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J. Luh: Französisch oder deutsch?

Kulturgeschichte Preußens - Colloquien 6 (2018)

Jürgen Luh

Französisch oder deutsch?

Die "Schönen Wissenschaften" und Friedrich der Große

Abstract

"Schöne Wissenschaften" waren für Friedrich den Großen in erster Linie die Schreib- und die Dichtkunst sowie die Beschäftigung mit der Vergangenheit, die Historie, und auch die Musik. Sie alle müssten geschmackvoll und mit Esprit, d. h. mit einer Leichtigkeit, die sie allen Menschen überall verständlich machten, betrieben werden. sie hätten "die Pflicht … zu gefallen", berechtige ihre Existenz. Die "Pflicht zu gefallen" oder, wie er auch schrieb, "Geschmack zu besitzen" und zu verbreiten, war das wichtigste Kriterium für Friedrichs Definition einer "Schönen Wissenschaft". Und die Wissenschaften nach diesem Gebot aufzubereiten, erfüllten nach Friedrichs Ansicht allein die Franzosen. Die Deutschen dagegen seien arbeitsam, gründlich und von erdrückender Weitschweifigkeit – das langweile. Ihnen fehle an der Unterscheidungskraft, alle Schönheiten aufzufassen. Sie müssten durch das Studium französischer Schriften und griechischer und lateinischer in französischer Übersetzung erst Geschmack gewinnen. Er hoffte, dass dies dereinst einmal der Fall sein werde.

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"Ich liebe die schönen Wissenschaften bis zur Thorheit. Sie allein machen unsere Muße reizend und geben uns wahres Vergnügen." Das schrieb Friedrich der Große am 25. November 1769 an Voltaire. Und er fügte hinzu, dies sei seine alte Schwäche.1 Der König kam in diesem Brief – wieder einmal – auf ein Thema zurück, das ihn in seiner Korrespondenz mit dem französischen Literaten, Dichter, Historiker und Aufklärer von Anbeginn beschäftigt hatte.

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Unstrittig und außerhalb jeglicher Diskussion bei dem Gedanken an dieses Thema war für Friedrich, dass die "Schönen Wissenschaften" französisch seien – und keinesfalls deutsch. Das habe die Geschichte gezeigt; sie habe es bewiesen. "Die Franzosen", stellte schon der Kronprinz 1737, in einem der ersten Briefe an den französischen Freigeist fest, hätten "die Disteln und Dornen entfernt, die den Menschen den Pfad zu einem Ruhme, wie man ihn in den schönen Wissenschaften erringen kann, völlig versperrten." Die Franzosen, bedeutete dies, seien auf diesem Gebiet beispielgebend. Allein an ihnen dürfe man sich orientieren.

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Was aber verstand Friedrich unter "Schönen Wissenschaften"? Welche Wissenschaften zählte er dazu? – Schöne Wissenschaften waren ihm, wie aus dem Studium seiner Schriften und Texte hervorgeht, in erster Linie die Schreib- und die Dichtkunst sowie die Beschäftigung mit der Vergangenheit; was ein später Brief an Jean le Rond d'Alembert bestätigt.2 Das Fach der schönen Wissenschaften, schrieb Friedrich dem französischen Mathematiker, Physiker und Philosophen am 5. Mai 1767 leide und erfordere freiere Untersuchung: "Man darf über Geschichte, Dichtkunst und" – für die Tagung besonders wichtig – "Musik Alles sagen, was man will. "

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Geschichte, Dichtkunst und Musik rechnete der König also ausdrücklich zu den "Schönen Wissenschaften"! Wobei, das muss man ergänzend sagen, Friedrich zur Geschichte auch die Beschäftigung mit diesem Fach, das, wie er schrieb, Studium derselben "von ihrem Anfang … bis auf unsere Zeiten" zählte, ebenso das Schreiben von Historie selbst – und damit im Grunde auch die historische Schriftstellerei. "Ich z. B.", fuhr er fort, "habe mir es bei dem Studium der Geschichte zur Gewohnheit gemacht, sie von ihrem Anfang aufzunehmen und bis auf unsere Zeiten zu verfolgen; so wie man erst Grundsätze feststellt, ehe man Schlüsse daraus herleitet."

