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    T. Klemmer: Schlösser im Dienste staatlicher Repräsentation am Beispiel der Schlösser Augustusburg (BRD) und Schönhausen (DDR)

    Kulturgeschichte Preußens - Colloquien 4 (2017)

    Thomas Klemmer

    Schlösser im Dienste staatlicher Repräsentation

    am Beispiel der Schlösser Augustusburg (BRD) und Schönhausen (DDR)

    Abstract

    Die Nutzung monarchischer Repräsentationsformen bzw. Repräsentationsbauten bei heutigen Staatsempfängen scheint weder zeitgemäß noch den heutigen politischen Gegebenheiten angemessen zu sein. Demokratien wie auch sozialistisch-kommunistische Regime zielten ja in ihrer historischen Entwicklung geradezu darauf ab, die althergebrachte fürstliche Machtvollkommenheit in all ihren Ausformungen zu überwinden. Dennoch nutzen eine Vielzahl von Ländern, unabhängig von ihren politischen Ausrichtungen, das monarchische Ambiente für ihre eigne Selbstdarstellung. Die Bundesrepublik wie auch die DDR sind gerade wegen ihrer ideologischen Gegensätzlichkeit hierfür beispielhaft.

    <1>

    Die heutige staatliche Nutzung von Schlössern und die damit einhergehende Aneignung monarchischer Repräsentationsformen ist ein Phänomen, das sich weltweit beobachten lässt. Man kann es im Élysée-Palast in Frankreich ebenso wie im Zhongnanhai in Peking sehen – und somit, bei genauerer Betrachtung, unabhängig vom jeweiligen politischen System. Im ersten Augenblick erscheinen uns monarchische Bezüge vor allem in der marxistischen Weltanschauung befremdlich, steht die Monarchie doch geradezu im unversöhnlichen Gegensatz zum Kommunismus und der Herrschaft der Arbeiterklasse. Diese Diskrepanz wird auch etymologisch bestätigt: Der Begriff der Monarchie leitet sich vom altgriechischen mοναρχία ab, einem Kompositum aus dem griechischen μόνος (ein) und ἀρχεῖν (herrschen).1 Folglich handelt es sich um eine Staats- bzw. Herrschaftsform, in der ein "Alleinherrscher", in der Regel ein Adliger, das "Amt" des Staatsoberhauptes durch Erbschaft oder Wahl inne hat.

    <2>

    So verfehlt uns ideologisch wie sprachwissenschaftlich monarchische Repräsentationen für sozialistische bzw. kommunistische Staaten erscheinen mögen, so unangebracht sind sie jedoch auch für jene Staatsformen, die sich in einer demokratischen bzw. demokratisch-republikanischen Tradition wähnen: Die altgriechische δημοκρατία, zusammengesetzt aus dem griechischen δῆμος (Volk) und κρατία (Herrschaft), meint eine politische Ordnung, in der jegliche staatliche Gewalt unmittelbar oder mittelbar vom Volk auszugehen hat.2 Die aus dem lateinischen abgeleitete res publica (öffentliche Sache) steht wiederum für eine Staatsform, die seit der römischen Antike und insbesondere seit der Französischen Revolution als Gegenmodell (!) zur Monarchie verstanden werden will.3

    <3>

    Ungeachtet dieser sprachwissenschaftlichen und ideologischen Diskrepanzen nutzten nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl die Bundesrepublik wie auch die DDR das von seinem monarchischen Ursprungszweck geprägte Ambiente von Schlössern für ihre eigene staatliche Repräsentation: Schloss Augustusburg in Brühl, welches man kurzzeitig auch als Sitz des Bundespräsidenten in Erwägung zog, wurde ab 1949 bzw. 1954 für abendliche Staatsbankette der Bundesregierung genutzt.4 In Ost-Berlin diente Schloss Schönhausen im Bezirk Pankow von 1949 bis 1960 als Amtssitz Wilhelm Piecks, des ersten und einzigen Präsidenten der DDR, für offizielle Empfänge.5


    Abb. 1 Schloss Schönhausen, Hofseite, um 1965, Fotograf: unbekannt, © SPSG

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    Beiden Schlössern ist dabei gemein, dass sie Höhepunkte der deutschen barocken Baukunst darstellen – jener Kunstform, die durch üppige, übersteigerte Prachtentfaltung gekennzeichnet ist.6 Dass die Verwendung barocker Bauformen, trotz der oben gezeigten sprachwissenschaftlichen und ideologischen Differenz, scheinbar in keinem Widerspruch zum Politsystem bzw. zu den Staatsempfängen der jungen Bundesrepublik wie auch der DDR steht, wie dies u.a. Christiane Winkler7 hervorhebt, ist zu hinterfragen.


