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T. Weißbrich: Weibliche Regimentschefs und Heldenjungfrauen

KultGeP - Colloquien 2 (2016)

Thomas Weißbrich

Weibliche Regimentschefs und Heldenjungfrauen.

Frauen, Uniformen und Militär im Königreich Preußen

Abstract

In der gemeinhin als frauenfrei geltenden königlich preußischen Armee waren gelegentlich sehr wohl Frauen anzutreffen, zum Teil versteckt handelnd, zum Teil in offiziell-repräsentativer Funktion. Der folgende Beitrag untersucht erstmals diese beiden Phänomene in der Doppelperspektive: die Frauen aus der Bevölkerung, die als Mann verkleidet in die Armee eintraten und in Mannschaftsrängen Kriegsdienst leisteten, sowie die Frauen, die zum Haus Hohenzollern gehörten und von den Herrschern zu Regimentschefs ernannt wurden. Während das Transvestieren, also das Einnehmen der Rolle eines anderen Geschlechts mittels Kleidung, das Forschungsinteresse vor allem der Gender Studies bereits mehrfach auf sich gezogen hat, ist das höfisch-militärische Ehrenamt adeliger Damen – eine preußische Erfindung – bislang vergleichsweise selten betrachtet worden. Dabei verliefen beide Entwicklungen weitgehend parallel. An Akteurinnen aus beiden Bereichen, unter ihnen Anna Sophia Dettloff und Eleonora Prochaska sowie Königin Luise und Prinzessin Victoria Luise, werden die Motive der Frauen und ihre Handlungsräume sowie die zeitgenössischen und historiografischen Deutungen der Phänomene umrissen.

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"Herr Lieutenant, ich bin ein Mädchen!" Mit diesem dramatischen, von einem Geschichtsschreiber vermutlich frei erfundenen, in der borussischen Historiografie über die Befreiungskriege jedenfalls oft kolportierten Ausruf soll Eleonore Prochaska, nachdem sie in der Schlacht bei Dennewitz am 16. September 1813 ein Schuss getroffen hatte, ihre wahre Identität preisgegeben haben.1 Die junge Frau hatte sich, so viel steht fest, als Mann ausgegeben, war in die preußische Armee eingetreten, kämpfte gegen die französischen Truppen und fiel. Das alles scheint zunächst nicht zu den geläufigen Vorstellungen vom Militär zu passen.

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Das preußische Heer war, wie die anderen europäischen Armeen, Macht- und Herrschaftsfaktor und oft das letzte Mittel zur Durchsetzung politischer Interessen. Dabei beeinflusste es, zusammen mit anderen sozialen und ideologischen Faktoren, auch nachhaltig die Konstruktion von Geschlechterrollen, die dem Mann aktiv-kreative Eigenschaften zuschrieb, der Frau, gegengleich, passiv-rezeptive.2 Diese gesellschaftlichen Rollen schlugen sich in Verhaltens- und Umgangsweisen, in beruflichen Tätigkeiten und rechtlichen Auffassungen nieder. Im Königreich Preußen kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Vorstellung vom "Staatsbürger" als "Nationalkrieger" auf und die allgemeine Wehrpflicht machte das Heer zur "Schule der Nation".3 Die Verbindung von Wehrpflicht und staatsbürgerlichen Rechten schloss Frauen von politischer Partizipation weitgehend aus.

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Dieser Ordnung der Geschlechter verlieh die Kleidung Sichtbarkeit. Die militärische Uniform galt als besonderer Ausdruck männlicher Stärke und sogenannter preußischer Tugenden wie Tapferkeit, Gehorsam und Pflichtbewusstsein.4 Doch konnte die strenge geschlechtsspezifische Kleiderordnung auch aufgebrochen werden: durch das, modern formuliert, cross dressing, durch den Tausch der Kleider.5

