen, dass er sich am liebsten in der Gesellschaft von Männern aufhielt, so seiner Ansprache am 20. Februar 1891 vor der Versammlung des Brandenburger Provinziallandtags: "Brandenburger Männer! Ich freue Mich von ganzem Herzen, dass es mir vergönnt ist, wieder einen Abend unter ihnen zuzubringen, denn es ist einem immer wohl, mit Männern sich zusammen zu finden, von denen man weiß, dass man mit ihnen übereinstimmt und dass man sich miteinander eins fühlt." In dieser Rede adressierte er immer wieder die "brandenburgischen Männer", die ihm "auf den Bahnen folgen" sollten, die er beschritt.18 Besonders deutlich drückte er sich ein Jahr später, am 24. Februar 1892, beim Festmahl des Brandenburgischen Provinziallandtags aus: "Mir bereitet es stets besondere Freude", teilte er den Versammelten mit, "wenn Ich mit Männern zusammen sein kann. Um so mehr ist dies der Fall", – und hier wird die kaiserliche Auffassung – und Achtung und Ehrerbietung – besonders deutlich, denn es war keine Frau im Raum, – "wenn das gesamte Land Brandenburg in so würdiger Weise vertreten, sich hier zusammenfindet."19

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In der immer wichtiger werdenden Fotographie zeigt sich Wilhelms Verständnis davon, wer in der Historie entscheidend handelte und handelt ebenfalls: In diesem Falle er selbst. Hunderte, vielleicht tausende Aufnahmen zeigen ihn – unter Soldaten, im Manöver oder bei der Parade, auf der Jagd, bei Einweihungen, auf Reisen, auf seiner Yacht oder auf Kriegsschiffen, zusammen mit seinen Söhnen oder Enkeln und natürlich allein. Gemeinsam mit seiner Gemahlin, Kaiserin Auguste Viktoria ist er auf nur wenigen Photos zu sehen. Von diesen gemeinsamen Bildern sind die meisten Photomontagen.20 Entweder wurde die Kaiserin in die Aufnahme montiert oder der Kaiser oder beide. Fotos mit beiden zusammen gab es, von drei, vier Ausnahmen abgesehen, nur, wenn die gesamte Hohenzollern-Familie abgelichtet wurde. Die in Huis Doorn aufbewahrten privaten Fotoalben Wilhelms II. bewahren, von Familienereignissen abgesehen, keine gemeinsamen Bilder mit Auguste Viktoria.21

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In der Männer-machen-Geschichte-Haltung des Kaisers, d.h. in seinem Geschichtsverständnis, spiegelten sich seine historischen Werthaltungen. Diese aber waren, man muss das sagen, von wenigen Ausnahmen abgesehen auch diejenigen seiner Zeitgenossen, die sich mit der Vergangenheit befassten. Diese wenigen Ausnahmen fanden sich vor allem in der Sozialdemokratie und gewannen in den Personen von Clara Zetkin, Marie Juchacz, Marie-Elisabeth Lüders oder Helene Weber erst nach und nach etwas an Boden.

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Die historischen Werthaltungen besagten, dass vor der Geschichte und für die geschichtliche Größe nur die Felder Militär, Politik und Wirtschaft von Bedeutung waren. Schon der Große Kurfürst, so Wilhelm, habe erkannt, dass "Brandenburg zur Verwertung seines Fleißes und seiner Arbeitskraft eine Stellung im Weltmarkt sich erobern müsse. Groß sind die Fortschritte gewesen, die seit jener Zeit Preußens und Deutschlands Gewerbe und Handel aufzuweisen hat, besonders unter der Regierung Meines Herren Großvaters."22

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Frauen hatten in den Augen Wilhelms wie auch in den Augen der die Geschichte erklärenden und 'machenden' Zeitgenossen, den Historikern, auf diesen Gebieten keinerlei Rolle gespielt. "Die Domäne des Mannes ist die weite Welt da draußen, Wissenschaft, die Rechtsordung, der Staat." Die Frauen seien in der Enge und Einförmigkeit des häuslichen Lebens zuständig, so der Historiker Heinrich von Sybel 1870 "Ueber die Emancipation der Frauen".23 In den 1888 gegründeten, für die Geschichtswissenschaft und das Bild Preußens in der Welt wesentlichen und wichtigen "Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte" haben Frauen bis zur Vollendung der Siegesallee 1901 nicht geschrieben – und nur drei Aufsätze in der Zeitschrift waren in dieser Zeitspanne Frauen gewidmet: In Band 8 von 1895 galt ein Artikel von dem Historiker Ferdinand Hirsch der Kurfürstin Luise Henriette24, und ein weiterer aus der Feder von Paul Bailleu der Königin Luise25, und in Band 12 von 1898 schrieb Richard Doebner über die Königin Sophie Charlotte.26