    Abb. 2 Schloss Augustusburg, Großes Neues Appartement, vor 1945, Fotograf: unbekannt, © SPSG

    <5>

    So heißt es bei ihr: "Zur Sichtbarmachung der Funktionstüchtigkeit als innerlich gefestigtes und außenpolitisch erfolgreiches Gemeinwesen (…) musste die Republik keine neuen Formen des Zeremoniells entwickeln, sondern konnte auf die reiche Formenwelt und die repräsentative Architektur vergangener Jahrhunderte zurückgreifen. Das staatliche Besuchszeremoniell richtet sich (…) an das eigene staatliche Selbstverständnis. Gerade die Architektur des 18. Jahrhunderts war stets hervorragend geeignet, die jeweilige Staatsidee, die ihrem Wesen nach abstrakt bleiben muss, sichtbar und für die eigene Bevölkerung und das Ausland erfahrbar zu machen. Die Staatsform hatte sich im Lauf der Zeiten geändert, das Erscheinungsbild wurde angepasst, der Rahmen aber war geblieben. "8

    <6>

    Unabhängig von der Tatsache, dass die Bundesrepublik, genauso wenig wie die DDR, 1949/54 weder im Inneren und schon gar nicht außenpolitisch gefestigt war, muss der Argumentation Winklers entgegengehalten werden, dass die Staatsidee des 18. Jahrhunderts, ebenso wenig abstrakt war wie die heutige.

    <7>

    Die barocke Anlage von Schloss Augustusburg (wie auch von Schönhausen), auf die sich Winkler bezieht, veranschaulicht in geradezu unbeirrbarer Weise die Staatsidee ihrer Zeit: den Machtanspruch des absoluten Herrschers, der keinen Raum für politische Mitwirkung ständischer Institutionen ließ.9 Es wird verkannt, dass fürstliche Repräsentation im Zeitalter des Barocks einzig und allein auf die Darstellung von Rang und Standeszugehörigkeit abzielten. Titel und Würden, die im Inneren wie auch im Äußeren der Prachtbauten des Barocks sichtbar gemacht wurden, besaßen im symbolpolitischen, von der Bildsprache des Zeremoniells beherrschten Handlungsrahmen der höfischen Gesellschaft eine einzig durch die Person des Souveräns ausgedrückte Bedeutung. Die fürstliche Repräsentation wirkte im diplomatischen System der Frühen Neuzeit als eine Art zeremonieller Code aus Zeichen und Signalen, an dessen Parametern sich Macht und Machtansprüche eines Monarchen ablesen ließen und dessen Bedeutung sich einem Zeitgenossen dieser Epoche unmittelbar erschloss. Dieses Zeichensystem war ein effizientes Mittel, für politische Aussagen in einer Welt, die von völlig anderen Wertvorstellungen geprägt war als die heutige.10

    <8>

    Bei Gründung der BRD wie auch der DDR – deren beider wichtigstes Anliegen die Rückkehr auf das internationale politische Parkett war – gab es zunächst keine historisch gewachsene, den neuen politischen Gegebenheiten adäquate deutsche Tradition im Staatszeremoniell, auf die man ohne weiteres hätte zurückgreifen können. Dies betraf, im Gegensatz zu den Ausführungen Winklers, auch den Rahmen für die staatliche Repräsentation, der neu überdacht wurde: Das Kaiserreich, mit seinen monarchischen und nationalen Überhöhungen passte nicht mehr in das neue politische Selbstverständnis der beiden deutschen Staaten. Auch die Weimarer Republik konnte nicht problemlos als Vorbild herangezogen werden. Neben der Tatsache, dass Staatsempfänge in der Weimarer Republik kaum zum politischen Alltag gehörten, stand diese erste deutsche Republik vor allem für den Versuch und das Scheitern einer deutschen Demokratie.11 Deutlicher noch wurde der Traditionsbruch zur nationalsozialistischen Selbst-Ästhetisierung von Politik, Militär und Gesellschaft gesucht, der darüber hinaus sowohl innen- wie außenpolitisch gefordert wurde.

    <9>

    Damit stellte sich bei der Gründung der beiden deutschen Staaten zunächst die Frage, ungeachtet der Wahl zukünftiger Repräsentationsorte, wie sich das "staatliche Zeremoniell" den neuen politischen Gegebenheiten entsprechend, gestalten ließe.

