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T. Biskup: Von Friedrich I. zu Aman Ullah

Kulturgeschichte Preußens - Colloquien 5 (2017)

Thomas Biskup

Von Friedrich I. zu Aman Ullah

Zeremonielle Bewegungen im urbanen Raum Berlins, 1701-1928

Abstract

Vom 17. Jahrhundert bis zur Revolution von 1918 war das Berliner Schloss der zeremonielle Mittelpunkt des brandenburgisch-preußischen Staates bzw. nach 1871 des Deutschen Reichs. Der Raum zwischen den Paradekammern und der Berliner Stadtgrenze war nicht nur Bühne herrschaftlicher "Repräsentation", sondern vielmehr Zentralort politischer Aushandlungsprozesse. Bei Huldigungsfeiern und Parlamentseröffnungen, dynastischen Feiern und Begräbnissen, diplomatischem Zeremoniell und monarchischen Gipfeltreffen, feierlichen entrées wie revolutionären Demonstrationen suchten Fürsten und Stände, Korporationen, Parteien und Revolutionäre Rangansprüche und politische Forderungen durchzusetzen, und in der Auseinandersetzung mit der zeremoniellen Funktion des Schlosses nach 1918 wird die Suche der Weimarer Republik nach einer eigenen rituellen Sprache deutlich.

Einleitung


Abb. 1: Der Kaiser mit seinen sechs Söhnen auf dem Weg zur Paroleausgabe, Berlin 1913, Privatbesitz.

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Auf einer der bekanntesten Fotografien, die vom herrschaftlichen Zeremoniell in Berlin zeugen, sind Kaiser Wilhelm II. und seine Söhne auf dem Weg vom Schloss zum Zeughaus zu sehen. Es handelt sich um die sogenannte Paroleausgabe am 1. Januar 1913. Dieses jährliche Ereignis war Teil des Berliner Zeremoniellgefüges, das Wilhelm II. seit seinem Amtsantritt 1888 systematisch ausbaute: Der Hof wurde vergrößert (das Hofmarschallsamt allein auf etwa 650 Personen), das Schloss zum letzten Mal aufwendig umgebaut, eine Vielzahl neuer zeremonieller Ereignisse in den Kalender eingefügt, während die Teilnehmerzahlen von Gratulationscours, Hofbällen, Ordensfesten und Konzerten in die Höhe schnellten. Bereits zu Zeiten des Kaiserreichs vielfach als Postkarte reproduziert, scheint dieses Bild das wilhelminische Zeremoniell paradigmatisch wiederzugeben: Es verbindet suggestiv monarchisches Ritual, Herrscherhaus und eine ausschließlich maskulin definierte militärische Potenz (Wilhelms Gattin oder Tochter sind nicht dabei!). Zugleich trägt es über die Nutzung des neuen Mediums der Bildpostkarte das Bild der Monarchie in alle Ecken des Kaiserreichs.

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Kritische Zeitgenossen merkten an, dass Wilhelm II. vermeintlich altpreußische Tugenden wie Sparsamkeit und rituelle Zurückhaltung auf den Kopf gestellt habe.1 Tatsächlich vermittelten auch die Historiker der "borussischen" Schule das inzwischen revidierte, aber ausgesprochen wirkmächtige Bild Preußens als eines immer schon besonders "modernen" Staates, der seit den Tagen des "Soldatenkönigs" Friedrich Wilhelm I. auf starkem Militär und loyaler Beamtenschaft beruht habe und die höfische Vormoderne schon lange vor Konkurrenten wie Frankreich oder Österreich hinter sich gelassen habe.2

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Der Stellenwert des Zeremoniells am preußischen Hof wurde bereits im 18. Jahrhundert kontrovers diskutiert; erinnert sei nur an die polemische Kritik Friedrichs des Großen am angeblich ökonomisch schädlichen und moralisch verwerflichen "asiatischen Pomp" seines Großvaters, die auch von Kritikern Wilhelms II. gern zitiert wurde.3 Tatsächlich tritt in der borussischen Traditionslinie der Historiographie nur besonders prägnant ein auch sonst lange dominantes Paradigma hervor, das Ritual unter den Generalverdacht sekundärer Bedeutung stellte. Als "eigentliche" Politik galten demzufolge diplomatische Verhandlungen und militärische Konflikte, Parlamentsdebatten, Regierungsentscheidungen und Verträge. Zeremoniell erscheint hier entweder als politisch bedeutungsloses "Fest" oder bestenfalls als bloße Inszenierung, die im Sinne eines eingeschränkten "Propaganda"-Begriffs bestimmte Parteiinteressen vorführe.4

