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M. Jumpers, C. Winkler: Schloss Augustusburg als Gästehaus der Bonner Republik.

Kulturgeschichte Preußens - Colloquien 4 (2017)

Marc Jumpers, Christiane Winkler

Schloss Augustusburg als Gästehaus der Bonner Republik

Eine nicht ausgeführte Planung zum Umbau des Brühler Schlosses

Abstract:

Ein im Archiv des Brühler Schlosses Augustusburg bei Bonn aufgefundener Plansatz vom Sommer 1949, der den projektierten Umbau des historischen Gebäudes zum Repräsentationssitz und Gästehaus des Bundespräsidenten wiedergibt, illustriert anschaulich die Suche der jungen Bundesrepublik nach einem adäquaten Maß baulicher Repräsentation. Nachdem Verantwortliche verschiedenster Landes- und Bundesbehörden eine recht aufwendige Planungen entwickelt und damit diesen Aufwand für die Selbstdarstellung des neuen Staates für angemessen empfunden hatten, wurde dieses Projekt durch das Eingreifen des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss nicht weiter verfolgt. Erst Bundeskanzler Konrad Adenauer, der hergebrachten Formen staatlicher Repräsentation weit mehr Wert beimaß, griff den Gedanken, einen Schlossbau des Ancien Régime für die Bonner Republik zu nutzen, in bescheidenerer Form wieder auf.

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Am 10. Mai 1949 fiel im Parlamentarischen Rat mit einer Mehrheit von zwei Stimmen die Entscheidung, Bonn zum "vorläufigen Sitz der Bundesorgane" des westdeutschen Staates zu bestimmen. Dieser Beschluss stellte die Verantwortlichen von Stadt und Bund vor große infrastrukturelle und organisatorische Herausforderungen. Parlament, Regierung und zahlreiche Gremien beanspruchten Büroräume, die Mitarbeiter der neu zu schaffenden Ministerien benötigten Wohnraum und schließlich mussten würdige Räumlichkeiten für repräsentative Veranstaltungen des Bundespräsidenten und der Bundesregierung gefunden werden. Hierfür wurde das ab 1725 als Sommersitz der Kölner Kurfürsten und Erzbischöfe erbaute Schloss Augustusburg im nur ca. 25 km entfernten Brühl ins Auge gefasst.

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Das Schloss war im Krieg recht stark beschädigt worden. Am 10. Oktober 1944 schlug eine Sprengbombe im Dachgeschoss des Nordflügels ein und brachte die darunterliegenden Gebäudeteile wenig später zum Einsturz (Abb.1). In den Folgemonaten hatte mehrfacher Artilleriebeschuss das Gebäude vor allem an der Westseite schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das im Norden angrenzende Wirtschaftsgebäude war ebenfalls stark kriegsbeschädigt. Der wertvolle und hochgeschätzte Treppensaal Balthasar Neumanns u. a. (1740-1764) war weitgehend unversehrt geblieben. In der unmittelbaren Nachkriegszeit konnten bereits erste Maßnahmen zur Sicherung und Reparatur des Schlosses durchgeführt werden. Dies war vor allem der Initiative des bereits vor dem Kriege als Provinzialkonservator der Rheinlande tätigen Franz Graf von Wolff Metternich zur Gracht zu verdanken, der sich unmittelbar nach Kriegsende für die Schlossanlage als zuständig betrachtete und bei der britischen Militärregierung eine Bevorzugung bei der Vergabe von Baumaterialien erwirken konnte. Bereits 1948/49 konnten der eingestürzte Nordflügel wieder aufgebaut und der entsprechende Abschnitt des Dachstuhls neu errichtet werden. Der museale Betrieb des Schlosses wurde noch vor Gründung der Bundesrepublik eingeschränkt wieder aufgenommen.1


Abb. 1: Brühl, Schloss Augustusburg, Nordflügel, 1946.