    <10>

    Bis heute gibt es keine offiziell festgeschriebene Bestimmung darüber, wie sich ein Staatsempfang auf bundesdeutscher Ebene darzustellen hat.12 Anhaltspunkte hierzu könnten aus den repräsentativen Verpflichtungen des Bundespräsidenten, der im Zentrum des protokollarischen Handelns steht, abgeleitet werden: Der Bundespräsident verkörpert, nach Aussage des Bundesverfassungsgerichts, "die Einheit des Staates". "Autorität und Würde seines Amtes kommen gerade auch darin zum Ausdruck, dass es auf vor allem geistig-moralische Wirkung angelegt ist."13

    <11>

    Folglich ist der Bundespräsident das Verfassungsorgan, welches die unterschiedlichsten Werte und Anschauungen der Bundesrepublik nach innen wie auch nach außen verkörpern und repräsentieren soll. Dabei verleiht das Protokoll dem Handeln und Auftreten des Bundespräsidenten nicht nur den adäquaten festlichen Rahmen, sondern lässt den Staat über die Symbolkraft des Ortes selbst in Erscheinung treten. Diese Verbindung aus Repräsentantion und Örtlichkeit hebt den Staat in seiner Existenz, Legitimität, Legalität und letztendlich das Volk als dessen Souverän hervor. Hierin stimmen die Formen der Frühen Neuzeit mit denen der Gegenwart überein. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass im "Absolutismus" nicht das Volk, sondern der Herrscher als Souverän präsentiert wird und die Örtlichkeit dazu dient, den idealisierten Herrscher hervorzuheben und zu legitimieren: Der Bundespräsident repräsentiert den Staat als dessen Stellvertreter, während dies im Zeitalter "Absolutismus" der Monarch übernimmt.

    <12>

    Mit der Wahl des Ortes wird demnach ein intendiertes Selbstbild des Staates entworfen, das sowohl nach innen wie auch nach außen sichtbar und entsprechend gelesen werden soll. In der BRD und der DDR galt es nach dem verloren Zweiten Weltkrieg dieses Bild neu zusammenzusetzen oder gar neu zu definieren.14 Simone Derix15 hat vier unterschiedliche "Bilder" herausgearbeitet und analysiert, die für die Darstellung der Bundesrepublik zentral waren und die, wenn auch ideologisch natürlich anders gefärbt und Gewichtet, ebenfalls für die DDR galten: "Bilder des wirtschaftlichen Erfolges"16, "Bilder der deutschen Teilung"17, "Bilder der nationalsozialistischen Vergangenheit"18 und "Bilder der Heimat"19.

    <13>

    Für alle diese Bilder wurden themenspezifisch Örtlichkeiten bzw. Kulissen herangezogen. Die Nutzung von Schloss Augustusburg und Schönhausen stand dabei im Kontext der beiden letztgenannten "Bilder der nationalsozialistischen Vergangenheit" und "Bilder der Heimat". Zunächst muss vergegenwärtigt werden, dass nach 1945 sowohl Bonn als auch vor allem Berlin zum Teil von schweren Kriegsschäden betroffen waren und es allein deshalb schon an repräsentativen Örtlichkeiten mangelte.20 Dass man in der BRD auf das Umland von Bonn ausweichen musste und die Wahl auf Schloss Augustusburg in Brühl fiel, lag schlicht an der Tatsache, dass zu dieser Zeit in Bonn selbst kein adäquater Repräsentationsort mit entsprechenden Größenverhältnissen zu finden war. Es kam erschwerend hinzu, dass Bonn lediglich als Provisorium gedacht war und repräsentative, großangelegte Neubauten ausgeschlossen wurden. Zwar war Schloss Augustusburg durch Bomben teilweise schwer getroffen worden, jedoch konnten die Schäden schnell wieder behoben werden, wobei der Erhalt der historischen Substanz nicht immer berücksichtigt wurde.21 Schloss Schönhausen hatte durch seine auswärtige Lage in Pankow nur wenige Schäden davongetragen.