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Obwohl sich diese Sichtweisen gerade im Falle Preußens ausgesprochen lange als prägend erwiesen, wurden durch die intensive Forschung der letzten 15 bis 20 Jahre Zeremoniell und Rang generell wieder als zentrale Bestandteile von Politik re-etabliert und auch ein neues, differenzierteres Bild vom preußischen Hof gezeichnet, das die These vom "zeremoniellen Sonderweg" Preußens relativiert:

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Erstens kam auch die preußische Monarchie zu keinem Zeitpunkt ohne einen dem europäischen decorum genügenden Hof und ein Zeremoniell aus, das Politik im bis 1918 weitgehend monarchisch strukturierten Europa überhaupt erst ermöglichte. Der preußische Hof konnte selbst unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich Wilhelm III., die gemeinhin als Paradebeispiele vermeintlich "bürgerlicher" Hofhaltung gelten, erheblichen zeremoniellen Aufwand betreiben, wenn es dynastische Interessen oder politische Ziele erforderten. Freilich stand der Berliner Hof von Personalbestand wie zeremoniellem Aufwand her hinter den alten großen Höfen Wien und Versailles (zeitweise auch London) zurück und wies vom 18. Jahrhundert bis zum Ende der Monarchie eine ausgesprochen militärische Prägung auf – der schnelle Aufstieg Preußens unter den Bedingungen von Ressourcenknappheit und militärischer Kraftentfaltung blieb hier lange sichtbar. Damit stand auch Wilhelm II. viel stärker in den Traditionslinien des preußischen Hofes, als es selbst Zeitgenossen schien.5

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Zweitens aber war Zeremoniell grundlegend mehr als nur die mehr oder minder prunkvolle Hervorhebung der Stellung des Monarchen und seines Hauses. Es ist nicht einfach mit den Begriffen "Repräsentation" oder gar "Propaganda" zu fassen. Schloss und Stadt (zunächst die Doppelstadt Berlin-Cölln, seit 1709 die "Haupt- und Residenzstadt" Berlin) waren nicht einfach nur die "Bühne" für Herrscher und Hof, und das Volk, das in diesem wie in vielen anderen Bildern nur als jubelnde Menge erscheint, war nicht nur ein passiv bewunderndes Publikum.6

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Zeremoniell diente vielmehr dazu, Herrschafts- und Sozialbeziehungen auszuhandeln und vorzustellen, denn die über zeremonielle Akte vorgebrachten Ansprüche auf eine bestimmte Stellung mussten durchgesetzt und auch sichtbar akzeptiert werden. Dies galt besonders für die Frühe Neuzeit, in der gesellschaftliche Hierarchien weder durch wirtschaftliche Abhängigkeiten noch durch rechtliche Definitionen eindeutig fixiert waren.7 Anders gesagt: Die Stellung eines Einzelnen oder einer Körperschaft im Gefüge der Gesellschaft musste immer wieder aufs Neue beansprucht und durchgesetzt werden, was zu Rangstreitigkeiten auf allen Ebenen führte – auf der europäischen Bühne der Fürstengesellschaft ebenso wie in den Binnenstrukturen von Höfen, Städten, und Korporationen.

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Das Berliner Schloss diente nahezu von Beginn an diesen Aushandlungsprozessen: Bereits während des 15. und 16. Jahrhunderts war es weniger die von der älteren – auf top-down-Herrschaft der Hohenzollerndynastie fixierten – Forschung vielzitierte "Zwingburg" der Kurfürsten als vielmehr "eine Art Forum", auf dem das Zusammenspiel von Landesherrschaft, Adelsgesellschaft und städtischer Bürgerschaft ausgehandelt und damit Herrschaft hergestellt wurde.8

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Schlüters barocker Umbau des Renaissanceschlosses wurde als Raum für jenes "Ceremoniel der großen Herren" (Julius Bernhard von Rohr) konzipiert, mit dem Friedrich I. den Erwerb der Krone in der europäischen Fürstengesellschaft durchzusetzen wünschte. Es ist bekannt, dass das Berliner Schloss in den auf Friedrichs Krönung folgenden zweihundert Jahren nur gelegentlich als Wohnsitz des Herrschers genutzt wurde und als Teil einer multipolaren Residenzlandschaft verstanden werden muss, in der vor allem Potsdam und seine Umgebung eine herausragende Stellung einnahmen.9

