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D. Geppert: Nation mit "Bundesdorf"

Kulturgeschichte Preußens - Colloquien 4 (2017)

Dominik Geppert

Nation mit "Bundesdorf"

Bonn und Berlin als Regierungssitze

Abstract1

Die Teilung der Nation und die Diskreditierung der eigenen nationalen Tradition sind die beiden zentralen Prämissen, von denen jede Betrachtung zur symbolischen Bedeutung der Hauptstadtfrage in der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz auszugehen hat. Dem neuen westdeutschen Gemeinwesen gelang es im Laufe der Zeit, eine eigene staatliche und gesellschaftliche Identität auszubilden. Je stärker dieses Gemeinwesen wirtschaftlich prosperierte, je mehr sich seine politischen Institutionen bewährten, je erfolgreicher es eine anfangs antidemokratisch oder unpolitisch gesinnte Gesellschaft zu integrieren vermochte, desto deutlicher bildeten sich normative Leitideen und ein spezifisch bundesrepublikanisches Eigengefühl heraus, das seinen Niederschlag in Architektur und Stadtplanung fand – und zwar sowohl am Sitz der Regierung in Bonn als auch in der Westhälfte des geteilten Berlins und später in der wiedervereinigten Hauptstadt. Der Beitrag unterteilt diese Entwicklung im Folgenden in drei Zeitabschnitte: erstens der Notbehelf in doppelter Abgrenzung von 1949 bis Anfang der 1960er Jahre; zweitens die Planungen für die Dauerlösung in den 1960er und 1970er Jahren; und drittens der "Abschied vom Provisorium" (Andreas Wirsching) nach 1980 bis zum Umzug der Regierung nach Berlin im Jahr 1998.

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Die staatliche Gemeinschaft, bemerkte im Februar 1994 Wolfgang Schäuble, damals Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, in einer Bundestagsdebatte, werde nicht nur durch ein System perfektionierter Rechtsnormen zusammengehalten, sondern vor allem auch durch Institutionen. Dies, fuhr Schäuble fort, habe auch mit den Bauwerken zu tun, die diese Institutionen beherbergten: "Ihr Bild prägt sich den Menschen ein, und so verkörpern sie diese Institutionen, repräsentieren sie nach außen".2 Ein anderer Parlamentarier, Winston Churchill, hatte Jahre zuvor denselben Sachverhalt noch prägnanter auf den Punkt gebracht. "We shape our buildings", erklärte er in einer Plenarsitzung des britischen Unterhauses am 28. Oktober 1943, "and afterwards our buildings shape us."3

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Es ist kaum ein Zufall, dass beide Politiker entschiedene Ansichten über den Ort und die architektonische Gestaltung der Volksvertretung in ihren Heimatstaaten hatten. Als der amerikanische Aktionskünstler Christo Mitte der 1990er Jahre plante, das Reichstagsgebäude in Berlin zu verhüllen, gehörte Schäuble zu den vehementesten Gegnern des Projekts, weil er fürchtete, hier werde nicht nur die Würde des Deutschen Bundestags, sondern auch ein Symbol deutscher Geschichte beschädigt. Zugleich war er maßgeblich daran beteiligt, dass im vereinigten Deutschland der Regierungssitz der Bundesrepublik von Bonn nach Berlin verlegt wurde – und dass die Debatte über die symbolische Bedeutung und architektonische Umgestaltung des Reichstagsgebäudes überhaupt erst möglich wurde, in die Christo mit seiner Verhüllungsaktion eingriff.4

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Churchill seinerseits gehörte nach 1945 zu den entschiedensten Befürwortern eines detailgetreuen Wiederaufbaus des von deutschen Bombenangriffen schwer beschädigten britischen Unterhauses – trotz oder zum Teil gerade wegen der unpraktischen Enge, die in der alten "debating chamber" des Unterhauses herrschte: "Wenn das Haus groß genug ist, um alle Mitglieder zu fassen", argumentierte er, "so gehen neun Zehntel seiner Debatten in der bedrückenden Stimmung eines fast leeren oder doch halb leeren Hauses vor sich. Für die Auseinandersetzung im Unterhaus ist wesentlich: Der Gesprächston, die Möglichkeit zu raschen, formlosen Wechselreden. […] der Gesprächston aber verlangt einen recht kleinen Raum; dagegen soll bei großen Gelegenheiten ein Gefühl von Andrang und Dringlichkeit herrschen".5

