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    M. Völkel: "Ihr gehört das Gut: Wie darf ich mich drum kümmern, was sie mit ihm thut?"

    KultGeP - Vorträge und Forschungen 2 (2015)

    Michaela Völkel

    "Ihr gehört das Gut: Wie darf ich mich drum kümmern, was sie mit ihm thut?"

    Zur materiellen Kultur hochadeliger Frauen in Brandenburg-Preußen

    Abstract:

    Die gegenständliche Welt hochadeliger Frauen setzte sich aus ihr zu Repräsentationszwecken auf Zeit überlassenen Objekten und aus persönlichem Eigentum zusammen, das verschenkt, verkauft, gegebenenfalls auf den Witwensitz überführt und schließlich vererbt werden konnte. Die folgende Studie geht Mitgift und Leibgeding, Morgengabe und Geschenken als Grundlage weiblichen Eigentums nach. Sie untersucht zudem die Semantik des von Frauen zur Schau gestellten Besitzes und dessen repräsentativer Funktion für die Frauen selbst, aber auch für deren alte und neue Familie, ja sogar für das heimische Gewerbe.

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    Nun mögt ihr von dem Horte Wunder hören sagen:
    Zwölf Leiterwagen konnten ihn kaum von dannen tragen.
    Vom Nibelungenlande … bracht [man] ihn an den Rhein:
    Kriemhilds Morgengabe war es und musst ihr billig eigen sein.
    […]
    Den Armen und den Reichen zu geben sie begann.
    Hagen sprach zum König: "Lässt man sie so fortan
    Noch eine Weile schalten, so wird sie in ihr Lehn
    So manchen Degen bringen, dass es uns übel muss ergehn"
    […]
    Da sprach König Gunther: "Ihr gehört das Gut:
    Wie darf ich mich drum kümmern, was sie mit ihm thut? "
    […]
    Hagen sprach zum König: "Es vertraut ein kluger Mann
    Doch solche Schätze billig keiner Frauen an …"

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    Als Morgengabe ein Vermögen, Geschenke als Möglichkeit politischer Einflussnahme und die heikle Frage der Verfügungsgewalt – die 19. âventiure des Nibelungenlieds beschreibt kein fiktives Szenario, sondern das reale Macht- und Konfliktpotential weiblichen Besitzes an den Höfen des Mittelalters und der Neuzeit. Erst die eigenen finanziellen Mittel machten eine Fürstin zur Auftraggeberin, Konsumentin, Stifterin, Schenkenden und damit zur sozial wie künstlerisch einflussreichen Akteurin.

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    In der Regel verfügte eine Frau in Folge ihrer Heirat über Geld, Wertgegenstände und Immobilien. Durch Erbschaften, Erträge eigener Güter, Geschenke, Geldanlegen und -verleihen, ja sogar am Spieltisch ließ sich dieser finanzielle Rahmen zum Teil erheblich erweitern. Neben dem Eigentum, das nach Belieben verkauft, verpfändet, verschenkt und vererbt werden konnte, bestand die materielle Welt hochadeliger Frauen aus einer Fülle an Gegenständen, die ihnen zu Zwecken eines standesgemäßen Auftretens für die Dauer ihrer Ehe oder ihres Witwenstandes zugewiesen wurden, etwa Möbel, Silber, Schmuck und Immobilien. Die Appartements, in denen eine Frau Gäste empfing, der Körper, an dem sie Juwelen zur Schau trug, und die Feste, die ihr zu Ehren veranstaltet wurden, wurden von der Herkunfts- wie der Familie, in die eine Prinzessin einheiratete, bewusst als Bühne für die eigene Selbstdarstellung genutzt.

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    Die folgende Studie versucht, sowohl die komplexe Struktur wie auch die Semantik weiblicher materieller Kultur am Beispiel Brandenburg-Preußens besser zu verstehen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, woraus sich weiblicher Besitz zusammensetzte. Zudem sollen die Objekte, die eine Prinzessin, Regentin und Witwe umgaben, auf ihre identitäts- beziehungsweise Identitäten stiftenden Qualitäten hin befragt werden, waren sie es doch, die die Rolle einer Frau als Mitglied eines Familienverbandes, als Bezugspunkt eines Netzwerkes oder als Fürstin sichtbar machten und auf diese Weise auch konstruierten.