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Unabhängig davon jedoch, ob und wie einzelne Teile des Schlosses genutzt wurden, blieb das Berliner Schloss offizielle Residenz des Königs, in dessen Paradekammern wichtige zeremonielle Akte wie Huldigungen, Botschafterempfänge, Ordensfeiern stattfanden. In den Paradekammern wurden nicht unbedingt die wichtigsten politischen Entscheidungen getroffen – das geschah dort, wo der Monarch sich gerade aufhielt; aber das Schloss war der Ort, wo die wichtigsten Statusansprüche angemeldet wurden.10 Die Paradekammern an der Lustgartenseite des Schlosses bildeten gleichsam das zeremonielle Zentrum der Monarchie und besaßen – im Gegensatz zu nahezu allen anderen Teilen des Schlosses, das bei weitgehender Kontinuität der Außenfassaden im Inneren immer wieder umgebaut wurde – über 200 Jahre das Privileg räumlicher Stabilität, auch wenn sie selbst wiederholt Veränderungen erfuhren.11


Abb. 2: Photolithographischer Druck von Kretschmar&Oellerich, Berlin, Berliner Schloss, Grundriss, 2. Stockwerk, 1911, ©SPSG, GK II (1) Berliner Schloss, Mappe 136.

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In diesem Beitrag möchte ich den Versuch eines größeren chronologischen Bogens wagen, vom ausgehenden 17. Jahrhundert bis über die Revolution von 1918 hinaus, und dabei vor allem auf zwei Aspekte abheben: Erstens die Verortung der brandenburgisch-preußischen Monarchie in der Welt der europäischen Höfe (also jenem Bereich, der gemeinhin als "Außenpolitik" gekennzeichnet wird, aber nicht mit dieser identisch ist), und zweitens das Verhältnis von Monarch und Untertanen, die ab dem späten 18. Jahrhundert in zunächst ungerechtfertigter Vereinfachung der ständischen Gesellschaft als "das Volk" bezeichnet wurden.

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Dabei nehme ich die Differenzierung zwischen einer nur vorstellenden Funktion von Ritualen und einer auch herstellenden auf, welche die neuere Ritualforschung entwickelt hat. Denn im 19. Jahrhundert forderten nicht "nur" Revolution, Industrialisierung, Nationalismus und neue Medienlandschaften die europäischen Monarchien heraus. Mit neuen Rechts- und Verwaltungssystemen, der Einführung von Verfassungen (in Preußen 1850, nach der rasch wieder aufgehobenen revolutionären Verfassung von 1848) und der Neufundierung internationaler Beziehungen wurde auch das Ende der rituell befestigten staatlichen und sozialen Ordnung eingeleitet, und Zeremoniell büßte damit seine rechtskonstitutive Qualität ein.12 Das heißt: Zeremoniell diente nach 1800 immer weniger dazu, eine politisch-soziale Ordnung herzustellen, sondern vielmehr dazu, eine bereits durch andere Verfahren hergestellte Ordnung vorzustellen; aber genau das machte es auch für neue Bedeutungszuschreibungen verfügbar, über die vor allem Monarchie und Nation aneinandergekoppelt wurden.

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Ich gehe dabei in zwei Teilen vor: Erstens untersuche ich die ordnungsproduzierende Funktion von Zeremoniell, und zwar zum einen anhand der zeremoniellen Befestigung der neuen preußischen Krone in der zwischenhöfischen Kommunikation im 18. Jahrhundert, und zum anderen mit Blick auf die Huldigungsfeiern, anhand derer die Hohenzollernherrschaft im Lande etabliert wurde. Versuche zur zeremoniellen Neugestaltung von Monarchie und Volk ab etwa 1800 deuten nicht nur darauf, wie die Monarchie im so genannten Zeitalter der Revolution gerade mithilfe von Zeremoniell auf ein neues Fundament gestellt werden sollte, sondern zeigen auch besonders deutlich die Bruch- und Konfliktlinien auf, die für zeremonielle Aushandlungsprozesse so charakteristisch sind.

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Zweitens möchte ich auf die Jahrzehnte nach Erlass der preußischen Verfassung von 1850 und insbesondere nach der Reichsgründung eingehen, in denen preußisches Zeremoniell besonderen Herausforderungen unterworfen war. Die dynastischen Verbindungen des Hohenzollernhauses und die nationale Aufladung des Kaiseramts im Zeitalter neuer Medien und Verkehrstechniken führten zu einer sprunghaften Ausweitung von Zeremoniell um 1900, zugleich aber auch zu neuen Konflikten um die Nutzung städtischer Räume für konkurrierende politische Rituale. Am Schluss möchte ich dann noch einen kurzen Blick über 1918 hinaus auf das "zeremonielle Erbe" der Monarchie richten, mit dem sich die Weimarer Republik auseinandersetzen musste.

