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B. Beck: Das letzte Monarchenfest

Kulturgeschichte Preußens - Colloquien 4 (2017)

Barbara Beck

Das letzte Monarchenfest

Die Hochzeit der Kaisertochter Viktoria Luise in Berlin 1913

Abstract

Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen die Hochzeitsfeierlichkeiten der Kaisertochter Viktoria Luise und des Welfenprinzen Ernst August im Mai 1913 in Berlin, bei denen sich zum letzten Mal die ganze jahrhundertealte Pracht der monarchischen Formensprache entfalten konnte, bevor der Erste Weltkrieg eine tiefe Zäsur bildete. In Ausgestaltung und Wirkung jedoch verband sich bei diesem dynastischen Großereignis gleichzeitig auch Neues mit den alten Traditionen, wie im Folgenden anhand der einzelnen Festlichkeiten aufgezeigt werden wird. Gerade wegen dieser auffälligen Begegnung von alter und neuer Zeit hat diese Hochzeit vor allem in den letzten Jahren das Interesse der Forschung gefunden.

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Die glanzvolle Hochzeit der preußischen Prinzessin Viktoria Luise mit dem Prinzen Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg,1 gilt als letzter Höhepunkt monarchischer Festkultur alten Stils, da nur wenige Jahre später eine Vielzahl der europäischen Monarchien nicht mehr existierte. Für das Haus Hohenzollern war es daher nach den Worten der Prinzessin Viktoria zu Schaumburg-Lippe, einer jüngeren Schwester Kaiser Wilhelms II., die letzte Hochzeit, "die nach der alten Tradition gefeierte wurde"2. Das Fest in Berlin bot einerseits noch den ganzen überlieferten Prunk und Pomp des monarchischen Zeitalters, andererseits wurde es bereits mit den damals neuesten medialen Mitteln für ein Massenpublikum in Szene gesetzt. Hoheitliches, Privates und Öffentliches gingen scheinbar nahtlos ineinander über. Die Bevölkerung wurde entweder durch direkte Teilnahme an einzelnen Festivitäten oder durch indirekte Beteiligung mittels Zeitungsberichten, Filmen oder Fotopostkarten in dieses dynastische Ereignis der europäischen Hocharistokratie einbezogen.

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Viktoria Luise, die einzige Tochter Kaiser Wilhelms II., und Ernst August, der einzige noch lebende Sohn des einstigen Kronprinzen von Hannover und nunmehrigen Herzogs von Cumberland, hatten sich im Frühjahr 1912 kennengelernt. Seit 1866 waren die Häuser Hohenzollern und Hannover miteinander verfeindet, da Preußen nach dem Deutschen Krieg das Königreich Hannover annektiert und zur preußischen Provinz gemacht hatte. Die hannoversche Königsfamilie lebte seitdem in Österreich im Exil. Ab 1884 wurde das Verhältnis der Welfen zu den Hohenzollern3 noch zusätzlich durch die braunschweigische Thronfolgefrage belastet. Mit dem Ausstreben der älteren Linie der Welfen in Braunschweig stand eigentlich der jüngeren Linie, dem Haus Hannover, die Sukzession in Braunschweig zu, was Preußen wegen deren weiterhin eingeforderten Anspruchs auf das Königreich Hannover zu verhindern gewusst hatte. Dank der sich anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Viktoria Luise und Ernst August4 war es nach Überwindung allerlei dynastischer und politischer Hindernisse möglich, dass im Mai 1913 jene glanzvolle Hochzeit gefeiert werden konnte, auf die nun eingegangen werden soll.

Die Hochzeitsgäste

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Als Hochzeitsdatum wurde der 24. Mai festgelegt, der Geburtstag von Queen Victoria, die nicht nur die berühmte Urgroßmutter der Braut, sondern auch die Ahnin eines nicht geringen Teils der fürstlichen Gäste war. Da es sich bei dieser Vermählung in erster Linie um ein Familienfest handelte, wurden ausschließlich Familienmitglieder und enge Freunde des Brautpaares eingeladen. Dank Viktoria Luises und Ernst Augusts enger Verwandtschaft mit dem englischen wie mit dem russischen Herrscherhaus kamen als einzige ausländische Regenten und zugleich ranghöchste Gäste das englische Königspaar George V. und Mary sowie der russische Zar Nikolaus II. nach Berlin. Zarin Alexandra ließ sich aus gesundheitlichen Gründen entschuldigen.5 Dass erstmals zwei regierende Monarchen der Vermählung einer preußischen Prinzessin beiwohnten, wurde als besondere Ehre eingeschätzt. Diese hochrangigen Gäste unterstrichen durch ihre Anwesenheit eindrucksvoll den Rang des deutschen Kaiserreichs und der Hohenzollern. Als Vertreter europäischer Großmächte gaben sie dem Fest überdies ein politisches Gepräge, obwohl dies die britische Regierung von vorneherein bewusst in Abrede gestellt hatte. Die europäische Presse schrieb diesem Zusammentreffen trotzdem politische Aussagekraft zu.6