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Seit der Frühen Neuzeit gab es immer wieder Frauen, die sich als Mann verkleideten und so zu Soldaten wurden. Dies änderte allerdings nichts an dem grundsätzlichen Umstand, dass das Militär ein quasi "frauenfreier Raum" war und blieb.6 Während Frauen, die Soldatenuniformen trugen, direkt am militärischen Leben teilnahmen und im Fall ihrer Entdeckung Fragen nach der Geschlechterordnung aufwarfen, wiesen Preußens Könige manchen adeligen Damen gänzlich andere Funktionen im Heer zu. Sie ernannten Königinnen, Prinzessinnen und Herzoginnen zu Regimentschefs und gaben ihnen damit repräsentative Ehrenstellungen.7

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Im Folgenden werden diese beiden Phänomene, die die königlich preußische Armee von ihrem Entstehen bis zu ihrem Untergang begleiteten, in ihrer geschichtlichen Erscheinung und Entwicklung parallel betrachtet.8 Hierbei wird zum einen der Frage nachgegangen, in welchen Situationen sich den Frauen neue Handlungsräume eröffneten und wie diese beschaffen waren, und zum anderen der Frage, wie die Akteurinnen ihr Handeln begründeten und wie ihre männlichen Zeitgenossen es deuteten.

Überlebensgemeinschaften und stehendes Heer

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Seit dem Mittelalter begleiteten ungezählte Frauen die Söldnerheere auf den Feldzügen kreuz und quer durch die Lande und bildeten mit Männern zusammen, vor allem während des Dreißigjährigen Krieges, Arbeits- und Überlebensgemeinschaften.9 Die Aufgaben, die ihnen hierbei zufielen, unterschieden sich nur wenig von denen des zivilen Lebens: Frauen waren für die Verpflegung, Haushaltsführung und Kindererziehung zuständig und sorgten für Kranke und Verletzte.10 An den unmittelbaren Kampfhandlungen hatten sie keinen aktiven Anteil, griffen jedoch auch bei Plünderungen zu oder konnten, wenn der Tross in die Hände der Gegner fiel, zu Opfern von Raub, Vergewaltigung und Mord werden.

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In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in der sich das Militär europaweit grundlegend wandelte, änderten sich diese Verhältnisse.11 Aus den im Bedarfsfall angeworbenen, sich selbst versorgenden und nach Erfüllung der Aufgaben entlassenen Söldnerheeren wurden stehende, dauerhaft eingerichtete Armeen, die der staatlichen Kontrolle unterlagen; es entstanden Garnisonen, Kasernen und Magazine.12 Diese Veränderungen lieferten der Obrigkeit die Gründe, um immer weniger Frauen die Teilnahme an Feldzügen zu erlauben.

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Eine für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Stellung im Heer hatte Kurfürstin Dorothea, die zweite Gemahlin Friedrich Wilhelms von Brandenburg: 1676, im Niederländisch-Französischen Krieg, ernannte der Kurfürst seine Frau zur Inhaberin des neu aufgestellten "Leib-Regiments zu Fuß". Chef eines Regiments zu sein, war ein Ehrenamt.13 Die Aufgaben waren vornehmlich repräsentativer Natur, die tatsächliche Führung der Truppe oblag einem Kommandeur. Verliehen wurde eine solche Stelle stets vom Herrscher, der dadurch seine Gunst ausdrückte, den Beliehenen aber auch in die Pflicht nahm – was die männlichen Familienmitglieder, Verwandte und dem Herrscherhaus Nahestehende für diese Position prädestinierte.

