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H. Dorgerloh: Das Berliner Schloss

Kulturgeschichte Preußens - Colloquien 5 (2017)

Hartmut Dorgerloh

Das Berliner Schloss - Stellenwert und Bedeutungswandel in der brandenburgisch preußischen Residenzlandschaft

Abstract

Das Berliner Schloss war für rund 450 Jahre der öffentliche und politische Mittelpunkt der Hohenzollernherrschaft. Wie diese Mitte funktionierte, wie sie gebraucht und inszeniert wurde und wer dafür die Adressaten waren – das unterlag gravierenden Brüchen und Differenzen und ist von jedem brandenburgisch-preußischen Herrscher neu und individuell definiert und austariert worden. Das geschah in Relation zu einem bereits unter dem Großen Kurfürsten geografisch abgesteckten Residenzdreieck, Oranienburg - Köpenick - Potsdam, wobei sich die Achse Potsdam – Charlottenburg – Berlin ab dem 18. Jahrhundert immer stärker als konstituierendes Element ausprägte. In diesem Kontinuum eines zentralen Herrschaftsraums blieb das Berliner Schloss ein Torso in unterschiedlicher Ausprägung – zentral positioniert, aber unvollständig. Das Berliner Schloss existiert nicht mehr – leider. Aber viele markanten Orte in dieser Residenzlandschaft sind heute noch vorhanden und sie erlauben gleichsam im Umkehrschluss oder anders gesagt in der Negativform einen unmittelbaren Rückschluss auf den Stellenwert und Bedeutungswandel des Berliner Schlosses im System der brandenburgisch – preußischen Residenzlandschaft.

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"So wie die Mauern des Schlosses von der im Laufe der Zeiten stets wachsenden Macht des Hohenzollernhauses erzählen, so können die mächtigen Hallen des Innern, die prächtigen Säle und lauschigen Kammern, von dem Geist zu uns reden, der all die Fürsten beseelte, die hier wohnten und wirkten, die hier schafften und lebten und der uns förmlich daraus noch entgegenweht."1 Für Erich von Saldern ist in diesem wilhelminischen Prachtband das Berliner Schloss nicht nur das vom Weltgeist durchzogene steinerne Dokument des stetigen, geradezu zwangsläufigen Aufstiegs der Hohenzollern von Burggrafen zu Nürnberg zu Kaisern des neuen Deutschen Reiches, sondern auch ihr Lebensmittelpunkt, der Ort wo sie wohnten und herrschten.

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Dem war nicht aber offenkundig so, denn an anderer Stelle lesen wir, dass sich Wilhelm II. das "alte wettergraue Königsschloss […] zu seiner Residenz […] erkoren hat, womit er zu einer alten Tradition des Hauses zurückkehrte, die förmlich verlangt, dass die brandenburgischen und preußischen Fürsten in diesem Schloss residieren".2 Es handelte sich also um eine bewusste Entscheidung und Positionierung des jungen Kaisers, mit der er sich deutlich von Wilhelm I. unterschied, der sowohl als General, preußischer Kronprinz, Regent und König sowie schließlich als deutscher Kaiser sehr bewusst das Berliner Schloss mied und im Palais Unter den Linden wohnen blieb, das umgangssprachlich "Kaiserburg" genannt wurde. Wilhelm I. grenzte sich mit dieser Ortswahl wiederum entscheidend von seinem Vorgänger Friedrich Wilhelm IV. ab, der das Berliner Schloss dezidiert zur Inszenierung seiner Herrschaft genutzt hatte. Das wiederum unterschied ihn vom Vater der beiden, Friedrich Wilhelm III., der in Berlin auch als König weiterhin im Kronprinzenpalais residierte.


