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I. Kąkolewski: Einführung zur Diskussion

Lelewel-Gespräche 1/2010

Igor Kąkolewski

Einführung zur Diskussion

"Die Intelligenz als soziale Gruppe. Eine Besonderheit peripherer Länder oder ein gesamteuropäisches Phänomen?"


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Die Trilogie "Dzieje inteligencji polskiej do roku 1918" ["Geschichte der polnischen Intelligenz bis zum Jahre 1918"] 1 verfasst von Maciej Janowski, Jerzy Jedlicki und Magdalena Micińska hat die Anregung geliefert, im Rahmen der vom Deutschen Historischen Institut Warschau veranstalteten Reihe der Lelewel-Gespräche eine Podiumsdiskussion unter dem Titel: "Die Intelligenz als soziale Gruppe: Eine Besonderheit peripherer Länder oder ein gesamteuropäisches Phänomen?" zu veranstalten. Die Veröffentlichung dieses Werkes, das sich zum Bestseller auf dem polnischen Markt der wissenschaftlichen Publikationen entwickelte, hat in den letzten Monaten ein breites Echo im Land gefunden. Die größte polnische meinungsbildende Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" druckte Interviews mit den Autoren der drei Bände ab und die katholische Wochenzeitung "Tygodnik Powszechny" widmete der oben erwähnten Trilogie eine Spezialausgabe. Darüber hinaus wurde das Werk mehrmals in Fachzeitschriften rezensiert und die Redaktion der Zeitschrift "Przegląd Polityczny" organisierte gemeinsam mit dem Institut für Polnische Kultur der Universität Warschau eine großangelegte Diskussion über den Inhalt der "Geschichte der polnischen Intelligenz bis zum Jahre 1918", die sehr kontrovers geführt wurde. Last but not least inspirierte diese Trilogie auch die Redaktion der wissenschaftlichen Zeitschrift "Acta Poloniae Historica", die in ihrer letzten Ausgabe einen Überblick über den neuesten Stand der Forschung zum Thema brachte. Dies bietet wiederum die Chance, neueste Forschungsergebnisse von polnischen Historikerinnen und Historikern aus diesem Bereich der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft zu präsentieren.

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Um diese Debatte sowohl für die polnische als auch für die ausländische Seite noch attraktiver zu gestalten, hat sich das DHIW entschlossen, eine Podiumsdiskussion zum Thema Geschichte der Intelligenz als sozialer Gruppe in vergleichender Perspektive zu veranstalten und die Frage zu stellen: War (und ist noch immer) die polnische sowie die mittel- und osteuropäische Intelligenz als soziale Gruppe eine nur für die Länder dieser Region typische Besonderheit? Diese Problematik wurde in "Dzieje inteligencji" nur am Rande berührt, jedoch kam sie während der Diskussion über dieses Buch auf und wurde in einem Essay von Jerzy Jedlicki "Kłopoty z inteligencją" ["Probleme mit der Intelligenz"] 2 vertieft.

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Den Ausgangspunkt dieser Diskussion sollte die Definition der Intelligenz als sozialer Schicht bilden. Dabei ist anzumerken, dass die von Professor Jedlicki vorgeschlagene und von den übrigen Autoren der Trilogie angenommene Definition der Intelligenz mit Absicht so knapp wie irgend möglich gefasst ist (kurz zur Erinnerung: Es ist ein Wort lateinischer Herkunft, das jedoch unter sozialen Gesichtspunkten aus der deutschen posthegelianischen Philosophie ins Polnische des 19. Jahrhunderts übernommen wurde und dann auch im Russischen Aufnahme fand). Erstens gehören zur Intelligenz "Menschen, die eine Ausbildung erhalten haben, welche sie auf Arbeiten vorbereitet, die in einer gegebenen Epoche für geistig gehalten werden". 3 Nehmen wir diesen Satz jedoch als Ausgangspunkt, finden wir Gruppen solcher "Intellektueller" nicht nur in den meisten europäischen und nicht-europäischen Ländern, sondern auch in verschiedenen Epochen – zum Beispiel im Mittelalter oder der Frühen Neuzeit. 4 Was das Phänomen der Intelligenz zu einem für das "lange 19. Jahrhundert" und die Gegenwart charakteristischen macht, ist das einzigartige "Ethos", also ein Missionsgefühl dieser sozialen Schicht, ein "Pflichtbewusstsein gegenüber einer sehr viel breiteren, vorgestellten nationalen Gemeinschaft". 5 Dabei konnte diese Mission auf verschiedene Weise zum Vorschein treten: sowohl als "führende Rolle" auf dem Wege zur Wiedergeburt oder zur eigenen Nationalstaatlichkeit wie auch als Verkündung der Notwendigkeit einer unterschiedlich verstandenen "Modernisierung" der eigenen Gesellschaft oder der Nation.