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Dies alles zeigt: Die Entwicklung innerhalb eines Faches, eines Gebietes, hier eben das der Geschichtswissenschaft, interessierte den König also, weil diese Entwicklung zu erkennen und zu verstehen erst Schlüsse, Voraussagen, Meinungen ermöglichte – und damit die Anwendung oder Benutzung des Geistes, das Sich-Gedanken-machen, das er liebte, mit denen er, den Gedanken, zu spielen liebte.

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In der Dichtkunst, schieb er weiter, "liebe ich Alles, was das Herz und die Einbildungskraft rührt, es sei Politik oder Fabel, und es würde mir leid thun, wenn man die Mythologie, die so viele Bilder liefert, daraus verbannen wollte". Denn die "Menge reizender Allegorien, in welche die Alten ihre physischen Kenntnisse einhüllten", so Friedrich, gewähre nämlich eine "fruchtbare Quelle für ein schönes Genie". Mit Wissen und Erkenntnis geist- und andeutungsreich umgehen, ja damit sinnreich "spielen" und dabei eine oft anspielungsreiche Botschaft transportieren, bedeutete dies in seinen Augen.

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So etwa tat er es in Sanssouci. Hier hatte er ein unsichtbares, gleichwohl bedeutungsvolles Dreieck zwischen seiner Bibliothek, seiner Grabstelle und der Statue des "Betenden Knaben", des Antinous geschaffen, dessen Sinn sich nur dem erschließen sollte und auch nur erschließt, der über Wissen und, wie Friedrich wollte, über "schönes Genie" verfügt. So muss man dafür die Geschichte des Antinous kennen und ebenso diejenige der Skulptur, deren Sammlungsgeschichte, d.h. die Historie ihrer Besitzer und ihrer Erwerbung, sich darüber hinaus auch über die Bedeutung eines Grabes im Garten Gedanken machen, um über Friedrichs Persönlichkeit und seine Sicht auf die Welt Intimeres zu erfahren. Hier, an diesem Ort, diesem Dreieck lässt sich im Bild gedanklich nachvollziehen, was Friedrich für "Wissenschaft" betrieben wissen wollte – was an dieser Stelle aber weiter nicht verfolgt werden soll.

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Dass solch schöne, reiche Gedankenarbeit entwertet würde oder gar verloren ginge, fürchtete Friedrich. Er fürchtete, dass die Gelehrten seines, des 18. Jahrhunderts es "den Barbaren und schwärmerischen Priestern" nachtäten, die in den Jahrhunderten zuvor die "Gottheiten des Heidentums" zerstört hätten, und die gleich jenen Priestern "gefühllos genug" seien, "um alles auch noch so Sinnreiche zu zertrümmern, was die Zeiten der Künste und des Geschmacks hervorgebracht haben".3

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Ganz deutlich wird hier seine Auffassung, Mythologie, die Gesamtheit der Mythen einer Zivilisation, zähle zur Wissenschaft, selbst in ihrer religiösen Form – und dürfe deswegen weder von den Gelehrten noch von der Kirche angegriffen werden – und auch nicht von den Aufklärern.

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An solcher Äußerung wird außerdem deutlich, dass in Friedrichs Betrachtungen der "Schönen Wissenschaften" häufig die Künste ganz allgemein, aber auch die Wissenschaften als solche ganz allgemein vorkamen, wenn sie nur geschmackvoll und mit Esprit, d. h. mit einer Leichtigkeit, die sie allen und überall verständlich machten, betrieben wurden. Sie konnten dann in den Kanon des Königs aufgenommen werden.

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Eine klare Unterscheidung traf Friedrich allerdings nicht. Deutlich wird jedoch "die Pflicht", die er allgemein den Wissenschaften und Künste zuwies, die deren Existenz erst berechtigte, nämlich "zu gefallen". Dafür müsse erlaubt sein, sich "jedes Hilfsmittels zu bedienen".4 Diese unbedingte "Pflicht zu gefallen" oder, in einer anderen Variation in seinen Schriften, "Geschmack" – bon goût – "zu besitzen" und zu verbreiten, ist vielleicht das wichtigste Kriterium für Friedrichs Definition einer "Schönen Wissenschaft".