    <14>

    Dass man sich überhaupt für Schlösser bei Staatsempfängen bzw. für die staatliche Selbstdarstellung entschied, lag zum Einen in der Orientierung am Protokoll der Siegermächte: Frankreich und England nutzen traditionell das monarchische Ambiente ihrer Schlossbauten, um sich international zu repräsentieren.22 Selbst das Weiße Haus mit seiner herrschaftlichen klassizistischen bzw. neoklassizistischen Fassade mutet, vor allem nach den Umbauten und "Restaurierungen" im Empirestil im Inneren durch die Kennedys Anfang der 60er Jahre, "feudalherrschaftlich" an.23 Man orientierte sich demnach in der BRD wie auch in der DDR (mit deren besonderen Blick wiederum auf den Moskauer Kreml) am internationalen, politischen Standard.24

    <15>

    Zum Anderen lässt sich ein weitaus wichtigerer Aspekt auf Grundlage der Analyse von Derix ableiten: Beide deutschen Staaten suchten in ihrer Außendarstellung vor allem die extreme Abgrenzung vom nationalsozialistischen Repräsentationsstil.25 Indem man sich der barocken Kulisse von Augustusburg und Schönhausen bediente, bewegte man sich in "sicheren" Bildern, die keine Assoziation mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zuließen. Beide Schlösser zeigten ein Deutschland, dessen Geschichte nicht erst mit 1933 begann, das sich vielmehr durch seine Kunst und Kultur auszeichnete. Die wirtschaftliche "Leistungsshow" wurde um eine kulturelle erweitert.

    <16>

    Mit "Bilder der Heimat" bezieht sich Derix primär auf die Kulisse der Kulturlandschaften, die als typisch deutsch verstanden wurden., wie beispielsweise Schiffsfahrten auf dem Rhein zur Loreley. Im Gegensatz zur militärisch geprägten jüngsten Vergangenheit der Deutschen bot eine Schifffahrt auf dem Rhein für Staatsempfänge Anfang der 50er Jahre eine friedliche Demonstration von Schönheit und Größe der BRD.26 Jedoch lassen sich meines Erachtens hierunter auch kunst- bzw. kulturhistorische Gesichtspunkte, wie die barocke Schlosskulisse subsumieren, steht diese doch für eine ganze eigene Bau- und Stiltradition (in Schloss Schönhausen vor allem für den sogenannten "Friderzianische Rokoko")27 wie auch für eine historisch unbelastete deutsche "Heimat".

    <17>

    Interessant in diesem Zusammenhang ist der Aspekt der preußischen Vergangenheit Deutschlands in Anbetracht des vom Alliierten Kontrollrat am 25. Februar 1947 erlassenen Kontrollratsgesetzes Nr. 46.28 In dessen Präambel heißt es: Preußen, das "seit jeher Träger des Militarismus" sei, sei "geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker" als eigenständiges (Bundes-)Land aufzulösen.29 Dass sowohl das 1815 an Preußen gekommene Schloss Augustusburg, aber vor allem das seit Königserhebung preußische Schloss Schönhausen30 diese preußischen Züge auch deutlich zeigte, scheint ignoriert worden zu sein und spielte bei der staatlichen Repräsentation der neuen deutschen Staaten keine Rolle.

    <18>

    Das heutige, seit der Wiedervereinigung für Staatsempfänge genutzte, ebenfalls einst preußische Schloss Bellevue31 im Berliner Ortsteil Tiergarten, es gehörte dem Bruder Friedrichs des Großen, Prinz Ferdinand, folgt architektonisch einem frühklassizistischen Stil und erfüllt die gleichen internationalen Repräsentationsstandards wie dies auch schon die Schlösser Schönhausen und Augustusburg taten. Die dreiflügelige Anlage wirkt dabei ebenfalls herrschaftlich monarchisch – jedoch nur äußerlich. Im Inneren besticht der Bau nach dem Zweiten Weltkrieg durch sein,fast vollkommen ahistorisch gehaltenes Interieur bzw. die nüchterne Sachlichkeit der 50er und 80er Jahre.32 Dass diese auffällige Zurückhaltung in der staatlichen Symbolik und Inszenierung des wiedervereinigten Deutschlands durchaus intendiert war, sollte man unter dem zuvor zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert Gesagten nicht aus den Augen verlieren. Ebenfalls bedenken sollte man aber, dass heute viele Ausstattungsgegenstände an die vergangene preußische Zeit anknüpfen.

    <19>

    Schauen wir zurück: Sprachwissenschaftlich wie auch ideologisch liegt ein deutlicher Widerspruch in der Nutzung monarchischer Repräsentationsformen durch politische Systeme, welchen demokratischen, republikanischen bzw. sozialistisch-kommunistischen Wertvorstellungen zugrunde liegen. Eine Aneignung monarchischer Formen in diesen Politsystemen wird ermöglicht, indem man absolutistische Schlossbauten auf einen reinen dekorativen Selbstzweck reduziert, gleichzeitig die in der barocken Kunst innewohnende Symbolik der fürstlichen Repräsentation ignoriert.33 Der "Vordergrund" des Staatsempfanges ist losgelöst vom "Hintergrund" der Kulisse.