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Alle, die über Frauen handelten, waren, wie gesagt, Historiker. Frauen, Wissenschaftlerinnen, Historikerinnen schrieben in den Forschungen erst nach dem Ende der Monarchie: Hilde Binder über Queen Viktoria und König Wilhelm im Jahre 1866, in Band 47 der Forschungen von 193527, war die erste, Else Brökelschen-Kemper, Ein unbekannter Brief der Königin Luise, in Band 48 des folgendes Jahres28, die zweite. Es war nur eine kleine Notiz. Die bedeutende Literaturwissenschaftlerin und Fontaneforscherin Charlotte Jolles, veröffentlichte ein weiteres Jahr später im 49. Band der Forschungen den Beitrag: "Theodor Fontane und die Ära Manteuffel. Ein Jahrzehnt im Dienste der Preußischen Regierung".29 Die Tochter eines jüdischen Bauingenieurs kehrte Berlin bald nach der Veröffentlilchung, im Januar 1939, den Rücken und ging über Amsterdam nach London. Als dritte und letzte Frau schrieb Toni Saring, die Frau des Historikers Hans Saring, in den Forschungen. In Band 53 veröffentlichte sie 1941 einen Beitrag über Kurfürstin Anna.30

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Selbst bei jüngeren Preußen-Historikern wie etwa Erich Marcks, der 1892 erst berufen worden war, kamen Frauen in der Geschichtsbetrachtung nicht vor. "Männer und Zeiten" nannte er seine 1911 erschienenen Aufsätze und Reden, und allein von Männern – Politikern, Feldherren – war darin die Rede.31 Die beiden Bände erreichten sieben Auflagen bis 1942; ein Hinweis, wie lange auch solche Sichtweise aktuell blieb. Frauen konnten darin insofern auch nicht vorkommen, weil in der Betrachtung der Preußen-Historiker, ja fast aller Historiker, Militär und Politik wesentlich waren, hoch über allen anderen Geschehen standen. Leistungen in den Feldern Kultur-, Ideen- und Geistesgeschichte, in denen neben Männern seit jeher eben auch Frauen Erfolge errungen hatten, besaßen Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts nicht denselben Stellenwert von Militär, Politik und Wirtschaft. Selbst Friedrich Meinecke, der sich sehr für ideengeschichtliche und geistesgeschichtliche Fragestellungen interessierte, konnte sich auf diesem Gebiet erst unangefochten etablieren, nachdem er eine Habilitation über einen Soldaten, über Hermann von Boyen, geschrieben hatte.32 Er blieb aber dennoch lange Zeit ein Außenseiter unter den Historikern, die sich preußischen Themen zuwandten.33

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Reinhold Koser also folgte bei der Auswahl der Personen für die Siegesallee den Vorgaben seines kaiserlichen Herrn. Er war – und hier möchte ich Uta Lehnert einmal widersprechen – leider nicht "immun gegen jede Form von Preußenverherrlichung".34 Seine Schriften, in denen – ähnlich wie bei Bernhard Erdmannsdörffer, dem ebenfalls die Abkehr von Johann Gustav Droysens "Idealbild der preußisch-deutschen Geschichte" nachgerühmt wird – allein die Brandenburger Kurfürsten oder preußischen Könige vorausschauend, alle künftigen Probleme erkennend, für die Zukunft handelten, offenbaren das ganz deutlich. Auch Koser, befangen im "Droysenschen Borussismus", bekannte sich im Allgemeinen zu dem Grundsatz, dass nur Männer Geschichte machten.35