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Schon vor 1676 hatte Dorothea ihren Mann nicht nur auf seinen diplomatischen Reisen begleitet, sondern auch auf militärischen Unternehmungen (Abb. 1). Die Kurfürstin habe sich, so fasst es ein Chronist zusammen, weder durch "die Weite noch die Unbequemlichkeit des Weges so wol zu Lande als zu Wasser / noch auch die strengeste Winters-Zeit […] abhalten lassen / Sr. Churfürstl. Durchl. welcher aller Heer-Züge Führer gewesen / in dero Expeditionen […] und […] Belägerungen zu folgen / und gemeine Gefahr / Mühe und Ungelegenheit mit deroselben auszustehen" – ein Verhalten, das man damals als Ausweis von besonderer Liebe und Treue deutete.14


Abb. 1: Dorothea von Holstein-Glücksburg bei ihrem Mann Friedrich Wilhelm von Brandenburg in der Batterie vor Anklam, Friedrich Georg Weitsch, 1800, Öl auf Leinwand, 116 × 161 cm, SPSG, GK I 5142. Foto: SPSG, DIZ/Fotothek, Jörg P. Anders

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Eine Herrscherin als Regimentschef war im Europa des ausgehenden 17. Jahrhunderts ein Novum.15 Möglicherweise beabsichtigte Kurfürst Friedrich Wilhelm jedoch gar nicht, seine zweite Frau auf diese besondere Art auszuzeichnen, sondern sie lediglich als Platzhalterin für ihre gemeinsamen Söhne einzusetzen.16 Für öffentlichkeitswirksame Zwecke wurde ihre Sonderstellung nicht genutzt. Unbekannt ist, ob sie als Regimentschef bestimmte Kleidungsstücke oder spezielle Accessoires trug oder ob es eine besondere Inszenierung gab. Auch die Künstler, die in ihren Werken gerne die Gegenwart in Bezug zur griechisch-römischen Mythologie und Historie und zur Bibel setzten, nutzen in ihren Darstellungen Kurfürstin Dorotheas nicht das zur Verfügung stehende Repertoire.17 Während sich beispielsweise Königin Christina von Schweden, die als 18-jährige die Regierung über das Land im Dreißigjährigen Krieg übernommen hatte, als Amazonenkönigin oder Minerva inszenieren ließ, wurde Kurfürstin Dorothea nicht in vergleichbarer Weise dargestellt.18 Mit ihrem Tod im Jahre 1690 verschwand in Kurbrandenburg der mit einer Herrscherin besetzte Posten des Regimentschef.

Porträts in Uniform und Transvestie

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In dem jungen, seit 1701 bestehenden Königreich Preußen baute Friedrich Wilhelm I., der militäraffine, doch kriegsscheue "Soldatenkönig", eine große Armee auf und schuf damit eine wichtige Grundlage für die spätere Machtstellung des Landes. Unter seiner Regierung etablierte sich das Tragen von Uniformen am Hof. Der Sohn und Thronfolger Friedrich II. nutze die geerbte Militärmacht schon bald zum Führen von Kriegen. In der von ihm bevorzugten Rolle des roi-connétable, des Feldherrn-Königs, ließ er sich auf Herrscherporträts immer wieder in seinem dunkelblauen, mit roten Aufschlägen versehenen Offiziersrock malen, und auch im Kreis der Generäle und Offiziere der preußischen Armee verbreitete sich das Porträt in Uniform (Abb. 2).19


Abb. 2: Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel in Uniform, Joachim Martin Falbe zugeschrieben, um 1755/60, Öl auf Leinwand, 188 × 144 cm, SPSG, GK I 1157. Foto: SPSG, DIZ/Fotothek, Roland Handrick

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Ihre Verbundenheit mit dem Militär demonstrierten auch die hohenzollerischen Herrscherinnen in Mode und Malerei: Friedrichs Mutter, Königin Sophie Dorothea, und seine Frau, Königin Elisabeth Christine, ließen sich in dunkelblauen Kleidern, deren Borten den schmückenden Stickereien preußischer Offiziersuniformen ähneln, malen. Die Botschaft von der engen Beziehung auch des weiblichen Teils der Hohenzollernfamilie zur Armee, die diese Porträts dem höfischen Publikum vermittelten, dürfte gut verstanden worden sein (Abb. 3).