1. Herrschaft aushandeln, Rang markieren: Zeremoniell zwischen europäischer Fürstengesellschaft und lokaler Politik

1.1 König werden I: Die preußische Rangerhöhung in der höfischen Öffentlichkeit

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Der "herstellende" Charakter von Zeremoniell wird besonders deutlich greifbar im Fall der preußischen Königswürde, die Kurfürst Friedrich III. mit seiner Krönung im Januar 1701 erlangt hatte. Obwohl diese in Königsberg stattfand, wurde die Statuserhöhung im Berliner Schloss zeremoniell festgezurrt. Die Krone sollte jene Probleme lösen, die sich für den machtpolitisch aufstrebenden, aber im Rang hinter seinen königlichen Herrscherkollegen zurückstehenden Kurfürsten von Brandenburg und Herzog von Preußen ergaben: In der politisch hochdynamischen Welt des späten 17. Jahrhunderts wurden Staaten zunehmend scharf in souveräne Monarchien und nichtsouveräne Territorien geschieden.13 Der Aufstieg in die Gruppe der souveränen Könige wurde für Herrscher eine Notwendigkeit, wollten sie nicht als offenkundig zweit- oder drittrangig abgestuft werden. Friedrich III. nutzte die mit dem Aussterben der spanischen Habsburger 1700 entstehende Krise, um sich für seine Rangerhöhung die Zustimmung des Kaisers zu sichern.

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Nach Abschluss des Krontraktates mit dem Kaiser erfolgte im Januar 1701 die Krönung in Königsberg (allein das bald so genannte Ost-Preußen außerhalb der Reichsgrenzen war ja souverän) und im Frühjahr der Einzug des Königs in seine Residenzstadt Berlin. Beide Zeremonien wurden durch aufwendige, zum Teil erst nach vielen Jahren fertiggestellte Druckwerke dokumentiert und den anderen europäischen Höfen kommuniziert, auf deren Akzeptanz es ja ankam.14 Der Einzug des neuen Königs erfolgte über eine "via triumphalis", die durch Errichtung temporärer Ehrenpforten zwischen dem in Königstor umbenannten Georgentor und dem Schloss über die ebenfalls umbenannte Königsstraße führte. Ihr Endpunkt war das den Triumphportalgestus aufnehmende Portal I des Schlüterschen Schlossneubaus, das – wie Barbara Stollberg-Rilinger prägnant formuliert hat – der Höhepunkt der "ganzen langen rituellen Handlungssequenz (war), die in Königsberg begonnen hatte, gleichsam als materielle Verkörperung der Königswürde".15 Zugleich nimmt die Triumphbogenreihung von 1701 den wichtigsten Festschmuck der Einzüge Friedrich Wilhelms – des "Großen Kurfürsten" und Vaters Friedrichs I. (dessen Denkmal Schlüter 1703 zwischen Schloss und Königsstraße positionierte) – auf, das auch bei seiner Beisetzung 1688 zum Tragen gekommen war: Die an römischen Vorbildern orientierte Ehrenpforte begründete ein zeremonielles Leitmotiv der preußischen Militärmonarchie über das ganze 18. und 19. Jahrhundert hinweg.16

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Erst durch den Neubau des Schlosses und den "solennen" Einzug wurde das innerhalb der Reichsgrenzen gelegene Berlin zu einer nicht mehr nur kurfürstlichen, sondern königlichen Haupt- und Residenzstadt.17 Die auch nur temporäre Verlegung des Hofes ins souveräne (Ost- ) Preußen ist bemerkenswerterweise nach 1701 zu keinem Zeitpunkt erwogen worden, und der Berliner Königshof blieb trotz neuformulierten Hofzeremoniells institutionell nur eine ausgebaute Fortführung des alten kurfürstlichen Hofes. Die Peripatetik des königlichen Hofes beschränkte sich auf Berlin und seine Umgebung (Potsdam). Damit bildete Preußen eine Ausnahme im europäischen Staatengefüge, denn zumindest zeitweise residierten alle anderen souveränen Könige, die zugleich Reichsstände waren, außerhalb der Reichsgrenzen (Hannover-Großbritannien mit Hannover/Herrenhausen und London als Residenzen, Sachsen-Polen mit Dresden und Warschau, zu nennen sind aber auch die etwas anders gelagerten Fälle Bremen-Pommern-Schweden, Holstein-Dänemark, Holstein-Russland).18