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    C. Dilba: Die lebensgroßen Wachsfiguren der Kinder Sophie Dorotheas und Friedrich Wilhelms I. in Preußen

    KultGeP - Vorträge und Forschungen 1 (2015)

    Carsten Dilba

    Die lebensgroßen Wachsfiguren der Kinder Sophie Dorotheas und Friedrich Wilhelms I. in Preußen

    Abstract

    Im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts wurden von den vier jung verstorbenen Kindern Sophie Dorotheas und Friedrich Wilhelms I. in Preußen lebensgroße Wachsfiguren gefertigt. Sie zeigten die Verstorbenen äußerst lebensnah, zum Teil in die von ihnen getragene Kinderkleidung gewandet. Die Präsentation in Prunkvitrinen und die Zurschaustellung ihrer Insignien und Würdezeichen wies auf die ihnen zukommende – und nicht eingelöste – Rolle als Thronfolger bzw. ihren Stand als Kinder des preußischen Kronprinzenpaares hin. Sie sind nicht allein 'Memorialbilder' oder Ausdruck individueller Trauer, vielmehr entstanden die Figuren in einer Zeit großer Sorge um den Fortbestand der Dynastie. Die von Sophie Dorothea in Auftrag gegebenen Bildnisse waren beweiskräftiges Zeugnis ihrer Gebärfähigkeit und sollten Zweifel am Fortbestehen der direkten Linie des preußischen Königshauses entkräften. Sie sind nicht ohne Präzedenzfall: Schon Ende des 17. Jahrhunderts hatte es vergleichbare Figuren in Brandenburg-Preußen gegeben.

    Einleitung

    <1>

    Zu den bemerkenswertesten Kunstzeugnissen des preußischen Hofes aus dem frühen 18. Jahrhundert gehören die lebensgroßen Wachsfiguren der vier verstorbenen Kinder Sophie Dorotheas (1687-1757) und Friedrich Wilhelms (I.) (1688-1740): die Bildnisse des ältesten Sohnes Friedrich Ludwig (1707-1708), ihres zweitältesten Sohnes Friedrich Wilhelm (1710-1711), ihrer zweiten Tochter Charlotte Albertine (1713-1714) und des achten Kindes namens Ludwig Karl Wilhelm (1717-1719). Sie sind bis auf Fragmente und Teile ihrer Bekleidung verloren gegangen.1

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    Im Folgenden soll versucht werden, den Kontext ihrer Entstehung genauer zu fassen und ihre Funktion eingehender zu beleuchten. Die Kinderbildnisse sind durch die überblicksartigen, zwischen 1878 und 1930 erschienenen Führer des Hohenzollern-Museums bekannt und wurden in Publikationen mit breiter angelegtem Fokus, unter anderem zur Wachsbildnerei in Preußen, berücksichtigt; eingehendere Untersuchungen fehlen jedoch.2 Einzige Ausnahme bildet der 1911 im Hohenzollern-Jahrbuch erschienene Aufsatz Paul Seidels zu den Kinderbildnissen Friedrichs des Großen und seiner Brüder, der jedoch primär auf Werke der Tafelmalerei fokussiert und die Wachsfiguren nur en passant erwähnt.3 Gleichwohl wurde die Wahrnehmung der Kinderbildnisse aus Wachs bis in jüngste Zeit primär durch Seidels Aufsatz geprägt, bildete er doch vier Figuren der verstorbenen Kinder in einer Zusammenschau ab und autorisierte die auf Friedrich Nicolai (1733-1811) zurückgehende, aber kaum haltbare Zuschreibungen der Werke an den Wachsbossierer Wilhelm Kolm.

    Frühe Beschreibungen der Kinderfiguren

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    Friedrich Nicolai erwähnt die Figuren der vier Kinder in der ersten, 1769 erschienenen Auflage seiner "Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam" unter den Sehenswürdigkeiten der Kunstkammer des Berliner Schlosses, die nach Anmeldung besichtigt werden konnte.4