    <20>

    Sowohl die BRD wie auch die DDR konnten nach dem zweiten Weltkrieg an keine historisch gewachsene deutsche Tradition in ihrer staatlichen Repräsentation anknüpfen, die den neuen politischen Gegenebenheiten entsprechend Rechnung getragen hätte. Dass man sich an barocken Schlossbauten orientierte, lag neben dem Fehlen entsprechender repräsentativer Räumlichkeiten vor allem an der Orientierung an internationalen Standards. Im Blickpunkt stand dabei die innere wie auch äußere (Selbst-)Darstellung bzw. Wahrnehmung eines neuen Deutschlands, das sich deutlich von seiner jüngeren Vergangenheit abzugrenzen suchte – was sowohl für die BRD wie auch für die DDR gleichermaßen galt. Die Tatsache, dass auch heute noch keine Rahmenbedingungen für den Ablauf staatlicher Empfänge für jede Situation präzise festgeschrieben sind, ermöglicht es, das bundesdeutsche Protokoll und die staatliche Repräsentation flexibel und entsprechend der jeweiligen Situation zu verändern und anzupassen. Dies bedeutet politische Gestaltungsmöglichkeit. Das Schlösser als Orte der staatlichen Repräsentation eine solche Flexibilität in sich tragen können (insoweit man den kunsthistorischen Rahmen rein dekorativ versteht), haben Schloss Augustusburg und Schloss Schönhausen – gerade in Anbetracht der gegensätzlichen politischen Ausrichtung der beiden deutschen Staaten – über Jahrzehnte hinweg unter Beweis gestellt.

    Autor:

    Dr. Thomas Klemmer
    Email: tklemmer@uni-bonn.de


    1 Vgl. Reinhart Beck: Art. Monarchien, in: Reinhart Beck (Hg.): Sachwörterbuch der Politik, Stuttgart 1977, 552; Everhard Holtmann / Heinz Ulrich Brinkmann/Heinrich Pehle: Politiklexikon, Art. Monarchie, München/Wien 1991, 368f. Siehe ferner auch Horst Dreitzel: Monarchiebegriffe in der Fürstengesellschaft. Semantik und Theorie der Einherrschaft in Deutschland von der Reformation bis zum Vormärz, Köln/Weimar/Wien 1991.

    2 Vgl. Rainer-Olaf Schultz: Art. Demokratie, in: Dieter Nohlen (Hg.): Kleines Lexikon der Politik, München 2001, 51ff.; Bernd Guggenberger: Art. Demokratie / Demokratietheorie, in: Dieter Nohlen (Hg.): Wörterbuch Staat und Politik, Bonn 1995, 80ff.; Manfred Hättich / Ernst Benda: Art. Demokratie, in: Görres-Gesellschaft (Hg.): Staatslexikon. Recht-Wirtschaft-Gesellschaft, 7. überarb. Aufl., Freiburg/Basel/Wien, 1182ff.; Bernd Guggenberger: Art. Demokratietheorie, in: Dieter Nohlen (Hg.): Pipers Wörterbuch zur Politik, Bd. 1, München/Zürich, 130ff.

    3 Vgl. Beck: Art. Republik (wie Anm. 1), 821f.; Klaus Schubert/Martina Klein: Art. Republik, in: Das Politiklexikon, 3. überarb. Aufl., Bonn 2003, 245.

    4 Zur architektonischen und kunsthistorischen Einordnung von Schloss Augustusburg, siehe Wilfried Hansemann / Marc Jumpers / Holger Kempkens / Christiane Winkler: Schloss Augustusburg in Brühl, in: UNESCO Welterbestätte Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl (Hg.), München 2010; Wilfried Hansmann: Wege in die Vergangenheit. I-III: Das Schloß vom Mittelalter bis heute, in: Frank Günter Zehnder / Werner Schäfke (Hg.): Der Riss im Himmel. Clemens August und seine Epoche. Katalog zum Gesamtprojekt. Bonn – Brühl – Jülich – Miel. 13. Mai bis 1. Oktober 2000, Köln 2000, 23-25, 25.

    5 Zur architektonischen und kunsthistorischen Einordnung Schloss von Schönhausen, siehe Dirk Finkemeier / Elke Röllig: Vom "petit palais" zum Gästehaus. Die Geschichte von Schloss und Park Schönhausen in Pankow / Niederschönhausen, Berlin 1998; Generaldirektion der Stiftung Preußischen Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Schönhausen. Rokoko und Kalter Krieg. Die bewegte Geschichte eines Schlossen und seines Gartens, Berlin 2009; Alfred Hagemann/Monika Theresia Deißler: Schloss und Garten Schönhausen, Berlin / München 2010.