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Und die Wissenschaften nach diesem Gebot aufzubereiten, erfüllten nach Friedrichs Ansicht allein die Franzosen, denen "bon goût" so wichtig war wie keiner anderen Nation. "Die Franzosen", so schrieb er schon er 1737, "kennen noch einen Apollo von Cirey" – Voltaire – "noch einen Fontenelle, einen Crébillon, einen Rollin für die Klarheit und Schönheit des historischen Stils." Alle drei waren in seinem Verständnis wissenschaftliche und unterhaltende Autoren. Rollins Geschichten alter Zeiten und Völker und seine Anweisungen, die schönen Wissenschaften zu studieren, hätten ihn, so Friedrich, besonders berühmt gemacht. Und weiter es in dem Brief: Die Franzosen kennen auch "einen d'Olivet für Übersetzungen; ferner Bernard und Gresset, deren natürliche und gefällige Muse einen Chaulieu und La Fare reichlich ersetzen kann". Die Dichter des 18. Jahrhunderts seien ebenso gut, sogar besser als die des 17. Jahrhunderts meinte das. "Wenn Gresset bisweilen gegen die Sorgfalt verstößt", verteidigte ihn Friedrich, "so entschuldigt ihn das Feuer, welches ihn fortreißt; überreich an Gedanken, achtet er nicht auf die Worte."5 Abschließend stellte Friedrich in seinem Brief die hypothetische Frage: "Ist es nicht billig, dass die übrigen Nationen gegen Frankreich Dankbarkeit für den Dienst bewahren, den es ihnen insgesamt geleistet hat? Schuldet man denen, die uns Mittel und Wege zu unserer Belehrung schaffen, nicht die gleiche Erkenntlichkeit wie denen, die uns das Leben schenken? "6

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Frankreich verdanke das alles König Ludwig XIV. Der habe, obwohl er selbst wenig gelehrt gewesen sei, als wichtige Aufgabe betrachtet, all jene zu beschützen, von denen er seine Unsterblichkeit erhoffte. "Er schwärmte für den Ruhm", so Friedrich, "und dieser edlen Leidenschaft verdankt Frankreich seine Akademie der Künste, die noch heutigen Tages daselbst in Blüte steht." Dieses Beispiel, das Ludwig XIV. gab, habe vorbildlich gewirkt. Sein Großvater "König Friedrich I. von Preußen, ein Herrscher von arg beschränktem Verstande, gutmütig, aber allzu lenksam", so Friedrichs zwiespältiges Urteil, "schuf unter seiner Regierung eine ziemlich bedeutende Blüte der Künste. Dieser Fürst liebte Größe und Pracht; er war freigebig bis zur Verschwendung. Ganz eingenommen von allen Lobsprüchen, die man Ludwig XIV. so reichlich spendete, meinte er, es könne, wenn er jenen König zum Vorbild wählte, nicht ausbleiben, dass er ebenfalls gepriesen werde."7 Womit Friedrich Recht hatte, wie vor allem die Korrespondenz des ersten preußischen Königs mit Sophie von Hannover, der Mutter seiner Gemahlin Sophie Charlotte erweist. In seinen Briefen erkundigte sich Friedrich I. immer wieder nach Neuigkeiten vom französischen Hof, wollte er erfahren, was dort geschehe, wie man die Dinge dort handhabte.8

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Zwar machte sich Friedrich darüber und überhaupt über den Hof seines Großvaters lustig: man habe alles imitiert und nachgemacht, was in Versailles geschah: Zeremoniell, Reden, abgemessene Schritte, abgezählte Worte, große Musketiere usw. und sich selbst "zum Affen" gemacht, aber Friedrich lobte ausdrücklich die Gründung der Berliner Akademie. Freilich schrieb er diesen Akt dem Einfluss seiner Großmutter Sophie Charlotte und vor allem demjenigen Gottfried Wilhelm Leibniz' zu, den die erste preußische Königin, so Friedrich, hochgeschätzt habe, weil beide durch ihre Frankreichaufenthalte geprägt worden seien. Leibniz sei es zuerst gewesen, wie der König mit Recht hervorhob, der den Plan gefasst habe, "in Berlin eine Akademie nach dem Muster der Pariser zu gründen, jedoch mit Einführung einiger leichter Abänderungen".9