Abb. 3: Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern, Königin von Preußen, Antoine Pesne, 1740/41, Öl auf Leinwand, 140 x 107 cm, Eigentum Haus Hohenzollern, SKH Georg Friedrich Prinz von Preußen, GK I 1027. Foto: SPSG, DIZ/Fotothek, Jörg P. Anders

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Zur gleichen Zeit gab es jedoch auch direkte weibliche Partizipation am friderizianischen Heer. Aus dem Siebenjährigen Krieg ist einer der ersten Fälle von Transvestie in Preußen bekannt. In der Armee Friedrichs des Großen diente eine Frau, die die reguläre Uniform trug und zusammen mit den Soldaten kämpfte: Anna Sophia Dettloff.20 Die junge, aus einfachen Verhältnissen stammende Frau trat zu Beginn des Krieges in das Heer ein. Für die Anwerbung hatte sie eine neue Identität angenommen; sie trug Männerkleidung und nannte sich Karl Heinrich Buschmann, "wobey ihr männliches Aussehen ihr ungemein sehr zu statten kam".21 Ihre Gestalt dürfte auch das Uniformtragen wesentlich begünstigt haben, denn der Justaucorps war im Bereich des Oberkörpers eng geschnitten.22 Nach erfolgreicher Aufnahme in ein Kürassier-Regiment nahm Dettloff an mehreren Schlachten teil, so im Jahr 1759 bei Kunersdorf, bekleidet mit Zweispitz, Kolett, Kürass, Hose und Reitstiefeln. Nach vier Jahren gab sie ihre wahre Identität preis, als sie, zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt, in Arrest kam. In dieser Situation "ergriff sie halb aus Verzweifelung das Mittel, den Lieutenant der Kompagnie ihr Geschlecht zu bekennen und um Entlassung ihrer Dienste zuzusuchen".23

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Während unzählige Frauen an Feldzügen im Tross teilgenommen hatten und ihren etablierten Rollen nachgekommen waren, gab es nur relativ wenige Frauen, die wie Dettloff als Soldatinnen kämpften – umso größer war daher die Aufmerksamkeit, die ihnen von Zeitgenossen und späteren Generationen entgegengebracht wurde. Über die Zahl der verkleideten Soldatinnen in den frühneuzeitlichen Armeen kann nur spekuliert werden. Da sich alle unter falschen, männlichen Namen in die Regimentslisten eintrugen, sind nur "entdeckte" Fälle aus Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, England und den Vereinigten Staaten von Amerika bekannt geworden.24 Doch dürfte die Dunkelziffer nicht allzu hoch liegen, da sich das dauerhaft erfolgreiche Verbergen des eigentlichen Geschlechts unter den militärischen Bedingungen äußerst schwierig erwies.

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Die Gründe und Absichten, die zum cross dressing und Kriegsdienst veranlassten, waren verschieden und ergaben sich oft aus einem Bündel von Motiven.25 Mal war es der Wunsch, an den Vorteilen der männlichen Geschlechterrollen teilzuhaben, mal Abenteuerlust, mal patriotisches Engagement oder wirtschaftliche Erwägungen. Aufklärerische Zeitschriften deuteten den erwähnten Fall der "Pucelle de Pomeranie", der pommerschen Jungfrau. So erkannte ein 1784 in der Rubrik "Erzählungen und Anekdoten" erschienener Artikel in der Zeitschrift "Pommersches Archiv der Wissenschaften und des Geschmaks" als Ursache für Dettloffs Eintritt in die Armee ihr Streben nach Ehre sowie ihr Verlangen, "eine glänzende Rolle in der Welt zu spielen".26 Ihr mehr männliches als weibliches Aussehen habe den Entschluss unterstützt, "den Mann zu spielen, und weit über die Grenze ihres Geschlechts hinaus zu gehen".27 Ihr Transvestismus galt als Transsexualität: Die militärischen Erfolge der preußischen Armee "gaben ihren jugendlichen Leidenschaften eine gewisse Beimischung von Neid und eine Art von Unzufriedenheit, ein Mädchen und nicht ein Mann geboren zu seyn, mit dem Wunsche, dies Hindernis, welches das Schicksal ihrer Ehrbegierde in den Weg gelegt, durch irgend ein Mittel überwinden zu können".28