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Er tat dies jedoch nur im Allgemeinen, denn Koser zählte zu den wenigen akademischen Historikern, die schon früh auch den Frauen des Hauses Hohenzollern Aufmerksamkeit schenkten. 1887 widmete er Sophie Charlotte, der ersten preußischen Königin in der Deutschen Rundschau, der von Julius Rodenberg 1874 gegründeten literarisch-wissenschaftlichen Zeitschrift, die zeitweilig die deutsche Politik, Literatur und Kultur maßgeblich beeinflusste, eine längere Abhandlung. Darin stellte er fest: Es sei keine leere Schmeichelei der Zeitgenossen gewesen, "wenn eine doppelte Bezeichnung für Sophie Charlotte historisch wurde: 'die schöne Königin' nannte man sie und 'die philosophische Königin'".36 Im Haus Hohenzollern sei "das Andenken" Sophie Charlottes mehrere Generationen hindurch "sehr lebendig geblieben". Friedrich der Große und Friedrich Wilhelm II. hätten sie sehr geschätzt. Letzterer habe sie aufgrund der Schriften des Predigers der Berliner Hugenotten-Gemeinde, Jean Pierre Erman, vor allem der "Eloge Historique De Sophie Charlotte Reine De Prusse: Second Mémoire. Lu dans l'Assemblée publique de l'Académie Royale des Sciences & Belles Lettres du 3. Février" von 1791 vielleicht zu schmeichlerisch bewundert.

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Koser selbst nutzte für seine Charakteristik die wenigen erhaltenen Briefe der Königin. Er zeigte auf, dass sie in der Affäre Danckelmann, es ging um den Sturz Eberhard von Danckelmanns als preußischer Premierminister, politisch gegen den Minister ihres Mannes agierte, weil dieser gegen ihre welfische Hauspolitik opponierte. Er zeigte sie also als Frau mit einem politischen Programm, allerdings dem des Welfenhauses, was nicht im Sinne Preußens war. Koser kritisierte an ihr aber all das, was man mit ihrer Weiblichkeit verband: dass sie zu sehr an Edelsteine und Schmuck gedacht und sich nur wenig um ihren Sohn, Friedrich Wilhelm (I.) gekümmert habe.37

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Letzteres zum Glück für Preußen, wie er am Ende seines Aufsatzes bilanzierte, denn "hätte dieser Fürst den Bildungstrieb, die ästhetische Anlage, den Mäzenatensinn der Mutter mit der überfreigebigen Prunksucht des Vaters gepaart, so möchte er Kunstschätze angehäuft und sein Berlin mit einer klassischen Galerie geziert haben, wie damals der Dresdner Hof sie sich sammelte" – in Kosers Augen ein Vergehen am Staat und der Idee Preußen – "aber nimmer mehr wäre Friedrich Wilhelm I. der Begründer der preußischen Machtstellung, der Bildner eines unübertroffenen Heeres und eines unnachahmbaren Offizierskorps, der Zuchtmeister seines ganzen Volkes, Preußens 'größter innerer König' geworden."38 Es war die übliche Lobeshymne auf die "großen Könige". Folgerichtig erwähnte Koser die Königin bei der Begründung der Nebenfiguren für das Denkmal Friedrichs III./I. – der durch die borussischen Historiker rehabilitierte Danckelmann war die eine, der Baumeister Andreas Schlüter die andere – mit keinem Wort.

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Mit ihrer Interpretation "Männer machen Geschichte" erwiesen sich Koser und der Kaiser bei der Vollendung der Siegesallee am 18. Dezember 1901 als Repräsentanten der gängigen Geschichtsauffassung in Preußen und auch dem Deutschen Reich. Den Frauen, und das heißt zuerst den Hohenzollernfürstinnen, wurde so gut wie keine politische und wirtschaftliche Bedeutung beigemessen und natürlich ganz und gar keine militärische. Da der Stellenwert der Kultur-, Ideen- und Geistesgeschichte im Vergleich zur Politik- und Machtgeschichte noch sehr gering war, wurde jenen Wissensgebieten nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ob hier Hohenzollernfrauen in der Historie in dem einen oder anderen Feld Bedeutung gehabt hatten, wurde einfach nicht erforscht.