    6 Vgl. Werner Meyer: Schlösser und Festungen in Deutschland und Europa, Frankfurt/M. 1969, 105; Ausführlich hierzu Adolf Reinle: Zeichensprache der Architektur. Symbol, Darstellung und Brauch in der Baukunst des Mittelalters und der Neuzeit, Zürich 1976, 20ff.; Hermann Bauer / Andreas Prater / Ingo F. Walther (Hg.): Barock, Köln 2006; Stephan Hoppe: Was ist Barock? Architektur und Städtebau Europas 1580–1770, Darmstadt 2003.

    7 Christiane Winkler: Einleitung, in: UNESCO Welterbestätte Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl (Hg.): Eine Republik rollt den Teppich aus. Staatsempfänge auf Schloss Augustusburg (1949-1996). Begleitbuch zur Ausstellung auf Schloss Augustusburg in Brühl vom 12. März bis 10. August 2008, München/Berlin 2008, 15-18.

    8 Winkler: Einleitung (wie Anm. 7), 17.

    9 Ähnlich wie Winkler äußert sich hierzu zunächst Marc Jumpers: "Der darin enthaltende Widerspruch zwischen der parlamentarischen Demokratie und der vergangenen, feudalen Staatsform des Absolutismus wiegt weit weniger schwer, wenn man sich verdeutlicht, dass ein Residenzbau des Barock in erster Linie als anschauliche Demonstration von Macht, Legitimität und guter Regierung eines Fürsten zu deuten ist." Diese Aussage wird umgehend und in widersprüchlicher Weise relativiert: "Dabei steht nicht vordergründig der Herrscher als individuelle Persönlichkeit im Blickfeld sondern die Vorstellung, diesen als die Personifikation des Staates zu zeigen." Marc Jumpers: Die Kunst der Repräsentation – Fürstliches und Republikanisches Empfangszeremoniell in Schloss Augustusburg im Vergleich, in: UNESCO Welterbestätte Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl (Hg.): Eine Republik rollt den Teppich aus. Staatsempfänge auf Schloss Augustusburg (1949-1996). Begleitbuch zur Ausstellung auf Schloss Augustusburg in Brühl vom 12. März bis 10. August 2008, München/Berlin 2008, 97-100: 97. Siehe hierzu auch Anm. 33.

    10 Dies zeigt sich besonders deutlich am Treppenhaus von Schloss Augustusburg, das primär für die Staatsempfänge der Bundesrepublik genutzt wurde. Siehe hierzu auch Marc Jumpers: Die Kunst der Repräsentation (wie Anm. 9); Wilfried Hansemann / Marc Jumpers / Holger Kempkens / Christiane Winkler: Schloss Augustusburg in Brühl (wie Anm. 4); Wilfried Hansmann: Das Treppenhaus und das Große Neue Appartement des Brühler Schlosses. Studien zur Gestaltung der Hauptraumfolge, Düsseldorf 1972; Frank Lothar Kroll: Die Hohenzollern, München 2008, 38, 42. Siehe hierzu auch Anm. 33.

    11 Vgl. hierzu ausführlich Elisabeth Gräfin Werthern: Von Weimar nach Bonn. Erinnerungen, Stuttgart / Bonn, 1985.

    12 Das seit dem Wiener Kongress international anerkannte Reglement bildet auch nach 1945 den protokollarischen Rahmen für zwischenstaatliche Kontakte. Es gilt neben dem Anciennitäts- und Reziprozitätsprinzip, vor allem die Gleichrangigkeit aller Staaten untereinander. Vgl. Daniela Rosmus: Die Schweiz als Bühne. Staatsbesuche und politische Kultur 1848-1990, Zürich 1994, 40f.

    13 Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 10. Juni 2014, 2 BvE 2/09. Im Abschnitt V., Art. 54-61 des GG wird das Amt des Bundespräsidenten näher erläutert. Darüber hinaus finden sich weitere Aufgaben und Befugnisse an verschiedenen Stellen im Verfassungstext, im einfachen Recht sowie in dem sich im Laufe der Zeit herausentwickelten Gewohnheitsrecht. Vgl. hierzu Adolf Süsterhenn: Parlamentarischer Rat / Stenographischer Bericht, 2. Sitzung, 8.9.1948, 25; Roman Herzog: GG, Art. 54, Rn. 28, in: Theodor Maunz / Günter Dürig (Hg.): GG Kommentar, 66. Aufl., München 2009; Udo Fink: Art. 54, Rn. 2, in: Hermann Mangoldt / Friedrich Klein / Christian Starck (Hg.): Kommentar zum GG, Bd. 2, 6. überarb. Aufl., München 2010: Siehe auch Susanne Holz: An der Spitze des Staates das Amt des Bundespräsidenten, in: UNESCO Welterbestätte Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl (Hg.): Eine Republik rollt den Teppich aus. Staatsempfänge auf Schloss Augustusburg (1949-1996). Begleitbuch zur Ausstellung auf Schloss Augustusburg in Brühl vom 12. März bis 10. August 2008, München / Berlin 2008, 31-9.