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Transvestieren war in den christlich geprägten Gesellschaften Europas seit dem Mittelalter streng verboten, von Transsexualität ganz zu schweigen. Wer die Kleidung des anderen Geschlechts trug, der handelte nicht gottgefällig: "Eine Frau soll nicht Männersachen tragen und ein Mann soll nicht Frauenkleider anziehen; denn wer das tut, der ist dem Herrn, deinem Gott, ein Gräul."29 Doch nicht nur aus dem Alten Testament wurden Verbote abgeleitet. Auch nach dem zeitgenössischen Verständnis der Geschlechterrollen war es nicht vorstellbar, Frauen offiziell zum Militär zuzulassen. So erörterte der Jurist Johann Christian Lünig 1723 die "curieuse Frage", ob Frauen im Krieg als Soldaten zu gebrauchen seien und kam dabei zu dem Schluss, dass es "einer bürgerlichen Gesellschaft höchst nachtheilig seyn, und den Wohlstand verletzten würde, wenn entweder die Männer zu Hause bleiben, und die Weiber in Krieg lauffen, oder beyde zugleich Soldaten abgeben wollten, indeme dadurch die Kinder-Zucht […] vernachlässiget, und die Haußhaltung, welcher vorzustehen der Weiber vornehmstes Amt ist, zu Grunde gehen, und die Unzucht befördert werden würde".30 Und drei Jahre später stellte Hans Friedrich von Fleming in seiner enzyklopädischen Abhandlung über das Heerwesen apodiktisch fest: "Es schicket sich keine Weibes-Person zum Soldaten Diensten."31

Weibliche Regimentschefs und Heldenjungfrauen

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An den für lange Zeit unverrückbar festen Vorstellungen von Geschlechterrollen begann sich erst zum Ende des 18. Jahrhunderts etwas zu ändern – jedoch nicht in Preußen, sondern in Frankreich. Die Impulse dazu gab 1789 die Französische Revolution. An den umwälzenden Vorgängen hatten auch zahlreiche Frauen teilgenommen, und diese forderten daraufhin ihre Gleichberechtigung sowie das Recht auf Bewaffnung. Im März 1792 erklärte Pauline Léon, Sprecherin der Pariser Frauen, der Nationalversammlung mit Verweis auf die égalité:

"Ja, Waffen sind es, die uns fehlen, und wir möchten Euch um Erlaubnis bitten, uns damit auszustatten […]. Ihr dürft uns nicht zurückweisen, und die Gesellschaft darf uns dieses von der Natur gegebene Recht nicht streitig machen, es sei denn man behauptet, die Deklaration der Rechte habe auf die Frauen keinerlei Anwendung."32

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Im Sinne bürgerlicher Gleichberechtigung forderten auch andere Französinnen das Recht, sich zu bewaffnen und in die Armee einzutreten.33 Die Frage, welche Uniformen sie tragen würden, blieb undiskutiert. Hatten die verkleideten Soldatinnen bislang aus persönlichen Gründen gehandelt, wurden nun erstmals auch politisch-emanzipatorische Motive artikuliert. Die französische Nationalversammlung lehnte die Frauenforderungen allerdings strikt ab.34

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Die zunächst vom revolutionären, dann vom napoleonischen Frankreich ausgelösten Kriege zerrissen bald ganz Europa. Während sich der seit 1797 regierende preußische König Friedrich Wilhelm III. außenpolitisch um Neutralität bemühte, bezog seine junge Gattin Luise am Hofe klare Position: gegen Napoleon I., den Kaiser der Franzosen. In dieser Zeit des krisenhaften Übergangs von alter ständisch geprägter zu moderner, nationalbewusster Staatlichkeit wurde in Preußen wieder ein weiblicher Regimentschef ernannt.