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Von den deutschen Bundesfürsten nahmen nur der damalige Braunschweiger Regent, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin7, sowie die Großherzöge von Mecklenburg-Schwerin, von Baden und von Hessen mit ihren Ehefrauen daran teil. Bis auf den Braunschweiger Regenten waren diese deutschen Fürsten alle aus familiären Gründen anwesend. Ansonsten gehörten noch die Brüder der Braut mit ihren Ehefrauen, die Geschwister des Kaisers mit ihren Ehepartnern8 und die anderen Verwandten aus dem preußischen Königshaus zu den Gästen. Anwesend waren zudem mehrere Mitglieder des Hauses Schleswig-Holstein, aus dem Kaiserin Auguste Viktoria stammte. Abgesehen von den Eltern des Bräutigams, dem Herzogspaar Ernst August und Thyra von Cumberland, reisten auch die Schwestern des Welfenprinzen mit ihren Ehemännern an. Von Seiten des Bräutigams kam noch sein Onkel Prinz Waldemar von Dänemark in Begleitung seiner beiden älteren Söhne, die frühere Regimentskameraden von Prinz Ernst August bei dem Bayerischen 1. Schweren-Reiter-Regiment waren und zu seinem Freundeskreis gehörten. Zu den Gästen, die auf Ernst Augusts persönlichen Wunsch eingeladen wurden, zählte auch Prinz Heinrich von Bayern, der ebenfalls als Offizier im Schweren Reiterregiment diente. Prinzessin Viktoria Luise lud ihre ehemaligen Erzieher, Lehrer und Gouvernanten sowie ihre Freundinnen ein, die größtenteils Töchter der obersten Hofbeamten waren. Darüber hinaus ließen sich viele Länder durch ihre Botschafter und Gesandte bei den Festlichkeiten repräsentieren. In die Gästeschar reihten sich außerdem noch ranghohe Politiker wie der Reichskanzler von Bethmann-Hollweg und mehrere Minister ein.

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Alles in allem fanden sich 1.155 Gäste zur Hochzeit ein.9 Die Fürstlichkeiten, die nach Berlin kamen, wurden noch zusätzlich von Mitgliedern ihrer jeweiligen Hofstaaten begleitet. Die vornehmsten Gäste wurden im Berliner Schloss untergebracht. Da die Zahl der Gästeappartements dort nicht ausreichte, wurden für Familienmitglieder teilweise Räumlichkeiten in den nahegelegenen Palais der Hohenzollern bereitgestellt. Andere Gäste wurden in den Berliner Luxushotels einlogiert.10

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Für die Planungen war das preußische Oberhofmarschallamt verantwortlich. Die Leitung lag bei dem erfahrenen Grafen August zu Eulenburg, der nicht nur Minister des Königlichen Hauses, sondern auch Oberhofmarschall war. Sir Frederick Ponsonby, der Stallmeister von König George V., vermerkte hierzu anerkennend, dass alles bis in die Einzelheiten sorgfältig durchorganisiert war.11 Die Hochzeitsfeierlichkeiten dauerten insgesamt vier Tage, vom 21. bis 24. Mai 1913. Hauptschauplatz der Festivitäten war das Berliner Schloss. Im Ganzen sollte das Fest 285.521,29 Mark, umgerechnet in unsere heutige Währung etwa 1,28 Millionen Euro, kosten.12

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Die ranghöchsten Gäste empfing Kaiser Wilhelm II. jeweils persönlich am Bahnhof, wobei er sich in ständig wechselnden Uniformen präsentierte. Da es unter den regierenden Häusern üblich war, sich gegenseitig Chefstellen von Regimentern zu verleihen, trug der Kaiser zu Ehren der Gäste jedes Mal die Uniform des ihm von diesen verliehenen Regiments. In Wilhelms Begleitung befanden sich meist Kaiserin Auguste Viktoria, weitere Mitglieder des Hauses Hohenzollern und eine Vielzahl höfischer und staatlicher Würdenträger. Als erste Gäste trafen am 21. Mai der englische König George V. und Königin Mary ein. Als weitere wichtige Gäste folgte am 22. Mai das Herzogspaar Ernst August und Thyra von Cumberland mit Tochter Olga. Am selben Tag kam der russische Zar per Sonderzug an. Sowohl Nikolaus II. wie vor ihm schon George V. trugen zu diesem Anlass die Uniformen ihrer preußischen Regimenter.