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Am Ende seiner darauffolgenden Betrachtungen über die Akademiegründung räumte Friedrich dann – nicht ungern – ein: "Man redete ein wenig von Ludwig XIV." in Berlin. "Die Astronomen versicherten, sie würden eine Unzahl von Sternen entdecken, deren Taufpate der König" – Friedrich I. – "zweifellos sein müsse; die Botaniker und Ärzte stellten ihre Fähigkeiten in seinen" – Friedrichs I. – "Dienst. … Man sah … die Erfolge. Im Fluge war die Sternwarte erbaut, das anatomische Theater eröffnet, und die vollständig eingerichtete Akademie bekam Leibniz zu ihrem Oberhaupt."10

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Das war von Friedrich dann doch etwas optimistisch zusammengefasst. In Wahrheit dauerte es zehn Jahre bis die Akademie 1710 feierlich eröffnet wurde. Aber – und das ist hier wichtig – es war sein, Friedrichs des Großen, leicht zu überlesendes, Eingeständnis, sein Großvater habe doch etwas richtiggemacht, denn er habe sich, um die Gelehrsamkeit in Preußen zu heben, am französischen Vorbild orientiert!

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Was Friedrich dabei allerdings übersah – oder wohl, in seiner Vorstellung von der Entwicklung der Kultur gefangen – übersehen wollte – war, dass die Mehrzahl der Akademiemitglieder in der Zeit Friedrichs I. Einheimische waren, jedenfalls Deutsche, wie das Verzeichnis der ersten Mitglieder nachweist, mit Leibniz an der Spitze. Die Gründung "unverdrossen" gefördert und Leibniz unterstützt hatte, so Adolf Harnack, einer der besten Kenner der Akademiehistorie, in seiner "Geschichte der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften", lediglich ein einziger Franzose, der allerdings in Kassel zur Welt gekommen war: nämlich der Archivrat Johann Jakob Cuneau (auch Chuno), wenngleich Cuneau in den Annalen der Akademie ob seines Geburtsortes als Einheimischer, als Deutscher gilt. Maßgeblich beteiligt darüber hinaus waren die bei bzw. in Danzig geborenen Jablonskis, Daniel Ernst und Johann Theodor, ebenfalls Einheimische. Immerhin aber waren zur Zeit des ersten Königs zwei Franzosen auswärtige Mitglieder: Jean Barbeyrac oder Jacques Basnage.

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Warum aber glaubte Friedrich nicht an die Deutschen? Was rügte er an den ihnen? Ihren Mangel an Geist nicht, wie er bereits als Kronprinz an Voltaire schrieb. Gesunden Verstand besäßen sie. Die Deutschen seien arbeitsam und gründlich, hätten sie sich einmal eines Gegenstands bemächtigt, dann ließen sie ihn nicht mehr los. So weit, so gut. Dann aber fuhr er fort: Ihre Bücher seien von erdrückender Weitschweifigkeit – und das langweile. Er warf ihnen also vor, gegen die "Pflicht zu gefallen" zu verstoßen. Man müsse sie daher "von ihrer Schwerfälligkeit befreien und etwas mehr mit den Grazien befreunden". Gelänge dies, ließ Friedrich Voltaire wissen, "möchte ich nicht daran verzweifeln, dass meine Nation große Männer hervorbrächte". Doch eine kaum zu überwindende Schwierigkeit würde solches verhindern: die deutsche Sprache, denn die sei uneinheitlich. Man habe, so Friedrich, bislang "den Wortgebrauch nicht festgestellt", weil eine übergeordnete Einrichtung fehle.11

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"Da Deutschland unter eine Menge selbständiger Fürsten verteilt ist", folgerte schon der Kronprinz, "wird es nie möglich sein, diese zur Unterwerfung unter die Entscheidungen einer Akademie bereitwillig zu machen."12 Noch deutlicher drückte er es als König Jahre später gegenüber d'Alembert aus: "Unsere rauen Deutschen haben zwanzig Mundarten, und dafür gar keine bestimmte Sprache; der Mangel dieses Werkzeugs schadet der Bearbeitung der schönen Wissenschaften."13 Und ebenso äußerte er sich dann – natürlich – auch gegenüber Voltaire: Den Deutschen fehle es "an zwei Stücken: an einer guten Sprache und an Geschmack". Das Deutsche, wiederholte der König, sei zu weitschweifig, und in guten Gesellschaften spräche man deshalb zu Recht Französisch.14