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Aus Sicht dieser Definition neigt Jerzy Jedlicki zur Bejahung der Frage, ob die Intelligenz des 19. Jahrhunderts vor allem ein Phänomen peripherer Länder ist, und dabei unterstreicht er die typische und hervorstechende Position dieser Gruppe insbesondere im Falle Ost- und Südeuropas. 6 Eine Schlüssel- und gar historische Rolle soll die Intelligenz insbesondere im Falle von Völkern gespielt haben, die zeitweilig über keinen eigenen Staat und keine eigenen Institutionen verfügten (Polen) und/oder deren wirtschaftliches Potenzial und soziale Strukturen vergleichsweise rückständig waren (Russland).

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Eine andere Antwort auf die Leitfrage unseres Lelewel-Gesprächs scheint der zweite der zum Podiumsgespräch eingeladenen Teilnehmer, der russische Historiker Denis Sdvižkov, Autor des Buches "Das Zeitalter der Intelligenz: Zur vergleichenden Geschichte der Gebildeten in Europa bis zum Ersten Weltkrieg", 7 zu geben. In dieser Arbeit beschreibt er die ähnlichen Geschicke und das Ethos (das heißt das breit verstandene Gefühl einer zivilisatorischen "Mission" und das Bedürfnis nach Modernisierung) von sozialen Gruppen, die man in Frankreich, Deutschland, in polnischsprachigen Gebieten und in Russland als Intelligenz bezeichnen kann. Entgegen dem Titel seiner Arbeit begrenzt sich Sdvižkov bei der Vorstellung dieser Problematik nicht nur auf das "lange 19. Jahrhundert", sondern skizziert die Wege der Entwicklung der Intelligenz auch für das 20. Jahrhundert. Er vertritt die Meinung, dass die Intelligenz den Höhepunkt ihrer Bedeutung und ihres Einflusses in jedem der genannten Länder zu einem anderen Zeitpunkt erreicht habe. Sdvižkov sieht die polnische Intelligenz aus gesamteuropäischer Perspektive als typisches Beispiel dieser sozialen Schicht, im 19. Jahrhundert durchaus vergleichbar ihren Pendants in den westlichen und mitteleuropäischen Ländern. Dabei betont er die Verwandtschaft vor allem ihres romantischen Ethos' mit gewissen Inhalten der deutschen Philosophie von Hegel und Fichte, obwohl er auch die polnische Anomalie anmerkt: das Fehlen eines stark entwickelten, dominierenden Bürgertums in der Sozialstruktur.

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Fügen wir hinzu, dass auch Maciej Janowski, der Autor des ersten Bandes der Trilogie "Die Geschichte der Intelligenz", folgende These aufstellt: Die Intelligenz zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Herzogtum Warschau und in Kongresspolen gleiche der deutschen Schicht des Bildungsbürgertums, obwohl diese beiden Gruppen spätestens nach dem Scheitern des polnischen Novemberaufstands im Jahre 1831 verschiedene Wege gegangen seien. Seit diesem Zeitpunkt soll die polnische Intelligenz, ihrer eigenen staatlichen Strukturen und Institutionen beraubt, sich eher nach dem für periphere Länder charakteristischen Modell entwickelt haben, 8 so wie es auch Jerzy Jedlicki sieht. An dieser Stelle sollte daran erinnert werden (worauf mich Prof. Janowski aufmerksam gemacht hat), dass auch die Deutschen sich selbst im Zuge der Diskussion über ihren "Sonderweg" und die gesellschaftliche Entwicklung während der Modernisierung in einem gewissen Sinne für peripher hielten.

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Einige Ähnlichkeiten (wiewohl zeitlich begrenzt) in der Entwicklung der polnischen Intelligenz des 19. Jahrhunderts und der gebildeten Schicht des deutschen Bürgertums haben uns dazu bewegt, Jürgen Kocka, anerkannter Fachmann für die deutsche Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, zu bitten, in folgender Frage Stellung zu nehmen: Ist die Intelligenz als soziale Schicht ein gesamteuropäisches Phänomen oder eher eines, das für "periphere" Staaten charakteristisch ist? Kocka ist nicht nur Autor und Herausgeber vieler herausragender Arbeiten zu Themen wie der Geschichte des Bürgertums in Europa, sondern auch Mitbegründer der sogenannten "Bielefelder Schule". Diese Schule bedient sich zur Analyse historischer Erscheinungen unter anderem folgender innovativer Methoden: der Einführung der Begriffe der modernen, vor allem anglo-amerikanischen Soziologie, der Nutzung der Konzeptionen Max Webers sowie der Anwendung vergleichender Analysen. 9

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Ist also die Intelligenz als soziale Gruppe eine Besonderheit von peripheren Ländern oder ein gesamteuropäisches Phänomen? Welche Länder und Regionen, in denen sich der osteuropäischen Intelligenz vergleichbare Gruppen herausgebildet haben, müssten analysiert werden, damit die Frage nach dem peripheren oder nicht-peripheren Statuts dieser Intelligenz hinreichend beantwortet werden kann?