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Bereits im Mai des Jahres 1949 wurden Überlegungen zu einer Nutzung des Brühler Schlosses Augustusburg durch die zukünftige Bundesregierung angestellt. Der für Brühl zuständige Referent des nunmehr als Landeskonservator für die nördlichen Rheinlande tätigen Graf Wolff Metternich, Hans Kisky, melde jedoch statische Bedenken wegen der Tragfähigkeit der Deckenbalken an. In einem Schreiben vom 28. Mai 1949 an Walter Bader beim Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen äußerte Kisky sich besorgt über die Tatsache, dass durch eine zu starke Nutzung der Säle im ersten Obergeschoss die darunter angebrachten Stuckaturen herabfallen könnten.2 In dem Brief bezog Kisky sich auf eine Besprechung, die zuvor am 16. Mai in der Landeshauptstadt Düsseldorf stattgefunden hatte und bereits eine zukünftige Nutzung des Schlosses zum Thema gehabt haben muss.3

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Kisky hatte daraufhin einen Gutachter beauftragt, die Statik der Decken zu untersuchen.4 Dieser kam zu dem Schluss, dass die Decken in ihrem gegenwärtigen Zustand als nicht ausreichend tragfähig zu bewerten seien. Der Statiker fürchtete wie Kisky ein Durchhängen der Balkenlagen und dadurch bedingt ernsthafte Gefahren für die Stuckaturen. Ein weiteres Gutachten durch Mitarbeiter der auf die Herstellung von Stuckornamenten spezialisierten Stuckfabrik Albert Lauermann aus Detmold, das ebenfalls Kisky in Auftrag gab, bestätigte die Befürchtungen insbesondere für einen der der großen Säle, den kriegsbeschädigten Speise- und Musiksaal im ersten Obergeschoss des Schlosses. Hier wurden die Decke, aber auch die Stuckornamente an der Südseite als besonders gefährdet eingestuft und die Gutachter rieten sogar zu einer Abnahme der Ornamente, um diese überhaupt zu erhalten. Kisky teilte in seinem Schreiben mit, dass er die beiden Gutachten sowie Fotomaterial und Einzelbeschreibungen der Deckenrisse am Nachmittag desselben Tages in einer Sitzung vorlegen werde, "damit man sich über die Möglichkeiten der Verwendung der Räume im ersten Obergeschoss keinen Illusionen hingibt."5

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Besonders interessant an diesem Schreiben von Hans Kisky an Walter Bader ist die Erwähnung von Plänen des Staatshochbauamtes. Kisky wies darauf hin, dass er inzwischen Einblick in diese Pläne gehabt habe und dass diese "von größerer Mäßigung" als befürchtet und somit durchaus als Diskussionsgrundlage brauchbar seien: "Baurat Firmenich hat offenbar eingesehen, dass ein Anbau am Nordflügel – im Sinne des ursprünglichen kurfürstlichen Planes! – wesentlich vernünftiger ist, als irgendwelcher Umbau im Nordflügel oder an anderen Stellen des Schlosskomplexes."6

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Am Nachmittag des 28. Mai 1949, knapp drei Wochen nach der Entscheidung des Parlamentarischen Rates, fand die bereits angekündigte Sitzung in Brühl statt. Über diesen Ortstermin existieren ein Aktenvermerk von Landeskonservator Wolff Metternich, datiert "Bonn, Brühl, den 30.5.1949",7 und ein Protokoll, das von Ministerialrat Busley unterzeichnet wurde.8 Dieser hatte als Vertreter des Kultusministeriums an der Sitzung teilgenommen und unterrichtete mit dem Schreiben den im Kultusministerium zuständigen Staatskonservator Walter Bader.

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Besichtigt wurden die Räume des Erdgeschosses und des ersten Obergeschosses sowie die erhaltenen Räume im ehemaligen Wirtschaftsgebäude. Vertreter aller zuständigen Dienststellen waren anwesend, ihre Auflistung ergibt einen aufschlussreichen Einblick in die Zuständigkeiten für das Brühler Schloss und dessen Nutzung im Jahr 1949. Neben dem Kultusministerium waren Vertreter der Bauabteilung der Bezirksregierung Köln sowie der Vorstand des Staatshochbauamtes in Köln, Heinz Firmenich, anwesend. Landeskonservator Franz Graf Wolff Metternich und sein Referent Hans Kisky waren ebenfalls vor Ort wie auch zwei Vertreter des Wiederaufbauministeriums, ebenso der Chef der Landeskanzlei, Ministerialdirektor Hermann Wandersleb.9 Erwähnenswert ist zudem die Teilnahme des Architekten Hans Schwippert.10