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So kam Friedrich zu der Überzeugung, dass den deutschen Gelehrten "kein anderes Auskunftsmittel" bliebe, als in fremden Sprachen zu schreiben. Weil aber deren gründliche Beherrschung sehr schwierig sei – die deutschen "Magisterchen und Professoren" seien "nicht im Stande, der Sprache die Feinheit und die leichten Wendungen zu geben, die sie nur im Umgange der großen Welt erhalten kann"15 –, stehe zu befürchten, dass die deutsche Literatur "nie recht große Fortschritte machen würde".16 Bis jetzt, teilte er 1775 Voltaire mit, könnten die Deutschen "die Schriftsteller aus dem Jahrhundert des Augustus noch nicht nachahmen" und verstiegen sich zu einer "fehlerhafte[n] Mischung von dem Römischen, Englischen, Französischen und ihrem eigenen Nationalgeschmack". Sie seien 1700 Jahr zurück, meinte dies. Es fehle ihnen "noch an der freien Unterscheidungskraft, die alle Schönheiten auffasst".17

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Diese Rückständigkeit, so Friedrich Überzeugung, liege auch daran, dass die Gelehrten von den deutschen Fürsten "wenig geachtet" würden. Dies sei ein nicht "unwichtiges" Hemmnis. Preußen diente ihm dafür als Beispiel. "Unsere Universitäten und unsere Akademie der Wissenschaften befinden sich in einem traurigen Zustande", teilte der Kronprinz Voltaire 1737 mit, "es scheint, als wollten die Musen diesen Himmelsstrich verlassen." Solange Sophie Charlotte gelebt habe, er kam immer wieder auf seine französisch geprägte Großmutter zurück, "erhielt die Akademie sich recht gut, aber nach dem Tode der Königin blieb es nicht so". Das war allerdings, wie oben schon angedeutet, Unsinn, denn als Sophie Charlotte 1705 starb, war die Akademie nicht einmal gegründet; ihr aber, der französisch Geprägten, wollte Friedrich den Verdienst um die Sache zuschreiben. Folgerichtig überging er den König, seinen Großvater, der die Gründung der Institution mit Leibniz besprochen und ausgemacht hatte. Sehr summarisch, acht Jahre in einem kurzen Satz zusammenfassend, hieß es im Anschluss an "nach dem Tod der Königin blieb es nicht so" lediglich: "Der König, ihr Gemahl, folgte ihr bald nach."18

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Danach aber kritisierte er seinen Vater mit drastischen Worten; ihn machte er, ohne jedoch seinen Namen zu nennen, für den "traurigen Zustand" der Kultur im Land verantwortlich: "Gegenwärtig" – also 1737, als er den Brief an Voltaire schrieb – "verfallen die Wissenschaften und Künste immer mehr, und ich sehe mit Tränen in den Augen, wie die Gelehrsamkeit aus unserem Gebiete flieht und die Dummheit mit frecher Stirn und die Verrohung der Sitten sich den Platz anmaßen."19

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Es war eine mehr als deutliche Missbilligung der Zustände Preußens, aber wohl eher noch der des Hofes unter Friedrich Wilhelm I., denn hier vor allem hatte Friedrich Einblick in die Verhältnisse. Es war, geäußert gegenüber Voltaire und damit der Welt kundgetan, denn der behielt bekanntlich nichts für sich, eine einschneidende Kritik an der Derbheit des Vaters. Dessen dumpfer Art, die ihren höchsten Ausdruck im Tabakskollegium fand, der Sauf- und Rauchrunde, in der man sich über gebildete Gelehrte wie z.B. Jacob Paul Gundling lustig machte, auch des Vaters alles Französische ablehnende Deutschtümelei sowie dessen Grobheiten, die Friedrich der "deutschen" Unbildung zuschrieb, vermochte der feinsinnige, allseits interessierte, aufgeschlossene Kronprinz nichts, aber auch gar nicht abzugewinnen.