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    Der Eintritt in die Welt der materiellen Identität erfolgte bei den meisten jungen Frauen mit dem Zusammenstellen der Objekte, die den gegenständlichen Teil der Mitgift ausmachen sollten. In der Regel waren es die Mütter der zukünftigen Bräute, die passende Objekte wählten und nicht selten eigene Mittel zum Erwerb beisteuerten.1 Da es vor allem für protestantische Prinzessinnen kaum eine Alternative zur Verehelichung gab, begannen Mütter wie die mit fünf Töchtern gesegnete Marie Eleonore von Jülich-Kleve-Berg, Herzogin von Preußen (1550-1608) vorausschauend schon früh mit dem Bestellen und Beiseitelegen von Silber, Textilien und Schmuck, die dem weiblichen Nachwuchs dereinst als Brautschatz mitgegeben werden sollten. Dabei spielten auch ökonomische Überlegungen eine Rolle, konnte man beim sukzessiven Erwerb einer Ausstattung im Gegensatz zum hastigen Ankauf in der kurzen Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit doch verhandeln und auf günstige Angebote reagieren.2 Um Kosten zu sparen, griff man in manchen Familien darüber hinaus auch auf weit ältere Vorräte zurück. Im Mitgiftinventar Luise Henriettes von Oranien-Nassau (1627-1667) findet sich unter anderem "Linnen, das … nicht mehr neu ist", also offenbar noch aus der Aussteuer der Mutter stammte.3 Selbst die höfischen Schatz- und Silberkammern wurden als Reservoire betrachtet, aus dem man sich beim Zusammenstellen des Brautschatzes bediente.4

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    Zusammen mit dem Ehegeld und den Paraphernalien (in die Ehe eingebrachtes, im Eigentum der Frau verbleibendes Vermögen) bildete dieser gegenständliche Brautschatz die Mitgift, die auch als Mitgabe, Aussteuer, Heiratsgut, Dota oder Einbringung bezeichnet wurde. Die Mitgift war den Töchtern als Entschädigung dafür zugedacht, dass ihnen ihr Teil am Familienbesitz nach dem Tod des Vaters vorenthalten werden würde, um eben diesen Besitz ungeschmälert zu erhalten.5 Der Erbverzicht, der der zukünftigen Braut abverlangt wurde, stellte eine endgültige Trennung vom Familienvermögen und damit einen rite de passage dar, der formell begangen wurde. Allerdings ging die Mitgift nicht in das Eigentum der jungen Ehefrau, sondern, "zur Erleichterung des mit der ehelichen Gesellschaft verbundenen Aufwandes"6, in das ihres Mannes über. Im Gegenzug erhielt die Frau von ihrem Mann ein sogenanntes Leibgeding, das auch als Widerlage oder Widerlegung bezeichnet wurde und dessen Höhe dem eingebrachten Ehegeld entsprach. Bei Doppelhochzeiten konnten die Ehegelder der ausheiratenden mit derjenigen der einheiratenden Prinzessin verrechnet werden.7 Leibgeding und Heiratsgut wurden vom Ehemann verwaltet, durften aber nicht ausgegeben werden. Sie wurden verzinslich angelegt, die Erträge bildeten gegebenenfalls den Grundstock der späteren Witwenrente, die sich durch die Einnahmen aus Strafgeldern, Frondiensten, Jagd- und Fischereirechten aus dem Wittum erhöhen ließ, falls diese Privilegien im Ehevertrag zugebilligt worden waren. Als Pfand für Ehegeld und Widerlage wurde der Frau ein Schloss samt Amt und Besitzungen verschrieben, das später als Witwensitz dienen sollte.8

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    Bei den Hohenzollern wurde die Höhe des Heiratsgutes seit dem 15. Jahrhundert durch einen Hausvertrag geregelt.9 De facto betrug es bis zum 19. Jahrhundert in der Regel zwischen 20.000 und 30.000 Reichstaler, die zusammen mit einer Widerlage in gleicher Höhe, zu den üblichen 10 Prozent verzinst, im Fall der Witwenschaft zu einer jährlichen Grundrente zwischen 4.000 und 6.000 Reichstalern verhalfen. Wilhelmine (1709-1758) und Luise Ulrike (1720-1782) von Preußen durften sich dank der großzügigen Mitgift von je 40.000 Reichstalern, mit denen sie von Friedrich Wilhelm I. beziehungsweise Friedrich II. ausgestattet wurden, auf eine entsprechend höhere Rente freuen. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellten die stattlichen Heiratsgüter Magdalena Sibyllas (1586-1659) und Luise Henriettes von Oranien dar, die den Frauen eine Witwenrente von 23.500 Gulden (15.670 Taler) beziehungsweise 24.000 Talern sicherten und erst im 19. Jahrhundert, etwa von den je 40.000 Pfund Sterling (rund 180.000 Reichstaler) Mitgift und Widerlage für Victoria von Großbritannien und Irland (1840-1901) übertroffen werden sollten.10

