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M. Völkel: "Es ist einem jeden erlaubt, diese Seltenheiten in Augenschein zu nehmen."


Kulturgeschichte Preußens - Colloquien 5 (2017)

Michaela Völkel

"Es ist einem jeden erlaubt, diese Seltenheiten in Augenschein zu nehmen."

Das Berliner Schloss und seine Sammlungen als touristische Sehenswürdigkeit 1650-1918

Abstract:

Wie alle europäischen Residenz- und Lustschlösser stand auch das Berliner Schloss der nichtadeligen Öffentlichkeit bereits rund 300 Jahre vor seiner Umwandlung in ein Schlossmuseum zu Besichtigungszwecken offen. Während dieser Schlossbesichtigungen gewährte man dem Publikum phasenweise Zugang zu weit mehr Räumen, als dies im Rahmen einer offiziellen Audienz möglich war. Eine Zugangsbeschränkung stellten lediglich die hohen Trinkgelder dar, die für die Besichtigung erwartet wurden. Lange deckte sich die Neugier der Besucher auf die Sammlungen und den zur Schau gestellten Reichtum mit dem Interesse der Schlossherren, fürstliche Magnifizenz, Dynastiegeschichte und Geschmack zur Schau zu stellen. Mit der Vereinnahmung der im Schloss präsentierten Kunstwerke für einen eigenständigen Kunstdiskurs und der zunehmenden Kritik an den Ausgaben für höfische Repräsentation begann sich der Blick der Besucher auf das Schloss seit dem späten 18. Jahrhundert jedoch zu verändern und damit den Verlust der fürstlichen Deutungshoheit über das Schloss einzuläuten.

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Die Eroberung und Inbesitznahme des Berliner Schlosses im Dezember des Jahres 1918, die zunächst durch Waffengewalt, dann symbolisch durch das Ausrufen der Republik und schließlich funktional und intellektuell durch seine Umwandlung in ein Museum erfolgte, machten das Ende der Monarchie in Deutschland auf signifikante Weise evident. Auf die damals initiierte Musealisierung und die mit ihr einhergehende Öffnung des Schlosses für ein breites Publikum berufen sich derzeit all jene, die Form und Funktion des Humboldt Forums (zukunftsweisende Fragestellungen auf der einen, die letztlich atavistische Hülle eines Schlosses und damit einer obsoleten Bauaufgabe auf der anderen Seite) argumentativ in Übereinstimmung zu bringen versucht. Tatsächlich stand das Berliner Schloss der Öffentlichkeit jedoch nicht erst seit 1918 zu Besichtigungszwecken offen. Seit dem 16. Jahrhundert war der Zutritt zu den europäischen Residenz- und Lustschlössern grundsätzlich jeder und jedem möglich, der sich dort umsehen wollte.1

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In Nathan Chytraeus' 1594 erschienenem Reiseführer zu den "Deliciae" Europas findet man einen schematischen Überblick über alles, was an fernen Orten der genauen Betrachtung wert ist, darunter landschaftliche Besonderheiten, Sitten und Gebräuche sowie sakrale und profane Bauwerke.2 Letztere werden von den fürstlichen Palästen angeführt. Aufgrund ihrer politischen Bedeutung, vor allem aber wegen der anspruchsvollen Architektur, der wertvollen Ausstattung und der Kunstwerke und Kuriositäten, die hier in der Regel auf engstem Raum versammelt waren, galten sie als Hauptsehenswürdigkeiten.

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Für den mittleren und den Hochadel hatten Fürstensitze schon immer zu den wichtigsten Reisezielen gehört. Der Besuch dieser reisenden Kavaliere galt freilich weniger dem Schloss als dem Hof. Hier hoffte man soziale Kontakte zu knüpfen und Hofinterna zu erfahren. Gleichzeitig passierten auch Geschäftsleute, Beamte, Wissenschaftler, Handwerker und Künstler, die sich eine Bildungsreise leisten konnten oder aus beruflichen Gründen unterwegs waren, immer wieder die europäischen Residenzstädte. Auch ihnen war es, wie zahlreiche Reiseführer und Reisebeschreibungen belegen, ohne große Umstände möglich, im Rahmen einer Schlossführung Zutritt zu Residenzschlössern, Adelspalais, Lusthäusern und deren Gärten zu erhalten.

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Für Berlin weist beispielsweise schon Martin Zeillers "Getreuer Reisegefehrt" aus dem Jahr 1653 darauf hin, dass "das Chur Fürstliche Schloß / sampt den zugehörigen Gebäuwen / der Schloß=Kirchen / Canzley / Apotheken / Marstall / Rüstkammern / und dergleichen zu besichtigen" sei.3 Ein gutes Jahrzehnt später unterhalten sich die fiktiven Kunstfreunde Dulodorus und Archaeophilus aus Lorenz Begers "Thesaurus Brandenburgicus" darüber, dass das Innere des Schlosses "omninò", also in Gänze besichtigt werden könne.4 Als Idealvorstellung ist diese Aussage in unserem Zusammenhang bemerkenswert, tatsächlich wurde Besuchern, die das Schloss über die repräsentative Wendeltreppe betraten, damals jedoch nur der große Saal und die Wohnung des Kurfürsten und der Kurfürstin sowie die Bibliothek gezeigt.5


Abb. 1: Johann Gregor Memhardt: Plan der Städte Berlin und Cölln, Detail: Berliner Schloss und Umgebung, 1652, SPSG Inv. Nr. GK II (1), Mappe 139

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Wer ein Schloss besichtigen wollte, wandte sich an die Schlosswache, einen der überall anzutreffenden Schweizer Gardisten oder an den Kastellan. Sie waren ganztägig anzutreffen, öffneten dem interessierten Besucher die Türen und führten ihn durch die für den Rundgang vorgesehenen Räume. Die Wohnung des für das Berliner Schloss und seinen Besichtigungsbetrieb zuständigen Oberkastellans lag seit dem 18. Jahrhundert im dritten Stock des Quergebäudes. "Bei diesem, jetzt Herr Lehmann, melden sich die Fremden, welche das Innere des Schlosses sehen wollen", liest man im Handbuch für Fremde und Einheimische aus dem Jahr 1794.6 Grundsätzlich war es, wie Friedrich Nicolai betont, "einem jeden erlaubt [die] Seltenheiten in Augenschein zu nehmen", die das Schloss beherbergte.7 Besucher mussten allerdings den Vorstellungen der Zeit gemäß anständig gekleidet sein. Vorsichtshalber hatte der Kastellan sich vor dem Rundgang durch die Gemächer zudem "wohl zu erkundigen, was vor Leuthe es seyn, die selbige zu sehen verlangen."8