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Friedrich lehnte all das ab – und sich dagegen auf. Dieses Beispiel eines deutschen Fürsten, das sein Vater gab, war ein weiterer wesentlicher, wirklich schwerwiegender Grund dafür, dass Friedrich nicht an einen originären deutschen Beitrag zur Entwicklung und Verbreitung von Bildung und "Schöner Wissenschaft" glaubte, er vielmehr der festen Überzeugung war, nur die Imitation großer Vorbilder könne Verbesserung bringen – und diese Vorbilder lieferte eben Frankreich.

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Aus all seinen Beobachtungen leitete der König die Schlussfolgerung ab, dass auf den Gebieten des Geschmacks, der Wissenschaft, der Literatur, der "Schönen Wissenschaften" überhaupt "Fortschritte" nur durch Frankreich zu vermitteln seien, durch Franzosen selbst oder durch Männer, deren Bildung französisch war, die französisch schrieben und sprachen. Aus diesem Grund besetzte der König, 1740 an die Regierung gelangt, "seine" wiederbelebte Akademie fast ausschließlich mit Franzosen, und daher förderte er ein "besonnenes Studium" des klassischen Schrifttums, sowohl des griechischen und lateinischen – am besten in französischen Übersetzungen – sowie, vor allem, des klassischen französischen. Nur so ließe sich in Deutschland Geschmack erlernen und verbreiten.20

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Infolgedessen legte er in seiner 1765 verfassten "Instruktion für die Académie des Nobles" in Berlin u. a. fest21: "In der ersten Klasse sollen [die Schüler] Französisch lernen und sich die Grundlagen dieser Sprache in der Akademie erwerben" und "für die gerichtliche Redekunst" sollen sie "die Reden Ciceros benutzen, für die beratende Redegattung Demosthenes, und für die demonstrative Gattung Fléchier und Bossuet, sämmtlich auf französisch." Ferner hatten "die jungen Leute die Briefe der Frau von Sévigné, des Grafen d'Estrades und des Kardinals d' Ossat" zu lesen. Ein "Kursus" in Poesie sollte den Geschmack bilden: Homer, Vergil, ein paar Oden des Horaz, und dann vor allem Voltaire, Boileau und Racine seien dafür die "fruchtbaren Quellen". Dies werde "den Geist der jungen Leute zieren und ihnen zugleich Geschmack an den schönen Künsten beibringen". Geschichte und Geographie sollten nach Rollin gelehrt werden, römische Geschichte nach Laurent Echards "Histoire romaine depuis la fondation de Rome jusqu' à la translation de l'empire par Constantin", Paris 1737, die Geschichte des Deutschen Reiches, des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, nach Pater Joseph Barres "Historie générale d'Allemagne", Paris 1748. In der Kunstgeschichte sollte der Lehrer den Unterricht "mit Griechenland, der Wiege der schönen Künste, beginnen und die hervorragendsten griechischen Künstler namhaft machen". Anschließend sollte er zur "zweiten Kunstblüte unter Cäsar und Augustus übergehen, zur Wiedergeburt der Künste unter den Medizäern" – den Medici – dann "zu ihrer hohen Vollendung unter Ludwig XIV., und mit den berühmtesten Künstlern unserer Zeit enden".22

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Friedrich, das wird hier besonders deutlich, folgte Voltaires Entwurf der epochemachenden Kulturzeitalter: auf Griechenland folge Rom, auf Rom das Zeitalter der Medici, auf dieses wiederum dasjenige Ludwigs XIV., dem er den Status "einer noch nicht wieder erreichten Vollkommenheit" zubilligte.23 Den Stand der Kultur und der "Schönen Wissenschaften" des "Siecle de Louis XIV" galt es in Friedrichs Augen auch in Deutschland zu erreichen, dazu wollte er durch seine französische Kulturpolitik beitragen.

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Zehn Jahre später, 1775, zog Friedrich eine Zwischenbilanz seiner Anstrengungen: Die "Schönen Wissenschaften", ließ er Voltaire wissen, stünden bei den Deutschen jetzt "auf eben dem Punkt, wo sie in Frankreich unter Franz I. " gestanden hätten. "Man liebt sie, sucht sie auf, und sie werden von Fremden zu uns hinverpflanzt." Der Geschmack an ihnen beginne, sich zu verbreiten, und man dürfe nun erwarten, "daß die Natur wahre Genies hervorbringen werde, wie unter Richelieu's und Mazarin's Ministerium". Nur glaube er nicht, dass "der Boden", wie er schrieb, um die "Schönen Wissenschaften" hervorzubringen, schon hinlänglich bereitet sei. Er für seinen Teil "werde die schönen Tage seines Vaterlandes nicht erleben", er sehe aber voraus, "dass sie möglich sind".24 Friedrich war nun im Großen und Ganzen ein wenig optimistisch geworden.