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Im März 1806 hatte sich die Lage so zugespitzt, dass eine neutrale Position Preußens unmöglich wurde. Als während einer Parade in Berlin das Dragoner-Regiment Nr. 5 die Aufmerksamkeit des königlichen Paares auf sich zog, ernannte Friedrich Wilhelm III. seine Gattin Luise kurzerhand zum Chef dieser Einheit, die darauf per allerhöchster Kabinettsorder in "Dragoner-Regiment der Königin" umbenannt wurde.35 Hinter dem schnellgefassten Entschluss, Luise die durch den Tod des alten Inhabers freigewordene Stelle zu geben, steckte vermutlich Friedrich Wilhelms Versuch, das anti-napoleonische Engagement seiner Frau zu unterstützen.

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Der Handlungsraum, der sich Königin Luise eröffnete, war begrenzt. Sie wurde zwar über alle wichtigen Regimentsangelegenheiten regelmäßig informiert, hatte jedoch keine Befehlsgewalt. Das Prestige ihrer Stelle war indes groß: Zu den repräsentativen Aufgaben gehörte nämlich die öffentlichkeitswirksame Demonstration militärischer Macht, das Abnehmen der Parade. Zu diesem Zwecke wurde zum ersten Mal eine speziell weibliche Uniform angefertigt. Luise ließ sich ein Kleid im Stil der Offiziersuniform ihres Regiments schneidern, in dem sich ihr Modebewusstsein und der "Uniformtick" des Königs niederschlugen.36 Es bestand aus einem eng geschnittenen blauen Spenzer mit karmesinroten Rabatten und Aufschlägen, silbernen Litzen sowie einem farblich dazu passenden Reitrock. Anstelle des von den Offizieren vorschriftsmäßig getragenen Zweispitzes trug Luise einen schwarzen Hut. So gekleidet, fuhr sie am 18. September 1806 vor dem in den Krieg ziehenden Regiment durch Berlin und ließ es hinter dem Brandenburger Tor an sich vorbeiziehen.

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Ein weiblicher Regimentschef rief in der Truppe indes nicht nur Begeisterung hervor, sondern auch den Spott des alten Offizierskorps. Für Friedrich August Ludwig von der Marwitz war die Angelegenheit eine "harmlose Weiberfreude".37 Vor allem die französische Presse überzog die Königin mit Hohn. Die napoleonische Propaganda publizierte verschiedene Flugblätter, darunter eines, auf dem sie ihre Truppen mit Worten in den Kampf schickt, die ihr der Teufel ins Ohr flüstert.38

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Eine nähere Beziehung zwischen dem Regiment und seinem neuen Chef vermochte sich nicht zu entwickeln, denn nur wenige Monate nach der Verleihung wurde die Einheit in der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 fast vollständig aufgerieben. Nicht mehr in Uniform, sondern in einem modischen Kleid traf Königin Luise im Juli des darauffolgenden Jahres Kaiser Napoleon in Tilsit und bat ihn um milde Friedensbedingungen.

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Nach dem frühen Tod von Luise 1810 durfte das Regiment den Namen der Königin weiterhin führen. "Der Eindruck", heißt es in der Regimentsgeschichte dazu, "welchen diese Allerhöchste Gnade damals auf das ganze Regiment machte, war ungemein erhebend, und in dieser Stimmung ward der Entschluß feierlich erneuert, unter allen Verhältnissen durch unerschütterliche Treue und, wo sie gefordert werden möchte, auch mit völliger Hingebung, dieses höchsten Namens sich überall würdig zu bezeigen".39 In dieser Reaktion zeigt sich die offenbar enge, emotional und moralisch verpflichtend empfundene Beziehung der Soldaten zur Königin. Der vergebliche Tilsiter Bittgang wurde später zu einem Grundstein für den nationalen Luisenmythos, und auch ihre Rolle als Regimentschef wurde bis ins frühe 20. Jahrhundert immer wieder in Erinnerung gerufen (Abb. 4).40 Und mehr noch: Seit Luise galten alle Königinnen von Preußen als Chef des "Regiments der Königin".