Autor:

Dr. hab. Igor Kąkolewski
DHI Warschau
kakolewski@dhi.waw.pl

1 Jerzy Jedlicki (Hg.): Dzieje inteligencji polskiej do roku 1918, Warschau 2008: Band 1: Maciej Janowski: Narodziny inteligencji (1750-1831); Band 2: Jerzy Jedlicki: Błędne koło; Band 3: Magdalena Micińska: Inteligencja na rozdrożach.

2 Jerzy Jedlicki: Kłopoty z inteligencją, in: "Niezbędnik inteligenta", Ausgabe 18, Beilage zur Wochenzeitschrift "Polityka", Nr. 28 vom 11. Juli 2009, 33-38. Hier habe ich die Onlineausgabe benutzt: http://archiwum.polityka.pl/art/klopoty-z-inteligencja,425315.html . <17.11.2009> Die Englische Fassung dieses Textes mit Ergänzungen bei Jerzy Jedlicki: Problems with inteligentsia, in: "Acta Poloniae Historica" 100 (2009), 15-30.

3 Jedlicki: Problems with inteligentsia (wie Anm. 2), 18.

4 Siehe u.a. Jacques Le Goff: Les intellectuels au Moyen Age , Paris 1985; Janusz Tazbir: The pre-history of the Polish Inteligentsia, in: "Acta Poloniae Historica" 100 (2009), 5-14.

5 Jerzy Jedlicki: Vorwort, in: Dzieje inteligencji (wie Anm. 1), I, 10.

6 Siehe u.a. Jerzy Jedlickis Stimme in: Dyskusja wokół "Dzieje inteligencji polskiej do roku 1918", in: "Przegląd Polityczny", 96 (2009), 1-24, hier: 23.

7 Denis Sdvižkov: Das Zeitalter der Intelligenz. Zur vergleichenden Geschichte der Gebildeten in Europa bis zum Ersten Weltkrieg, Göttingen 2006 (= Synthesen. Probleme europäischer Geschichte, 3).

8 Siehe auch: Maciej Janowski: Warsaw and its intelligentsia: Urban space and social change, 1750-1831, in: "Acta Poloniae Historica" 100 (2009), 57-76, hier: 73ff.

9 Siehe hier vor allem: Jürgen Kocka: Sozialgeschichte. Begriff – Entwicklung – Probleme, Göttingen 1986; ders. (Hg.): Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, 3 Bände, München 1988.

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PSJ Metadata
Igor Kąkolewski
Einführung zur Diskussion: "Die Intelligenz als soziale Gruppe. Eine Besonderheit peripherer Länder oder ein gesamteuropäisches Phänomen?"

Igor Kąkolewski – Wprowadzenie do dyskusji w Niemieckim Instytucie Historycznym w Warszawie: "Inteligencja jako grupa społeczna: specyfika krajów peryferyjnych czy zjawisko ogólnoeuropejskie?"

de
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Polen
Sozial- und Kulturgeschichte
Neuzeit bis 1900
4046496-9 4020517-4 4027249-7
Intelligenz Ostmitteleuropa Sozialgeschichte Nationalstaat Bürgertum
1750-1918
Polen (4046496-9), Geschichte (4020517-4), Intellektueller (4027249-7)
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I. Kąkolewski: Einführung zur Diskussion
In: Die Intelligenz als soziale Gruppe. Eine Besonderheit peripherer Länder oder ein gesamteuropäisches Phänomen? Hrsg. von Igor Kąkolewski (2. Joachim-Lelewel-Gespräch, 3. November 2009, DHI Warschau) / Debata Lelewelowska 1/2010 przedstawia głosy w dyskusji na temat: ”Inteligencja jako grupa społeczna. Specyfika krajów peryferyjnych czy zjawisko ogólnoeuropejskie?”, wyd. przez Igora Kąkolewskiego (2. Debata Lelewelowska, 3 listopada 2009, NIH w Warszawie).
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/lelewel-gespraeche/1-2010/kakolewski_einfuehrung
Veröffentlicht am: 16.02.2010 14:00
Zugriff vom: 20.01.2020 16:38
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