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Nach dem Willen Wanderslebs sei "Schloss Brühl vorgesehen als das grosse Empfangsgebäude und auch Gästehaus des Präsidenten der Bundesregierung".11 Diese Vorgabe scheint der Ausgangspunkt der Besprechung gewesen zu sein, im Protokoll Busleys heißt es weiter: "Dementsprechend ist alles vorzubereiten, damit hier die grossen staatspolitischen Empfänge sowohl des Abgeordnetenhauses wie auch der Ministerien und vor allem auch der auswärtigen Gesandtschaften usw. erfolgen können. Es ist bei derartig vorgesehenen Empfängen mit rund 8 [00] – 1.000 Menschen zu rechnen."12 In der Sitzung wurden auch die von Hans Kisky im Vorfeld eingeholten Gutachten über den schlechten Zustand der Räume erörtert. Graf Wolff Metternich stützte die Bedenken seines Mitarbeiters mit dem Hinweis auf die Folgen, die bauliche Eingriffe wie die Einbringung von Heizungsanlagen, Beleuchtung u. ä. für das Schloss als Kunstwerk von europäischem Rang mit sich brächten. Seinen Ausführungen zufolge sei das Brühler Schloss als einziges großes barockes Bauwerk erhalten, "nachdem Würzburg, Bruchsal, Dresden und Potsdam nunmehr zerstört sind".13 Diese Argumente führten laut Protokoll Busleys dazu, dass "Min.-Dir. Dr. Wandersleb einsieht, dass seine ursprünglichen Pläne tatsächlich nicht in Frage kommen".14

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Als durchaus möglich wurden die Nutzung des Treppenhauses und der Räume des Sommerappartements im Erdgeschoss des Südflügels für "kleinere und mittlere repräsentative Veranstaltungen, vorzugsweise in den Sommermonaten in Betracht gezogen".15 Darüber hinaus wurde auch ein Umbau von Bereichen des teilzerstörten Nordflügels zur Beherbergung von Gästen diskutiert. Oberbaurat Firmenich legte dazu Pläne vor, die sich in der Plansammlung der Brühler Schlösserverwaltung leider nicht erhalten haben. Laut Protokoll Busleys billigte man allerseits den in Firmenichs Plänen vorgesehenen Einbau von 30 bis 40 "Gast- und Übernachtungsräumen " im Nordflügel.

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Landeskonservator Graf Wolff Metternich erwähnte in seinem Aktenvermerk zusätzlich zur Herrichtung der Schlossräume auch den Bau einer "unterirdischen Abortanlage unter dem Ehrenhof" sowie Arbeiten in den Gartenanlagen, die bereits im Kostenvoranschlag vom 26. Mai 1949 mit rund 450.000 DM berücksichtigt seien (sic!).16 In den von Firmenich vorgelegten Plänen waren ebenfalls Küchenräume im Nordflügel vorgesehen, die Wolff Metternich billigend erwähnte, zusammen mit dem Ausbau des ersten Obergeschosses und des Mansardgeschosses dieses Flügels zu Gästezimmern. Das angrenzende Wirtschaftsgebäude war für eine ähnliche Nutzung vorgesehen.

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Südlich der zerstörten evangelischen Kirche, im Bereich des ehemaligen barocken Nordgartens, sollten Parkplätze und eine bessere Zufahrt zum Schlossgelände gebaut werden.17 Bemerkenswerterweise betonte der Landeskonservator gleich zu Beginn seiner Zusammenfassung der "Verhandlungen über die Verwendbarkeit des Schlosses Brühl für repräsentative Veranstaltungen der zukünftigen Bundesregierung": "Das Schloss Brühl bleibt Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen und daher unter der Verwaltung der Landesdienststellen. Die Landesregierung stellt das Schloss und seine Gartenanlagen der Bundesregierung zur Verfügung."18

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Vermutlich als Niederschlag dieser Beratung vom 28. Mai entstand ein weiterer vierteiliger Plansatz mit der Datierung "Brühl, den 12. Juli 1949" und der Signatur "Der Vorstand des Staatshochbauamtes Köln, Regierungsbaurat".19 Diese Blätter sind betitelt "Schloß Brühl. Entwurf zur Wiederherstellung als Repräsentations- und Gästehaus." und haben sich glücklicherweise in der Plansammlung der Schlösserverwaltung Brühl erhalten. Äußerst detailreich wird die projektierte Nutzung der Räume dargestellt. Dabei fällt auf, dass alle Räume und Etagen des Schlosses in die Nutzung einbezogen sind.