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    Am anderen Ende der Skala stehen die bescheidenen 2.400 Taler an Rentenansprüchen, die Dorothea Sophie von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg (1636-1689) aufgrund geringerer Einlagen und einer niedrigeren Verzinsung als Grundrente zu erwarten hatte.11 Verschrieb ein Ehemann seiner Frau ein oder mehrere besonders einträgliche Güter, erhöhte sich der finanzielle Spielraum der Witwe jedoch ebenso, wie durch individuelle Zulagen, etwa die jährlichen 9.000 Taler, um die Friedrich Wilhelm I. die Witwenrente seiner Schwiegertochter Elisabeth Christines erhöhen ließ. Hätte die Ehefrau des späteren Friedrich II. einen Erben zur Welt gebracht, hätten ihr nach dem Willen ihres Schwiegervaters im Witwenstand sogar 20.000 Taler jährlich zugestanden.12

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    Die Aussteuer ihrer Töchter finanzierten die regierenden Fürsten Europas zumindest zum Teil durch eine als Prinzessinnen- oder Fräuleinsteuer bezeichnete Sondersteuer.13 Diese entwickelte sich zu einer erheblichen Belastung, wenn in kurzer Zeit mehrere Prinzessinnen ausgestattet werden mussten. Dass Friedrich Wilhelm I., der zwischen 1729 und 1734 vier seiner Töchter verheiratete, daher "dem Lande und der Ritterschaft, die im Römische Reich übliche so genannte Heyraths=Steuer allergnädigst schenckten. Weil nun solche Beylager kurz nach einander fünffmahl vorgefallen"14, darf dennoch als Ausnahme gelten. Erst Friedrich Wilhelm III. sollte für seine beiden ältesten Töchter auf die Erhebung einer Prinzessinnensteuer verzichten und damit ein Gewohnheitsrecht etablieren, dass deren Abschaffung in Preußen gleichkam15, während in Mecklenburg für die Mitgift der nach Berlin einheiratenden Cecilie zu Mecklenburg (1886-1954) noch 1905 eine Steuer erhoben wurde.16

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    Prinzipiell wurde die Mitgift einer Prinzessin bei der Hochzeit Eigentum ihres Mannes. Ausgenommen waren lediglich Gegenstände einer gewissen Kategorie, die im sächsischen Recht, das in Preußen bis 1794 gültig war, als Gerade bezeichnet wurden: "Gerade heisset / oder […] sein proprie Gaben / die den Weibern uber ihre Mitgifft gegeben werden / zu ihrem schmuck und gezierde dienstlich / zugehörig und gebreuchlich."17 Als einziger Teil der Mitgift waren diese Geradestücke Privateigentum der Frau. "Das vornehmste, und gleichsam wesentliche Haupt=Stücke der Natur, und Eigenschafft der Gerade, bestehet vornehmlich darinne, daß es solche Sachen seyn müssen, so zum Putz, Zierde und weiblichen Gebrauch gehören."18 Zu Gerade gerechnet wurden daher Kleidung, alle zu Schmuck gefassten und auf Kleider aufgenähte Perlen und Juwelen inklusive "Portraits, Contrefait-Büchsen, […] Uhren, Balsam=Büchsen, welche also angerichtet, und zubereitet seynd, daß sie von Frauenzimmern vorgestecket, oder in andre Wege zur Zierde getragen werden können"19 sowie Betten, Bettzeug und Bücher.


    Abb. 1: Hans Krell (?): Porträt Hedwigs von Polen, Kurfürstin von Brandenburg, wohl 1537, SPSG, GK I 2152, Haus Hohenzollern, ehemals Hohenzollern-Museum