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R. Brier: Einleitung

Lelewel-Gespräche 3/2011

Robert Brier

Einleitung

Geheimdienstakten als Quelle zeithistorischer Forschung – Chancen, Herausforderungen und Probleme


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Mit der Öffnung der Archive kommunistischer Geheimdienste wurde der zeithistorischen Ostmittel- und Osteuropaforschung ein zentraler Quellenkorpus zugänglich gemacht. Als Institutionen, die ein zunehmend umfassenderes Überwachungsnetzwerk aufbauten, um so verlässliche Informationen über Einzelpersonen, politische Gruppierungen und Entscheidungsprozesse oder auch über ganze gesellschaftliche Schichten zu sammeln, hinterließen sie Dokumente, die Antworten auf eine Vielzahl zeithistorischer Fragen versprechen. Darüber hinaus stellt die Überlieferung dieser Geheimdienste auch eine unverzichtbare Grundlage für eine historische Analyse der Funktionsweisen dieser Dienste selbst und damit des Repressionsapparats kommunistischer Systeme dar. Gleichzeitig erfordern Geheimdienstakten jedoch auch eine spezifische Quellenkritik, deren Notwendigkeit sich aus der Art und Weise geheimdienstlicher Informationsbeschaffung ergibt sowie aus der Tatsache, dass die Mitarbeiter kommunistischer Geheimdienste oft ein geschlossenes politisches Weltbild besaßen oder unter klaren ideologischen Vorgaben arbeiteten.

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Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich in der polnischen Historiographie einige der zentralen zeithistorischen Kontroversen an der Auswertung der Akten des polnischen Sicherheitsdienstes (Służba Bezpieczeństwa, SB) entzündet haben. Ihrem spezifischen Zuschnitt folgend wurde dem Joachim-Lelewel-Gespräch des DHI daher das Ziel gesetzt, die dabei aufgeworfenen Probleme im Kontext ähnlicher Debatten in der deutschen sowie der internationalen Historiographie zu diskutieren. Den Ausgangspunkt dieses Vorhabens bildet die Beobachtung, dass sich strukturell ähnliche Fragen zum methodischen Umgang mit Geheimdienstquellen noch in zwei anderen Kontexten gestellt haben. Im Folgenden sollen diese Forschungszusammenhänge daher kurz skizziert werden.

Chancen und Probleme der Auswertung von Geheimdienstakten in der internationalen Zeitgeschichte

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Die Akten des SB sowie des Innenministeriums der Volksrepublik Polen, dem der SB zugeordnet war, stellen eine wertvolle und in der polnischen Zeitgeschichte weithin genutzte Quelle dar. Fast alle Arbeiten zur polnischen Nachkriegsgeschichte greifen auf diese Materialien zurück, die im Archiv des Instytut Pamięci Narodowej (IPN) sowie über eine mittlerweile beachtliche Zahl von Quelleneditionen zugänglich sind. 1

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Gleichwohl stand die Frage nach dem richtigen Umgang mit den SB-Akten im Zentrum kontroverser Debatten zur Geschichte von Dissens und Opposition in Polen. Diese Kontroversen ergaben sich dabei insbesondere aus der Frage nach der tatsächlichen oder eben nur vermeintlichen Kooperation führender Oppositioneller – insbesondere Lech Wałęsas – mit dem polnischen Sicherheitsdienst; bisweilen wurde im Zuge dessen sogar argumentiert, bei den Ereignissen von 1989 habe es sich um eine reglementierte, ja gesteuerte Revolution gehandelt. 2 Kritiker warfen den entsprechenden Publikationen einen problematischen Umgang mit den Sicherheitsdienstakten vor; aus ihnen gewonnene Informationen seien nicht hinterfragt oder mit anderen Quellen abgeglichen und die Besonderheiten geheimdienstlicher Informationsbeschaffung nicht ausreichend berücksichtigt worden. Andrzej Friszke beklagte gar eine Tendenz in der Forschung zur polnischen Opposition, sich fast ausschließlich auf die Einflussnahme des SB zu konzentrieren und dabei die Ideen und Ziele der Oppositionellen selbst kaum noch zu beachten. 3

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Mit der Diskussion des tatsächlichen Quellenwerts von Geheimdienstakten stehen polnische Historiker nicht alleine da. Ähnliche Fragen haben sich auch in zwei anderen Bereichen gestellt: Erstens haben wir es in der historischen DDR-Forschung mit dem strukturell ähnlich gelagerten Problem von Stasiakten als Quelle zur Geschichte von Oppositionsgruppen zu tun. 4 An dieser Stelle kommt noch ein deutsch-deutsches Problem hinzu: Immer wieder werden Stasiakten für den Versuch herangezogen, eine Beeinflussung westdeutscher Akteure wie der Studenten- oder Friedensbewegung durch die DDR zu belegen. 5 Im Zusammenhang mit der Friedensbewegung kritisierten jedoch zum Beispiel Holger Nehring und Benjamin Ziemann ähnlich wie Andrzej Friszke, dass sich die These einer ferngelenkten Friedensbewegung einer unkritischen Quellenanalyse verdanke, die vor allem die Selbstsicht osteuropäischer Machthaber reproduziere, anstatt die tatsächlichen Verhältnisse in der Friedensbewegung zu rekonstruieren. 6