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Der Einzug der vielen Hochzeitsgäste in die deutsche Reichshauptstadt bot ein farbenfrohes Bild. Auf den mit Fahnen und Girlanden geschmückten Straßen und Plätzen, die an den Einzugsrouten lagen und von Garderegimentern und Polizeispalieren gesäumt wurden, drängten sich die Schaulustigen. In einem Bericht der Deutschen Volkszeitung heißt es dazu: "Für die Dauer einer Stunde gibt es Augenweide, die schon des geduldigen Ausharrens wert ist. Der Anmarsch der Ehrenkompagnien, das Eintreffen der hohen Offiziere und Beamten in ihren goldstrotzenden Uniformen, die Auffahrt des Hofes und endlich der feierliche Einzug selbst – das alles sind Bilder von großem Reiz!"13 Die Berliner Illustrirte Zeitung sprach von einer "hochzeitlichen Fürstenparade"14, die die Zuschauer unterhielt.15

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Zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zur Gewährleistung der Sicherheit für die Gäste wurden zahlreiche Soldaten und Polizisten eingesetzt. Gerade für Nikolaus II. wurden besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen, da auf ihn bereits früher Attentate verübt worden waren. Dass er bei seinem Einzug an der Seite von Wilhelm II. in einem offenen Galawagen fuhr, galt schon als hohes Sicherheitsrisiko.16 Generell hatte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Attentatsgefahr für Monarchen stark zugenommen, weshalb sich die Berliner Polizei in höchster Alarmbereitschaft befand.17 Zur Erleichterung der Verantwortlichen gingen die Feierlichkeiten ohne Störungen vonstatten.18 Trotz dieser latenten Terrorgefahr zeigten sich die hohen Gäste zur Freude des Publikums auch während der folgenden Tage bei allerlei Unternehmungen.

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Die beim Berliner Publikum so beliebte Einholung der Braut in der von acht Pferden gezogenen, Gold verzierten Staatskarosse des preußischen Königshofes entfiel dieses Mal. Der festlich begangene Brauteinzug gehörte eigentlich zu den ganz wesentlichen Elementen der öffentlichen Inszenierung von Fürstenhochzeiten. Das prachtvolle Spektakel hätte bei der Kaisertochter und Berlinerin Viktoria Luise, deren Hochzeit in ihrer Heimat gefeiert wurde, jedoch wenig Sinn gemacht. Als Ersatz musste der schon am 13. Februar 1913 nach der Verlobung in Karlsruhe erfolgte wesentlich schlichtere Einzug des Prinzen Ernst August in Berlin gelten.19

Die Hochzeitsfeierlichkeiten

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Gemäß altem Herkommen wurden die Vermählungsfeierlichkeiten bei den Hohenzollern mit einer abendlichen Galatafel eröffnet. Dieses Festessen unter diskreter Musikbegleitung dauerte am 22. Mai rund eine Stunde. Da an der Tafel im Weißen Saal des Berliner Schlosses nur 185 der Festgäste Platz fanden, wurden die übrigen Gäste in sieben weiteren Paraderäumen zum Essen platziert. Im Weißen Saal zierte die Tafel das sogenannte Städtesilber. Dieses vergoldete Tafelsilber hatte das Kaiserpaar 1881/1883 von den preußischen Städten zu seiner Hochzeit geschenkt bekommen.20

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Während der 23. Mai als Ruhetag für die Gäste galt, empfing das Brautpaar gemeinsam mit der Kaiserin um 11 Uhr die Deputationen und Abordnungen der Städte, Ritterschaften und der anderen Korporationen in der Braunschweigischen Galerie des Schlosses zur Empfangnahme der Geschenke und der Huldigungsadressen. Am Abend wurde für die Hochzeitsgesellschaft in der blumengeschmückten Oper Unter den Linden auf Wunsch der Braut der erste Akt von Richard Wagners Oper "Lohengrin" gespielt. Die Anfahrt der Fürstlichkeiten und Gäste ließ die Schaulustigen dabei wieder auf ihre Kosten kommen. An die Galaaufführung in der Oper schloss sich ein Cercle mit Büffet an, der es den Gästen erlaubte, sich kurz den Fürsten zu präsentieren. Kaiser Wilhelm II. genoss diesen Abend offenbar sehr; denn laut der Fürstin Marie Radziwill ging er "mit strahlender Miene" an ihr vorbei und warf ihr die Worte zu: "Historischer Tag … historischer Tag … historischer Tag."21