    <4>

    Ausführlicher wird die Beschreibung bei Leopold von Ledebur, dem letzten Vorsteher der Kunstkammer, aus dem Jahre 1833: "Von ältern Geschwistern Friedrichs des Großen sind einige liebliche Wachsbilder hier. Erstens von dem Prinzen Friedrich Ludwig v. Oranien […] eine Figur in Lebensgröße, die bald nach dem Tode des Prinzen auf die Kunstkammer gegeben wurde. Nackend sitzt das Kind auf einem rothen Sammetkissen, hält in der rechten Hand eine Königskrone und das Köpfchen mit einem Lorbeerkranze geschmückt. Es befindet sich in einem architektonisch reich verzierten und vergoldeten Glasschranke, über welchem das Oranische Wappen zu sehen ist. Eine andere Darstellung des Prinzen ward von der damals noch lebenden Mutter, der verwitweten Königin Sophie Dorothea, am 22. April 1743 hierher gegeben. Auf einem mit goldenen Borten und Quasten gezierten Sammetkissen sitzt das liebliche Kind; den nackten Leib umhüllt ein rother Sammet-Mantel, worauf der Stern des schwarzen Adler-Ordens zu sehen ist. Ein schwarzes Barret mit weißen Straußenfedern ziert das Köpfchen."5 (Abb. 1)


    Abb. 1: Wachsfigur des Prinzen Friedrich Ludwig in Preußen (1707-1708). Foto: Hohenzollern-Jahrbuch 15 (1911)

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    Ein diesem sehr ähnliches "bereits zur Zeit König Friedrichs I. auf die Kunstkammer gekommenes Wachsbild zeigt uns den zweiten Prinzen Friedrich Wilhelm […], so wie ein am 22. April 1743 abgeliefertes, welches den Prinzen stehend, in einem mit silbernen Schleifen besetzten und mit dem Sterne des schwarzen Adler-Ordens geschmückten Carmoisin-Damas-Kleide darstellt."6 (Abb. 2) "Gleichzeitig mit diesem letztern sandte die verwittwete Königinn Mutter am 22. April 1743 auch das lebensgroße Wachsbild der früh verstorbenen Prinzessinn Sophia Charlotte Albertine […] ein. Sitzend auf einem rothen Kissen, mit leichtem Gewande bekleidet, hält das liebliche Bild einen Papagai in der Hand."7 (Abb. 3)


    Abb. 2: Wachsfigur des Prinzen Friedrich Wilhelm in Preußen (1710-1711). Foto: Hohenzollern-Jahrbuch 15 (1911)


    Abb. 3: Wachsfigur der Prinzessin Charlotte Albertine in Preußen (1713-1714). Foto: Hohenzollern-Jahrbuch 15 (1911)

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    Ledebur zufolge gab es von den beiden Söhnen also jeweils zwei Bildnisse, die sich in ihrer Gestaltung deutlich unterschieden. Jeweils eines hatte man noch zu Lebzeiten des 1713 verstorbenen Großvaters Friedrich III./I., das heißt kurz nach dem Tod der beiden Prinzen, in der Kunstkammer aufgestellt. Erst 1743, also 30 Jahre nach dem Tod der Kinder, kamen auch die bei der Mutter aufbewahrten Bildnisse in die Kunstkammer, gemeinsam mit einer Figur der Tochter Charlotte Albertine, die dort offenbar noch nicht vertreten gewesen war.

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    Und schließlich existierte noch eine Figur des jüngstverstorbenen Sohnes Ludwig Karl Wilhelm, die 1769 bei Nicolai, nicht aber bei Ledebur erwähnt wird (Abb. 4). Es ist nicht bekannt, ob sich dieses Bildnis bereits von Beginn an in der Kunstkammer oder doch zuerst bei der Mutter befand. Es handelte sich, folgt man dem Inventar des Hohenzollern-Museums, um eine: "Wachsfigur […] in natürlicher Größe, stehend auf rundem, vergoldetem Holzsockel." Sie trug ein heute noch erhaltenes "rotseidenes, silberbesetztes Kleid mit dem Stern zum Schwarzen Adlerorden, Unterkleider und gelbe Schuhe."8 (Abb. 5) In ebendieser Kleidung erscheint der junge Prinz in einem Gemälde von Friedrich Wilhelm Weidemann (Abb. 6).9 Erhalten blieben zudem Strümpfe aus dunkelgrüner Seide, ein Unterhemd, zwei Halbunterröcke und die zur Befestigung an der Figurine an den Fersen ausgeschnittenen Schuhe aus weißem Oberleder und reichem Besatz mit roten Seidenbändchen, die auf dem Porträt des Prinzen dargestellt sind.10 Anscheinend wurden die Wachsfiguren in Kleidungsstücke gewandet, die die Kinder zu Lebzeiten getragen hatten.