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Die beiden geplanten Funktionen des Schlossgebäudes als Gäste- und Repräsentationshaus werden durch Beschriftungen und auch baulich klar geschieden. Der Nordflügel birgt Schlaf- und Sanitärräume, Frühstücks- und Gesellschaftssalons sowie die nötigen Funktionsbereiche zur Unterbringung hochgestellter Gäste, während das Erdgeschoss des Mittelbaus und des zur Terrasse und dem barocken Gartenparterre ausgerichteten Südflügels eher den repräsentativen Veranstaltungen des Bundespräsidenten vorbehalten werden sollen.

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Bemerkenswert ist zudem, dass sich tiefgreifende Einbauten überwiegend auf Räume beschränken, die ihre historisch wertvolle Ausstattung weitgehend verloren haben. Räume mit Boiserien, Stuckdecken und sonstigen wertvollen Dekorationen dienen als Gemeinschafts- und Festsäle. Dies mag neben denkmalpflegerischen Erwägungen auch ganz praktische Ursachen haben, wie etwa die Frage nach Repräsentativität der Räumlichkeiten. So konzentrieren sich im Erdschoss (Abb. 2) Einbauten auf die bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert veränderte nördliche Raumflucht und die kriegszerstörten Bereiche im Osten des Nordflügels (Abb. 1). Im Südflügel ist lediglich der Einbau von Toilettenanlagen in ehemaligen Nebenräumen vorgesehen, während die gartenseitigen Repräsentationsräume u. a. mit Speisetischen und Sitzgruppen möbliert sind. Hier ist sowohl eine Nutzung als Bankettsäle, wie auch als Räume für Empfang und anschließende Konversation möglich.


Abb. 2: Heinz Firmenich (?), Planung zum Umbau des Schlosses Augustusburg in Brühl zum "Repräsentations- und Gästehaus". Erdgeschoss, Juli 1949.

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Ähnlich ist das Vorgehen im Hauptgeschoss (Abb. 3). Moderne Zutaten sind nur in den kriegsbeschädigten Bereichen und weniger bedeutenden Zimmern vorgesehen. Den von Hans Kisky angeführten Bedenken bezüglich der Statik der großen Säle im Mittelbau scheint dahingehend Rechnung getragen worden zu sein, dass diese offenbar nicht dauerhaft genutzt werden sollen. Eine eher dekorative Möblierung an den Raumwänden und ein Konzertflügel im Speise- und Musiksaal lassen eine temporäre Funktion als Kammerkonzertsaal für die Hausgäste vermuten. Der oben zitierten Empfehlung des Landeskonservators lediglich das "Treppenhauses und [die] Räume des Sommerappartements im Erdgeschoss des Südflügels" für Festgesellschaften zu nutzen, folgt Firmenich, indem er die wertvollen und höchst repräsentativen Räume im ersten Obergeschoss des Südflügels nur als zusätzliche Gesellschaftsräume für den übersichtlichen Kreis der im Haus logierenden Gäste vorzusehen scheint. Auch das zweite Obergeschoss (Abb. 4) und das Mansardgeschoss (Abb. 5) dienen der Funktion als Gästehaus. Im Bereich des ehemaligen Grünen Appartements mit seinen hellen Räumen mit Blick auf den Garten sind drei Suiten für die hochrangigsten Gäste vorgesehen, während die Ausstattung der übrigen Zimmer gestaffelt ist, etwa mit eigenem Bad oder nur fließendem Wasser.


Abb. 3 Heinz Firmenich (?), Planung zum Umbau des Schlosses Augustusburg in Brühl zum "Repräsentations- und Gästehaus". Erstes Obergeschoss, Juli 1949.


Abb. 4 Heinz Firmenich (?), Planung zum Umbau des Schlosses Augustusburg in Brühl zum "Repräsentations- und Gästehaus". Zweites Obergeschoss, Juli 1949.