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Die Festlichkeiten am eigentlichen Hochzeitstag, dem 24. Mai, fanden im Berliner Stadtschloss statt und waren allein den geladenen Gästen vorbehalten. Zur Unterhaltung des allgemeinen Publikums dienten lediglich die Anfahrten der Gäste, die um 16 Uhr zur Trauung im Schloss eintrafen. Die Berliner Schulkinder hatten an diesem Tag schulfrei. Die kaiserliche Hofdame Gräfin Mathilde von Keller vertrat zwar die Meinung, dass das Publikum dadurch "auf seine Kosten"22 kam, doch die Tatsache, dass die Berliner Bürgerschaft im höfischen Festzeremoniell nicht entsprechend berücksichtigt wurde, sorgte bei der Hauptstadtpresse teilweise für Verstimmung.23

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Zwar bekam die Öffentlichkeit das Brautpaar nicht in seiner Hochzeitskleidung zu Gesicht, doch wurde darüber ausführlich in der Presse berichtet. Wegen der großen medialen Aufmerksamkeit, die traditionell das Brautkleid fürstlicher Bräute genoss, gaben viele Höfe diese wichtige Robe samt ihrem ganzen Zubehör bewusst bei einheimischen Kräften in Auftrag, um diese gezielt zu fördern.24 Bei der Kaisertochter Viktoria Luise war dies auch der Fall. Ihr Brautkleid samt Schleppe und Schleier entstand in Deutschland.25 Dass daran "ausschließlich deutsche Hände"26 beteiligt waren, hob etwa das Sonderheft der "Woche" hervor. Auf dem Schleier wurde am Hochzeitstag außer einem blühenden Myrtenkranz noch die preußische Prinzessinnenkrone befestigt. Diese kostbare, mit Brillanten besetzte Krone war um 1730 angefertigt worden und diente seitdem allen Bräuten des Hauses Hohenzollern als Schmuck an ihrem Hochzeitstag. In einem feierlichen Akt überbrachten Beamte des königlichen Hausschatzes die Krone, die von der Oberhofmeisterin der Kaiserin in Empfang genommen und an die Kaiserin überreicht wurde, die sie dann ihrer Tochter aufsetzte. Der Bräutigam erschien, wie sich dies seit dem 18. Jahrhundert für Fürstlichkeiten eingebürgert hatte, in der Galauniform seines Regiments, der Rathenower Zieten-Husaren. Außerdem trug er die Schärpe und den Bruststern des Schwarzen Adlerordens, der ihm aus Anlass der Verlobung verliehen worden war.27

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Die standesamtliche Trauung vollzog der preußische Hausminister Graf Eulenburg um 16.30 Uhr im Kurfürstenzimmer. Während dieses Aktes segelte das Luftschiff "Hansa" als spezieller Hochzeitsgruß über dem Schloss und dem Dom. Nach der Ziviltrauung formierte sich der Brautzug mit dem Brautpaar und den höchsten Gästen. Vorneweg zogen laut der vorneherein festgelegten Ordnung das Pagenkorps, zwei Herolde, der Oberstmarschall, die Kammerjunker und Kammerherren sowie die zwei Ehrenkavaliere der Braut. Ihnen folgte das Brautpaar. Hinter Viktoria Luise kamen die vier Trägerinnen ihrer Brautschleppe. Neben der Schleppe ging die stellvertretende Oberhofmeisterin der Prinzessin. Hinter Prinz Ernst August schritt sein Ehrendienst. Ihnen schlossen sich die Eltern des Brautpaares sowie die königlichen und fürstlichen Gäste mit ihren Hofstaaten an. Gemäß dem Hofprotokoll trugen die Damen die höchste Gala, die "Robe de Cour" mit Schleppe.28 Die Herren hatten ihre Galauniformen mit entsprechendem Ordensschmuck angelegt. Der feierliche Zug ging durch den Rittersaal, die Bildergalerie und den Weißen Saal zur Schlosskapelle. Die übrigen Gäste hatten sich in der Zwischenzeit in den Paradekammern versammelt.

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Gegen 17 Uhr fand die kirchliche Trauung durch Oberhofprediger Dr. Ernst Dryander29 in der Schlosskapelle statt. Beim Tauschen der Ringe wurden auf ein Zeichen des diensthabenden Flügeladjutanten hin drei Mal zwölf Salutschüsse vom Lustgarten abgefeuert. Nach der Trauung verließ der Hochzeitszug unter dem Geläut der Berliner Kirchenglocken die Kapelle wieder in der gleichen Ordnung wie beim Einzug.