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Und wirklich wandte er sich in seinen letzten Lebensjahren erstmals ausdrücklich und mit innerem Engagement dem "Deutschen" zu. Er tat dies wohl, weil Voltaire, sein mit Abstand wichtigster Gesprächspartner, das Idol seiner Ideen- und Gedankenwelt, auch sein Sinnbild für die höchste Stufe eines von einem Menschen zu erreichenden Geistes- und Kulturzustandes, 1778 verstorben war. Denn mit Voltaires Tod, schrieb er d'Alembert, sei auch das goldene "Siecle de Louis XIV." endgültig ins Grab gesunken. Den Deutschen, glaubte er, werde es nun leichter fallen, den Vorsprung Frankreichs aufzuholen. Seine so umstrittene Lehrschrift "De la literature allemande" von1781 war vor diesem Hintergrund ein von ihm ernstgemeinter Versuch, seinen Landesleuten einen Weg zu weisen zu den Höhen des ludovizianischen Zeitalters und ihre Schritte bergauf zu beschleunigen – er wollte nun Anteil am deutschen Geistesleben nehmen. Festhaltend am französischen Vorbild offenbarte diese Schrift aber, dass Friedrich die "deutschen" Entwicklungen nicht verfolgt und daher nicht bemerkt hatte, dass "der Boden", um es mit seinen Worten zu sagen, in Deutschland, die "Schönen Wissenschaften" sehr wohl schon "selber hervorbringen konnte". Dass dies der Fall war, hat erst sein von ihm verspotteter, auch verunglimpfter Neffe und Nachfolger Friedrich Wilhelm II. gesehen – und gefördert, in Literatur, Kunst und Musik.



1 Karl Heinrich Siegfried Rödenbeck: Tagebuch oder Geschichtskalender aus Friedrich's des Großen Regentenleben (1740-1786), 3. Bde., Berlin 1840-1842, Bd. 2, 329.

2 Dieses und die folgenden Zitate bei Rödenbeck: Tagebuch (wie Anm. 1), Bd. 2, 286-288. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit fügte Friedrich dem Kanon der "Schönen Wissenschaften" neu hinzu, der in der Zeit um 1750 in "Deutschland" in der Regel offenbar die "Schönen Künste", die Dichtkunst und die Musik umfasste, s. Gottlob Samuel Nicolai: Briefe über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland, Berlin 1755, 8-103. Siehe außerdem [Anonym]: Kern-Historie aller Freyer Künste und Schönen Wissenschaften, vom Anfang der Welt bis auf unsere Zeit, Leipzig 1748, wo der unbekannte Autor in seiner "Vorrede an den geneigten Leser" (ohne Seitenzählung) aber keine klare Ein- und Abgrenzung vornimmt. Sie grundlegend zu dem Begriff und seinem Verständnis Werner Strube: Die Geschichte des Begriffs "Schöne Wissenschaften", in: Archiv für Begriffsgeschichte 33 (1990), 136-216: "Historiker und Philosophie des 18. Jahrhunderts haben den Begriff 'Schöne Wissenschaften' zwar häufig erwähnt; sie haben ihn aber nie zum Gegenstand begriffsgeschichtlicher Untersuchungen gemacht." (136). Friedrich kommt bei Strube allerdings nicht vor. Des Königs Überlegungen beruhen auf der französischen Literatur und Diskussion.

3 Die vorstehenden Zitate: Friedrich an d'Alembert, 5. Mai 1767, Rödenbeck: Tagebuch (wie Anm. 1), Bd. 2, 287.

4 Die vorstehenden Zitate: Friedrich an d'Alembert, 5. Mai 1767, Rödenbeck: Tagebuch (wie Anm. 1), Bd. 2, 287.

5 Friedrich an Voltaire, 6. Juli 1737, in: Friedrich der Große als Kronprinz im Briefwechsel mit Voltaire. Deutsche Bearbeitung mit Vorwort, Erläuterungen und Inhaltsübersicht von Heinrich Hersch, Halle a. d. S. 1902, 79-86, 81f. Daraus auch die vorstehenden Zitate. Siehe auch Rödenbeck: Tagebuch (wie Anm. 1), Bd. 1, 37.