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Preußen-Deutschland war damit allerdings nicht am Puls der Zeit. Andernorts, in Großbritannien, war man weiter. Kurz bevor das letzte Denkmal der Siegesallee, das Standbild Wilhelms I., enthüllte wurde, war am 5. August 1901 die Großmutter des Deutschen Kaisers, die britische Queen Victoria, verstorben. Sie hatte 64 Jahre lang regiert, ihre politischen Auffassungen immer wieder zum Tragen gebracht – und dem Zeitalter ihren Namen gegeben. Eine Frau an der Spitze wäre im preußisch-deutschen Hohenzollern-Staat aber undenkbar gewesen. – Das Frauenwahlrecht wurde erst nach dem Ende der Monarchie eingeführt, am 19. Januar 1919, 218 Jahre und einen Tag nach der Erhebung Preußens zum Königreich.

Autor:

Dr. Jürgen Luh
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Generaldirektion
Wissenschaft und Forschung
Postfach 601462
14414 Potsdam
j.luh@spsg.de



1 Uta Lehnert: Der Kaiser und die Siegesallee. Réclame Royal, Berlin 1998, 11.

2 Nach Lehnert: Kaiser und Siegesallee (wie Anm. 1), 52, dort auch die Zitate.

3 Die Beine der Hohenzollern interpretiert an Standbildern der Siegesallee in Primaneraufsätzen aus dem Jahre 1901, versehen mit Randbemerkungen Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II., hg. v. Helmut Casper, mit einer Vorbemerkung von Dieter Hildebrandt, Berlin 2001, 25.

4 Lehnert: Kaiser und Siegesallee (wie Anm. 1), 39, 52.

5 Siehe Zwölf Jahre am deutschen Kaiserhof. Aufzeichnungen des Grafen Robert Zedlitz-Trützschler, ehemaliger Hofmarschall Wilhelms II., Stuttgart 1925, 246. Der Kaiser, so Zedlitz-Trützschler, habe Koser dafür gewonnen, "'Geschichte' in für ihn günstigem Sinne zu schreiben".

6 Erlass des Kaisers bei Reinhold Koser: Die historischen Denkmale der Sieges-Allee der Berliner Tiergartens, in: Hohenzollern-Jahrbuch 2 (1898), 18-27, 19.

7 Uta Lehnert: Wilhelm II. gegen Berlin. Mit spitzer Feder durch die "Siegesallee", in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 93 (1977), 290-297, 290.

8 Zitiert bei Lehnert, Wilhelm II. (wie Anm. 7), 290.

9 Zum Vorstehenden und den Zitaten, Lehnert: Kaiser und Siegesallee (wie Anm. 1), 53f.

10 Reinhold Koser: Die historischen Denkmale in der Sieges-Allee des Berliner Tiergartens, in: Hohenzollern-Jahrbuch 2 (1898), 18-27; Hohenzollern-Jahrbuch 4 (1900), 360-379; Hohenzollern-Jahrbuch 5 (1901), 252-268; Hohenzollern-Jahrbuch 6 (1902), 241-245.

11 Koser, Denkmale (wie Anm. 10), Bd. 6 (1902), 245.

12 Heinrich von Treitschke: Politik. Vorlesungen, hg. von Max Cornicelius, 2. Bde., 2. Aufl., Leipzig 1899, Bd. 1, 6.

13 Die Reden Kaiser Wilhelms II. in den Jahren 1888-1895. Gesammelt und herausgegeben von Johannes Penzler, 1. Tl., Leipzig 1904, 95.

14 Wilhelm II.: Reden (wie Anm. 13), 265.

15 Dazu Andreas Rose: Wilhelm I. – ein Großer?, in: Friedrich und die historische Größe. Beiträge des dritten Colloquiums in der Reihe "Friedrich300" vom 25./26. September 2009, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300 - Colloquien, 3) URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-groesse/rose_wilhelm <27.11.2015 09:25>

16 Wilhelm II.: Reden (wie Anm. 13), 169.

17 Wilhelm II.: Reden (wie Anm. 13), 170.

18 Wilhelm II.: Reden (wie Anm. 13), 168 und 171.

19 Wilhelm II.: Reden (wie Anm. 13), 207.

20 Vgl Franziska Windt: Majestätische Bilderflut. Der Kaiser in der Photographie, in: Dies., Jürgen Luh, Carsten Dilba: Die Kaiser und die Macht der Medien, Berlin 2005, 67-97.