Abb.1 Eduard Gärtner, Kronprinzenpalais und Neue Wache in Berlin, 1853, ©SPSG; GK I 8863, Foto: Roland Handrick

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Schon aus diesem kurzen Rückblick wird deutlich, dass sich die einzelnen Hohenzollernherrscher offenkundig differenziert zum Berliner Schloss positionierten. Das führt zu der Frage, welche Bedeutung das Königsschloss an der Spree für die Herrschaftspraxis der Hohenzollern in Brandenburg-Preußen hatte, ob und wie sich diese wandelte und wie sich das Verhältnis zu ihren anderen Schlössern bestimmen lässt. Dabei ist für mich von Interesse, wie sich dieses Herrschaftssystem räumlich strukturierte und an welche Adressaten es sich in welchem Kontext richtete.

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Bei der Perspektive des Raumes handelt es nicht von den naturräumlichen Gegebenheiten, sondern es geht um die sozialen Räume, also solche, die nicht per se vorhanden sind, sondern die in gesellschaftlichen Prozessen und Interaktionen immer wieder neu herausgebildet werden müssen. Seit der grundlegenden Arbeit von Martina Löw "Raumsoziologie"3 ist dieser in der Humangeographie entwickelte Ansatz als spatial turn in der Kunst- und Architekturgeschichte ebenso reflektiert worden wie in den Geschichtswissenschaften.

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Für das vorliegende Thema und für einen gewissen Zeithorizont sehr einschlägig ist unter diesem Aspekt die 2012 publizierte Dissertationsschrift von Ines Elsner: "Friedrich III./I. von Brandenburg-Preußen (1688-1713) und die Berliner Residenzlandschaft".4 Der zuerst 1972 von Gerd Heinrich verwendete Begriff der "Residenzlandschaft" setzte sich erst in den 1990er Jahren als gängiger Terminus in der Forschung durch. Darin findet das veränderte Verhältnis von Stadt und Umland in der Frühen Neuzeit seinen Ausdruck, als "Mittelpunktsfunktionen zwar in verschiedenen Orten wahrgenommen werden, aber die Orte nicht verstreut im Lande liegen, sondern mehr oder minder benachbart sind. Anders ausgedrückt: es gibt in einem solchen Fall nicht eine Residenzstadt, sondern eine Residenzlandschaft oder, neutraler formuliert, eine Zentralregion oder einen Zentralraum."5

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Ausgehend davon hat Elsner für die Zeit Friedrichs I. nicht den Ausbau der Berliner Residenz selbst, sondern die Ausformung des Zentralraums im Umkreis der Hauptstadt untersucht. Sie hat in der präzisen Auswertung der Itinerare nachgewiesen, dass Friedrich I. nur die Hälfte seiner Regierungszeit in Berlin verbrachte. Für die andere Hälfte standen ihm "Itinerarorte" außerhalb Berlins zur Verfügung, die sie qualitativ nach "Hauptschlössern", "Lustschlössern", "Jagdschlössern", "Satelliten" und "Relaisstationen" unterscheidet.

Die Herausbildung der Residenzlandschaft in der Umgebung Berlins

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Die ältesten Itinerarorte wurden als Jagdschlösser unter Kurfürst Joachim II. bereits Mitte des 16. Jahrhunderts in der näheren Umgebung Berlins angelegt: Grunewald (1542), Rüdersdorf und Köpenick (1558-1571). In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert wurden diese unter dem Großen Kurfürsten wieder aktiviert und teilweise ausgebaut, was aber seinen politischen Ambitionen nach dem Westfälischen Frieden bei weitem nicht genügte. Diese fanden ihren Niederschlag in den nur teilweise umgesetzten Plänen für den Um- bzw. Erweiterungsbau des Berliner Schlosses, wie dem Alabastersaal oder neuen Bibliotheksflügel, und in Projekten in der Schlossumgebung, wie dem Zeughaus. Mindestens ebenso relevant war aber die Anlage von drei Nebenresidenzen. Es begann im Norden mit Oranienburg (1651-1655) für die Kurfürstin Luise Henriette, setzte sich im Südwesten in Potsdam mit dem zentralen Schloss- und Landesverschönerungsprojekt (1662-1670) für den Kurfürsten selbst fort und fand seinen Abschluss in Köpenick (ab 1669) für die beiden ältesten Söhne.