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Zweitens sind die skizzierten Fragen auch in Studien zum kulturellen Kalten Krieg, das heißt zur westeuropäischen und amerikanischen "Heimatfront" des Ost-West-Konflikts aufgetreten: Am Beispiel der Finanzierung von westeuropäischen Parteien und Gewerkschaften sowie insbesondere des Kongresses für kulturelle Freiheit haben Historiker versucht nachzuweisen, dass der westliche Nachkriegskonsens über Antitotalitarismus und die Befürwortung des westlichen Gesellschaftsmodells auch auf das verdeckte Wirken amerikanischer Geheimdienste auf westliche Intellektuelle zurückzuführen ist. 7 Auch diesen Arbeiten wurde vorgeworfen, sie würden sich auf die Wiedergabe von internen CIA-Dokumenten beschränken und sich auf die Suche nach der "verdeckten Hand" konzentrieren, ohne dabei den Ideen und Publikationen der betreffenden Intellektuellen oder dem historischen Kontext, in dem sie agierten, ausreichend Beachtung zu schenken. 8

Methodische Probleme der Auswertung von Geheimdienstakten in international vergleichender Perspektive

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Mit der Oppositionsgeschichte Polens und der DDR sowie dem kulturellen Kalten Krieg sind drei Forschungsfelder benannt, die sich natürlich erheblich voneinander unterscheiden, insbesondere mit Blick auf die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, unter denen Geheimdienste arbeiten. Diese Unterschiede sollen hier nicht ignoriert, sondern für einen Vergleich fruchtbar gemacht werden. Denn trotz aller Unterschiede hat die obige Skizze doch gezeigt, dass wir es in diesen drei Kontexten mit methodisch ähnlichen Problemen zu tun haben: Allen drei Diskussionszusammenhängen ist die Kritik gemein, dass eine unkritische Lektüre von Geheimdienstakten dazu führt, überwiegend die Perspektive der Geheimdienste selbst zu reproduzieren und dabei die Ideen, Wertvorstellungen und Lebenswelten der vermeintlich oder tatsächlich manipulierten historischen Akteure zu ignorieren. Des Weiteren ist auch das Hervortreten deutlicher Unterschiede ein wichtiges Ergebnis eines Vergleichs, denn nur so wird deutlich, welche spezifischen Probleme es beim Umgang mit Geheimdienstakten aus verschiedenen Epochen oder politischen Systemen zu beachten gilt.

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Die nachstehenden Beiträge von Andrzej Friszke, Georg Eckert, Tim B. Müller und Paweł Machcewicz machen deutlich, dass ein solcher internationaler Vergleich durchaus sehr fruchtbar sein kann: Friszke und Eckert zeigen dabei, dass die Überlieferung von SB und Stasi sowohl für die Geschichte der Opposition in der DDR und der Volksrepublik Polen als auch des Repressionsapparats dieser Herrschaftssysteme von zentraler Bedeutung ist. Beide warnen jedoch vor einem unkritischen Umgang mit diesen Quellen und fordern eine spezifische Hermeneutik, die die ideologische Weltsicht der Mitarbeiter der entsprechenden Geheimdienste berücksichtigt und einen multiarchivarischen Zugriff wählt. Machcewicz fügt hinzu, dass eine ausschließliche Konzentration auf SB-Akten zu einer verzerrten Sicht der Wirklichkeit in kommunistischen Staaten führe, die erstens das Phänomen des politischen Widerstands gegenüber dem der Anpassung an das System überbetone und in der zweitens die Rolle der Partei als zentraler Herrschaftsinstitution aus den Augen gerate.

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Gegenüber diesen methodischen und quellenkritischen Beiträgen konzentriert sich Müller in seinem Beitrag auf die Arbeitsweise von Geheimdiensten. Auf der Grundlage seiner Arbeiten zur Verflechtung akademischer Milieus sowie geheimdienstlicher und politikberatender Institutionen plädiert er dafür, Geheimdienste nicht nur als Repressionsinstrumente, sondern auch als bürokratische Apparate der Wissensproduktion zu verstehen. Indem er ferner darlegt, dass amerikanische Geheimdienste unabhängiges Denken ihrer Mitarbeiter als Quelle von Innovation tolerierten und sogar förderten, zeigt er auf, wie wichtig die Beachtung ihres institutionellen und politisch-kulturellen Entstehungsrahmens für den korrekten Umgang mit Geheimdienstakten ist.