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Wer einmal im britischen Unterhaus war oder eine Debatte im Fernsehen verfolgt hat, weiß, dass Churchill sich durchgesetzt hat. Das Unterhaus wurde weitgehend so aufgebaut, wie es vor dem Krieg gewesen war. In Westdeutschland kam nach 1945 ein derart selbstbewusster Umgang mit der eigenen Staats- und Parlamentstradition nicht in Frage. Dafür sorgten zum einen der Kalte Krieg, die sich immer stärker abzeichnende Spaltung der deutschen Nation und die Lage der alten Reichshauptstadt inmitten der sowjetisch besetzten Zone, zum anderen aber auch der Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus, der es unmöglich machte, einfach an das architektonische Erbe des Deutschen Reiches anzuknüpfen.

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Die Teilung der Nation und die Diskreditierung der eigenen nationalen Tradition – dies sind die beiden zentralen Prämissen von denen jede Betrachtung zur symbolischen Bedeutung der Hauptstadtfrage in der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz auszugehen hat. Zugleich ist jedoch festzustellen, dass es dem neuen westdeutschen Gemeinwesen im Laufe der Zeit allmählich gelang, eine eigene staatliche und gesellschaftliche Identität auszubilden. Je stärker dieses Gemeinwesen wirtschaftlich prosperierte, je mehr sich seine politischen Institutionen bewährten, je erfolgreicher es eine anfangs antidemokratisch oder unpolitisch gesinnte Gesellschaft zu integrieren vermochte, desto deutlicher bildeten sich normative Leitideen und ein spezifisch bundesrepublikanisches Eigengefühl heraus, das wiederum seinen Niederschlag in Architektur und Stadtplanung fand – und zwar sowohl am Sitz der Regierung in Bonn als auch in der Westhälfte des geteilten Berlins und später in der wiedervereinigten Hauptstadt.6

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Zum Zwecke der Analyse wird diese Entwicklung im Folgenden in drei nicht ganz trennscharfe, sich zum Teil überlappende Zeitabschnitte unterteilt: erstens der Notbehelf in doppelter Abgrenzung von 1949 bis Anfang der 1960er Jahre; zweitens die Planungen für die Dauerlösung in den 1960er und 1970er Jahren; und drittens schließlich der "Abschied vom Provisorium" (Andreas Wirsching) nach 1980 bis zum Umzug der Regierung nach Berlin im Jahr 1998. Der letztgenannte Aspekt wirft zugleich die Frage auf, welche Kontinuitätslinien die Bonner und die Berliner Republik verbinden und welche Brüche zu konstatieren sind. In allen drei Fällen werden die stadtplanerischen und architektonischen Planungen mit der zeitgenössisch jeweils vorgebrachten Kritik an den Entwürfen und deren Umsetzung konfrontiert.

Notbehelf in doppelter Abgrenzung

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Die politischen Hintergründe der Entscheidung für Bonn zunächst als Versammlungsort des Parlamentarischen Rates und später als "Sitz der Bundesorgane", wie es anfangs vorsichtig hieß, sind vielfach beschrieben worden und sollen hier nicht ein weiteres Mal dargelegt werden. Wichtig ist jedoch der Hinweis, dass es nicht bloß der landschaftliche Reiz des Rheintals war, der für Bonn den Ausschlag gab. Auch die Schläue des alten Adenauer oder die Sorge vor der kapitalen Sogwirkung der Mainmetropole Frankfurt reichen als Erklärung nicht aus.7 Was darüber hinaus für Bonn sprach, war die Tatsache, dass dies eben nicht nur eine Stadt der Studenten, Professoren und Rentner war, sondern als preußisch-deutsche Wacht am Rhein über 150 Jahre auch eine wichtige Garnisonsstadt.8 Es gab daher in ausreichender Zahl alte Kasernengebäude, in denen die Ministerien der neuen westdeutschen Regierung untergebracht werden konnten.