21 Dazu Liesbeth Ruitenberg: Der fotografische Nachlass von Wilhelm II., in: Der Kaiser im Bild. Wilhelm II. und die Fotografie als PR-Instrument, Zaltbommel 2002, 10-15. – Saskia Asser / Liesbeth Ruitenberg: Der Kaiser im Bild. Wilhelm II. und die Fotografie als PR-Instrument, in: Der Kaiser im Bild. Wilhelm II. und die Fotografie als PR-Instrument, Zaltbommel 2002, 16-76, 29-20. Abbildungen von Fotos Auguste Victorias 113-114.

22 Wilhelm II.: Reden (wie Anm. 13), 96.

23 Heinrich von Sybel: Ueber die Emancipation der Frauen, Bonn 1870, zitiert bei Nadja Bender: Männer ohne Frauen. Das Geschichtsbild der Hohenzollern und ihrer Historiker, in: Frauensache. Wie Brandenburg Preußen wurde, hg. von der Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Dresden 2015, 62-75, 64.

24 Ferdinand Hirsch: Die Briefe der Kurfürstin Luise Henriette von Brandenburg an den Oberpräsidenten Otto von Schwerin, in: FBPG 8 (1895), 173-206.

25 Paul Bailleu: Aus einem Stammbuch der Königin Luise, in: FBPG 8 (1895), 251-253.

26 Richard Doebner: Aktenstück betreffend die Vernichtung der Briefschaften Sophie Charlottes, Königin von Preußen, 1705, in: FBPG 11 (1898), 541-542.

27 Hilde Binder: Queen Viktoria und König Wilhelm im Jahre 1866, FBPG 47 (1935), 104-121.

28 Else Brökelschen-Kemper: Ein unbekannter Brief der Königin Luise, in: FBPG 48 (1936), 388-390.

29 Charlotte Jolles: Theodor Fontane und die Ära Manteuffel. Ein Jahrzehnt im Dienste der Preußischen Regierung, in: FBPG 49 (1937), 57-114.

30 Toni Saring: Kurfürstin Anna, in: FBPG 53 (1941), 248-295.

31 Erich Marcks: Männer und Zeiten. Aufsätze und Reden zur neueren Geschichte, 2 Bde., Leipzig 1911.

32 Friedrich Meinecke: Das Leben des Generalfeldmarschalls Hermann von Boyen, 2. Bde., Stuttgart 1896-1899.

33 Friedrich Meinecke: Erlebtes 1862-1919, Leipzig 1941. – Ders.: Straßburg, Freiburg Berlin 1901-1919, Stuttgart 1949, 190-196.

34 Lehnert: Kaiser und Siegesallee (wie Anm. 1), 63.

35 Nach Meinecke: Erlebtes (wie Anm. 33), 117. Dort auch die Zitate.

36 Reinhold Koser: Sophie Charlotte, die erste preußische Königin, in: Deutsche Rundschau 13 (1887), Heft 12, wieder abgedruckt in: Ders.: Zur preußischen und deutschen Geschichte. Aufsätze und Vorträge, Stuttgart und Berlin 1921, 38-63, 38.

37 Koser: Sophie Charlotte (wie Anm. 36), 58.

38 Koser: Sophie Charlotte (wie Anm. 36), 62.


PSJ Metadata
Jürgen Luh
Die Männergeschichte der Siegesallee
Beiträge des zweiten Colloquiums in der Reihe „Kulturgeschichte Preußens - Colloquien“ vom 10. und 11. Oktober 2014, hg. von Jürgen Luh und Julia Klein (KultGeP - Colloquien, 2)
de
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Preußen bis 1947
Plastische Künste, Bildhauerkunst, Politikgeschichte
19. Jh.
1895-1901
Denkmal (4011453-3), Geschichtsbild (4071769-0)
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J. Luh: Die Männergeschichte der Siegesallee
In: Perspektivweitung – Frauen und Männer machen Geschichte. Beiträge des zweiten Colloquiums in der Reihe „Kulturgeschichte Preußens - Colloquien“ vom 10. und 11. Oktober 2014, hg. von Jürgen Luh und Julia Klein (KultGeP - Colloquien, 2)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/kultgep-colloquien/2/luh_siegesallee
Veröffentlicht am: 15.02.2016 16:33
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