6 Friedrich an Voltaire, 6. Juli 1737, in: Hersch: Friedrich der Große als Kronprinz (wie Anm. 5), 85.

7 Friedrich an Voltaire, 6. Juli 1737, in: Hersch: Friedrich der Große als Kronprinz (wie Anm. 5), 83

8 Briefwechsel der Kurfürstin Sophie von Hannover mit dem Preußischen Königshause, hg. v. Georg Schnath, Berlin, Leipzig 1927, passim.

9 Friedrich an Voltaire, 6. Juli 1737, in: Hersch: Friedrich der Große als Kronprinz (wie Anm. 5), 84.

10 Dazu Adolf Harnack: Die Geschichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Bd. 1: Von der Gründung bis zum Tode Friedrich's des Großen, Berlin 1900, 27-104.

11 Friedrich an Voltaire, 6. Juli 1737, in: Hersch: Friedrich der Große als Kronprinz (wie Anm. 5), 85.

12 Friedrich an Voltaire, 6. Juli 1737, in: Hersch: Friedrich der Große als Kronprinz (wie Anm. 5), 85.

13 Friedrich an d'Alembert, 25. Januar 1773, in: Rödenbeck: Tagebuch (wie Anm. 1), Bd. 3, 73. Volz datiert den Brief in Die Werke Friedrichs des Großen, hg. v. Gustav Berthold Volz, Deutsch v. Friedrich von Oppeln-Bronikowski, 10 Bde., Berlin 1912-1814, Bd. 8, 307, auf den 28. Januar 1773.

14 Friedrich an Voltaire, 24. Juli 1775, in: Rödenbeck: Tagebuch (wie Anm. 1), Bd. 3, 121-123.

15 Friedrich an Voltaire, 24. Juli 1775, in: Rödenbeck: Tagebuch (wie Anm. 1), Bd. 3, 121-123.

16 Friedrich an Voltaire, 6. Juli 1737, in: Hersch: Friedrich der Große als Kronprinz (wie Anm. 5), 85f.

17 Briefwechsel Friedrichs des Grossen mit Voltaire, hg. v. Reinhold Koser und Hans Droysen, 3. Tl.: Briefwechsel König Friedrichs 1753-1778, Leipzig 1911, 348; siehe auch Werke Friedrichs des Großen (wie Anm 13), Bd. 8, 309. Zur von Friedrich konstatierten Rückständigkeit s. Karl Biedermann: Friedrich der Große und sein Verhältniß zur Entwicklung des deutschen Geisteslebens, in: Westermann's Jahrbuch der Illustrierten Deutschen Monatshefte 6 (1859), 478-488, 484.

18 Friedrich an Voltaire, 6. Juli 1737, in: Hersch: Friedrich der Große als Kronprinz (wie Anm. 5), 84.

19 Friedrich an Voltaire, 6. Juli 1737, in: Hersch: Friedrich der Große als Kronprinz (wie Anm. 5), 84.

20 Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 13), Bd. 8, 310.

21 Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 13), Bd. 8, 251-256, 252.

22 Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 13), Bd. 8, 252.

23 Martin Fontius: Der Ort des "Roi philosophe" in der Aufklärung, in: Friedrich II. und die europäische Aufklärung, hg. v. Martin Fontius, Berlin 1999, 9-27, 13.

24 Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 13), Bd. 8, 310.

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Jürgen Luh
Französisch oder deutsch?
Die "Schönen Wissenschaften" und Friedrich der Große
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J. Luh: Französisch oder deutsch?
In: Krisen- und Blütezeiten: Die Entwicklung der Königlich Preußischen Hofkapelle von 1713 bis 1806 (KultGeP - Colloquien, 6)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/kultgep-colloquien/6/luh_wissenschaften
Veröffentlicht am: 18.07.2018 10:44
Zugriff vom: 18.02.2020 23:50
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