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Das Finanzministerium zog 1949 in die ehemalige preußische Husarenkaserne an der Rheindorfer Straße. Nur wenige Meter entfernt in derselben Straße fand das Ministerium des Innern in einer alten Polizeischule Unterschlupf. Als eingefleischter Zivilist fand der erste Innenminister Gustav Heinemann diese Unterbringung zunächst gewöhnungsbedürftig. Die langen Korridore hatten graugrün gestrichene Wände, graue Steinfliesen und Gewehrnischen neben den Türen zu den ehemaligen Mannschaftsstuben. Es hing, so meinte einer der damaligen Beamten im Rückblick, scheinbar noch "der Nachhall von genagelten Rekrutenstiefeln und ein herber Duft nach Lederfett, Waffenöl und Strohsäcken" in der Luft.9

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Auch in anderen Teilen der Stadt bezogen die neuen bundesrepublikanischen Ministerien alte preußische Kasernen. Das Bundesministerium für Landwirtschaft hatte zunächst gemeinsam mit dem Ministerium für Arbeit und Sozialordnung in der Troilo-Kaserne in Duisdorf seinen Sitz. Theodor Blank bereitete seit Oktober 1950 in der Ermekeil-Kaserne in der Bonner Südstadt die Wiederbewaffnung vor, als "Bevollmächtigter des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppenzusammenhängenden Fragen", wie es etwas verklausuliert hieß.

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Bei öffentlich stärker exponierten Institutionen achtete man auf eine zivilere Umgebung. Der Festakt zur Eröffnung des Parlamentarischen Rates fand am 1. September 1948 im "Naturkundlichen Forschungsinstitut und Museum Alexander König" statt, wo Adenauer kurzfristig auch sein erstes Dienstzimmer als Bundeskanzler bezog. Selbst nachdem der Kanzler den ausgestopften Tieren im Museum König im November 1949 den Rücken gekehrt hatte, um ins Palais Schaumburg zu ziehen, blieben noch jahrelang die Büros einiger Mitarbeiter dort untergebracht, einfach deshalb, weil am neuen Amtssitz des Bundeskanzlers zu wenig Platz für die im Vergleich zu heute ohnehin nicht sehr zahlreichen Mitarbeiter des Kanzleramtes war. Das Palais Schaumburg und die direkt daneben gelegene Villa Hammerschmidt als Amtssitz des Bundespräsidenten waren die beiden schönsten Wohngebäude, die nach Kriegsende in Bonn zur Verfügung standen. Beide waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts im spätklassizistischen Stil erbaut worden, in herrschaftlichem Weiß und mit Rheinblick, beide durchaus repräsentativ, aber eher große Villen als regelrechte Schlösser; auch wenn im Palais Schaumburg bis 1929 immerhin die Schwester Kaiser Wilhelms II. gewohnt hatte.


Abb. 1 Naturkundliches Forschungsinstitut und Museum Alexander König, heute Zoologisches Forschungsmuseum König. Foto: privat


Abb. 2 Palais Schaumburg. Foto: privat


Abb. 3 Villa Hammerschmidt. Foto: privat

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Für die Stadtplanung hatten die aus der Not geborenen frühen Provisorien zur Folge, dass es keine Konzentration der Bundesorgane in einem Regierungsviertel gab. Vielmehr waren die verschiedenen Ministerien und Ämter relativ großflächig über das gesamte Stadtgebiet verteilt – mit Schwerpunkten am Südrand der Bonner Altstadt, in der Gronau am Rheinufer, in Duisdorf und im nördlichen Bonn.

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Die sichtbare Außenseite der doppelten ideologischen Abgrenzung dieses Notbehelfs schlug sich naturgemäß nicht so sehr in den zahlreichen Ausweichquartieren und zweckentfremdeten Kasernenbauten nieder, sondern in den wenigen prominenten Neu- und Umbauten jener frühen Jahre. Am deutlichsten wurde dies im so genannten Bundeshaus, dem Tagungsort von Bundestag und Bundesrat, in dem auch schon der Parlamentarische Rat getagt hatte. Auch hier wurde aus Kostengründen nicht völlig neu gebaut. Vielmehr zog das Parlament in die ehemalige Pädagogische Akademie, die in den Jahren 1930 bis 1933 am Rheinufer im Bauhaus-Stil errichtet worden war. Sie wurde für ihren neuen Zweck nach Plänen des Architekten Hans Schwippert umgebaut und um einen Anbau erweitert, in dem der Plenarsaal des Bundestages untergebracht wurde. Funktionalität, Zurückhaltung und Transparenz – das waren die architektonischen Leitideen der zum Bundeshaus umgebauten Akademie. Ähnlich offen, sachlich und modern gaben sich auch die wenigen anderen Regierungsneubauten der frühen und mittleren 1950er Jahre: etwa das 1953/54 errichtete Ministerium für Post- und Fernmeldewesen, der Erweiterungsbau des Finanzministeriums an der Rheindorfer Straße 1951-1954 und das Presse- und Informationsamt an der Welckerstraße 1953-1956.