    14 Allgemein hierzu siehe Jürgen Hartmann: Staatsbesuche und Staatszeremoniell zu Bonner Zeiten, in: UNESCO Welterbestätte Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl (Hg.): Eine Republik rollt den Teppich aus. Staatsempfänge auf Schloss Augustusburg (1949-1996). Begleitbuch zur Ausstellung auf Schloss Augustusburg in Brühl vom 12. März bis 10. August 2008, München/Berlin 2008, 51-69.

    15 Simone Derix: Bebilderte Politik: Staatsbesuche in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1990, Göttingen 2009.

    16 Siehe Simone Derix: Bebilderte Politik (wie Anm. 15), 61-88. Hier geht Derix vor allem auf den Wiederaufbau und das damit verbundene "Wirtschaftswunder" der 50er/60er Jahre in der BRD ein. Zum festen Programm für ausländische Staatsgäste gehörten in dieser Zeit Besuche bei Industrieunternehmen des Ruhrgebietes, allen voran bei Krupp und der DEMAG.

    17 Siehe Simone Derix: Bebilderte Politik, 89-133. Hier werden der Umgang mit der deutschen Teilung bzw. die besondere Thematik Deutschlands im Besucherprotokoll der Bundesregierung erläutert. Besuche in Berlin schufen symbolträchtige Bilder, die sowohl innen- wie auch außenpolitisch von der Bundesregierung – vor allem seit dem Bau der Berliner Mauer, die den Ost-West Konflikt in besonderer Weise visualisierte – intendiert wurden.

    18 Siehe Simone Derix: Bebilderte Politik, 134-77. Hier werden der Umgang bzw. die Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit in der staatlichen Selbstrepräsentation der BRD nach 1945 näher analysiert.

    19 Siehe Simone Derix: Bebilderte Politik, 178-218. Mit "Bilder der Heimat" bezieht sich Derix auf Rheinromantik und Stadtbesuche wie beispielsweise in Heidelberg oder Rothenburg ob der Tauber, die allesamt als besonders deutsch und folkloristisch galten.

    20 Vgl. Jens Krüger: Die Finanzierung der Bundeshauptstadt Bonn, Berlin 2006, 79f. Dietrich Höroldt: 25 Jahre Bundeshauptstadt Bonn. Eine Dokumentation, Bonn 1974, 15. Siehe auch Horst-Pierre Bothien: Bonn im Bombenhagel. 18. Oktober 1944, Kassel 2004.

    21 Vgl. Ellen Brandenburger: Zur Geschichte und Theorie der Gartendenkmalpflege - Vergleichende Analysen an Beispielen in Bamberg, Brühl und Großsedlitz, Bamberg 2011; Wilfried Hansmann: Wege in die Vergangenheit (wie Anm. 4), 24.

    22 Vgl. Simone Derix: Bebilderte Politik (wie Anm. 15), 38, 43f.

    23 "Geschickt hatte sie [Jaqueline Kennedy] das ganze Projekt als Restauration des Amtssitzes bezeichnet und nicht etwa als Renovierung, den der erstgenannte Begriff deutete auf Authentizität hin." Thomas Klemmer: The Look of the New Frontier. Die Mode Jacqueline Kennedys – mediale Darstellung und kulturpolitische Bedeutung, Unveröffentlichte Magisterarbeit 2003, 42f.; Oleg Cassini sprach vom Weißen Haus in seiner Gesamtheit als "amerikanisches Versailles". Vgl. Oleg Cassini: A Thousand Days of Magic. Dressing Jacqueline Kennedy for the White House, New York 1995, 54. Hierzu auch Evan Thomas: Grace and Iron, in: Newsweek (22), 30. Mai 1994, 8-23; James A. Abbott/Elaine M. Rice: The Kennedys White House Restauration, New York 1998, 5ff. Zur architektonischen und kunsthistorischen Einordnung des Weißen Hauses, siehe Frank Freidel / William Pencak (Hg.): The White House. The First Two Hundred Years, Boston/Mass., 1994.

    24 Während man Großbritannien und Frankreich eine perfekte Organisation und ein hohes Maß an Kultiviertheit bei Staatsempfängen zusprach, bestachen die Amerikaner vor allem durch ihren sachlichen wie auch bescheidenen Repräsentationsstil. Darüber hinaus suchte man die bewusste repräsentative Hervorhebung und Abgrenzung gegenüber dem Protokoll der DDR, das sich wiederum an der Sowjetunion orientierte. Umgekehrt zeigte sich die DDR durch die Nutzung von Schönhausen als absolut ebenbürtig gegenüber dem bundesdeutschen Repräsentationsrahmen vom Schloss Augustusburg.

    25 Zum Repräsentationsstil im Nationalsozialismus, siehe Thomas Klemmer: Vom Siegerkranz zur Goldmedaille. Das Phänomen "Olympia" und seiner neuzeitlichen Rezeption. Eine kulturhistorische Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Berliner Spiele von 1936, Bonn 2012, 155ff. (mit weiteren Verweisen).

    26 Vgl. Simone Derix: Bebilderte Politik (wie Anm. 15 bzw. 19).

    27 Vgl. Generaldirektion der Stiftung Preußischen Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Schönhausen. (wie Anm. 5), 6, 23f.

    28 Gesetz Nr. 46 des Alliierten Kontrollrates in Deutschland über die Auflösung des Staates Preußen, 25. Februar 1947, in: Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Berlin, Nr. 14 vom 31. März 1947, 262. Siehe auch Gilbert Gornig: Kontrollratsgesetz Nr. 46 betreffend die Auflösung Preußens vom 25. Februar 1947, in: Ostdeutsche Gedenktage 1997. Persönlichkeiten und historische Ereignisse, Bonn 1996, 323-31.

    29 Gesetz Nr. 46 des Alliierten Kontrollrates in Deutschland über die Auflösung des Staates Preußen (wie Anm. 28), 4ff.

    30 Vgl. Alfred Hagemann/Monika Theresia Deißler: Schloss und Garten Schönhausen. (wie Anm. 5), 19f.; Generaldirektion der Stiftung Preußischen Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Schönhausen. (wie Anm. 5), 24f.

    31 Zur architektonischen und kunsthistorischen Einordnung Schloss Bellevues, siehe Ernst A. Busche: Bellevue. Vom königlichen Lustschloss zum Amtssitz des Bundespräsidenten, Leipzig 2005; Folkwin Wendland: Der Große Tiergarten in Berlin. Seine Geschichte und Entwicklung in fünf Jahrzehnten, Berlin 1993; Hans Hackmann: Das Schloss Bellevue und seine Stellung in der Architekturgeschichte Berlins, Halle 1915.

    32 Vgl. Folkwin Wendland: Der Große Tiergarten in Berlin (wie Anm. 31), 141ff.

    33 "Dienten die Prunktreppe und ihre üppige Dekoration im 20. Jahrhundert wohl eher als zwar prachtvolle, aber weitgehend unverstandene Kulisse, waren sie für den gebildeten Adressaten des 18. Jahrhunderts eine lesbare Einstimmung auf den Herrscher.", Marc Jumpers: Die Kunst der Repräsentation (wie Anm. 9), 98. Zur Symbolpolitik der Frühen Neuzeit siehe beispielhaft Barbara Stollberg-Rilinger: Des Kaisers alte Kleider. Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reichs, München 2013.

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    Thomas Klemmer
    Schlösser im Dienste staatlicher Repräsentation am Beispiel der Schlösser Augustusburg (BRD) und Schönhausen (DDR)
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    20. Jh.
    1949-1998
    Schloss Augustusburg Brühl, Rhein-Erft-Kreis (4090203-1), Schloss Berlin-Niederschönhausen (4479693-6), Repräsentationsbau (4278247-8), Prestige (4076334-1)
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    T. Klemmer: Schlösser im Dienste staatlicher Repräsentation am Beispiel der Schlösser Augustusburg (BRD) und Schönhausen (DDR)
    In: Neubeginn und Tradition. Monarchisches Erbe in Politik und Staat der DDR und der Bundesrepublik Deutschland. Beiträge des 4. Colloquiums in der Reihe „Kulturgeschichte Preußens - Colloquien“ vom 25. bis 26. September 2015, hg. v. Jürgen Luh und Truc Vu Minh (KultGeP - Colloquien, 4)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/kultgep-colloquien/4/klemmer_schoesser
    Veröffentlicht am: 23.01.2017 10:56
    Zugriff vom: 29.03.2020 23:45
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