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Insgesamt zeigen die vier Diskussionsbeiträge also die Vorteile eines grenzübergreifenden Austauschs über methodische Fragen. Dabei treten viele Parallelen zwischen der Situation in Polen und der DDR hervor. Doch auch Tim Müllers Vorschlag, Geheimdienste als Apparate der Wissensproduktion zu verstehen, ließe sich sicher gewinnbringend auf die Geheimpolizei kommunistischer Staaten anwenden. Gleichwohl macht ein Vergleich der unterschiedlichen Überlieferungen deutlich, wie wichtig es ist, den spezifischen historisch-politischen Kontext und die den Geheimdiensten zugedachte Funktion bei der Einschätzung des Quellenwerts ihrer Überlieferung zu berücksichtigen.

Autor:

Dr. Robert Brier
DHI Warschau
brier@dhi.waw.pl

1 Zur Debatte um die Nutzung der Akten des SB siehe u.a. Andrzej Paczkowski: Archiwa aparatu bezpieczeństwa PRL jako źródło. Co już zrobiono, co można zbadać, in: Pamięć i Sprawiedliwość 2 (2003), 9-21; Roman Graczyk: Tropem SB. Jak czytać teczki, Kraków 2008; Filip Musiał (Hg.): Wokół teczek bezpieki: Zagadnienia metodologiczno-źródłoznawcze, Kraków 2006.

2 Zur Frage nach der Zusammenarbeit Wałęsas mit dem SB siehe die polemische Arbeit von Stanisław Cenckiewicz / Piotr Gontarczyk: SB a Lech Wałęsa. Przyczynek do biografii, Gdańsk 2008. Die These von 1989 als einer "reglementierten Revolution" wurde demgegenüber sehr viel sachlicher und differenzierter entwickelt in Antoni Dudek: Reglementowana rewolucja. Rozpad dyktatury komunistycznej w Polsce 1988-1990, Warszawa 2004.

3 Andrzej Friszke: Geneza i historia Komitetu Obywatelskiego, in: M. Strasz (Hg.): Komitet Obywatelski przy Przewodniczącym NSZZ 'Solidarność' Lechu Wałęsie. Stenogramy posiedzeń, 1987-1989, Warszawa 2006, 5-69, hier: 65.

4 Für eine vergleichende Diskussion der Akten des SB und der Stasi siehe die Beiträge zu Agnès Bensussan / Dorota Dakowska / Nicolas Beaupré (Hg.): Die Überlieferung der Diktaturen. Beiträge zum Umgang mit den Archiven der Geheimpolizeien in Polen und Deutschland nach 1989, Essen 2004.

5 Die These von einer unterwanderten Friedensbewegung zuletzt bei Gerhard Wettig: Die Sowjetunion in der Auseinandersetzung über den NATO-Doppelbeschluss 1979-1983, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 57 (2009), 217–259; für differenzierter argumentierende Darstellungen siehe Udo Baron: Kalter Krieg und heißer Frieden. Der Einfluss der SED und ihrer westdeutschen Verbündeten auf die Partei "Die Grünen", Münster 2003; Jürgen Maruhn / Gerhard Wettig (Hg.): Die verführte Friedensbewegung: Der Einfluss des Ostens auf die Nachrüstungsdebatte, München / Wien 2002; Michael Ploetz / Hans-Peter Müller: Ferngelenkte Friedensbewegung? DDR und UdSSR im Kampf gegen den NATO-Doppelbeschluss, Münster 2004.

6 Holger Nehring / Benjamin Ziemann: Führen alle Wege nach Moskau? Der NATO-Doppelbeschluss und die Friedensbewegung – eine Kritik, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 59 (2010), 81-100, hier: 90-91.

7 Diese These sehr prononciert bei Francis Stonor Saunders: Who Paid the Piper? The CIA and the Cultural Cold War, London 1999; differenzierter die Arbeit von Scott Lucas: Freedo m 's War. The US Crusade against the Soviet Union, 1945-1956, Manchester 1999.

8 David Caute: The Dancer Defects: The Struggle for Cultural Supremacy during the Cold War, Oxford 2003; Hugh Wilford: The CIA, the British left, and the Cold War. Calling the tune?, London 2003; Jeffrey C. Isaac: Rethinking the Cultural Cold War, in: Dissent 49 (2002), 29-38.

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PSJ Metadata
Robert Brier
Einleitung
Geheimdienstakten als Quelle zeithistorischer Forschung – Chancen, Herausforderungen und Probleme
de
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Polen
Politikgeschichte, Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften
20. Jh.
4011890-3 4046496-9 4019737-2 4176698-2 4128542-6
Überwachungsnetzwerk; kultureller Kalter Krieg; Nachkriegsgeschichte; Opposition; Dissens
1950-1999
Deutschland DDR (4011890-3), Polen (4046496-9), Geheimdienst (4019737-2), Quellenforschung (4176698-2), Quellenkritik (4128542-6)
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R. Brier: Einleitung
In: Geheimdienstakten als Quelle zeithistorischer Forschung, hrsg. von Ruth Leiserowitz (4. Joachim-Lelewel-Gespräch, 9. November 2010, DHI Warschau) / Debata Lelewelowska 3/2011 przedstawia głosy w dyskusji na temat: "Akta tajnych służb jako źródło do badań historii najnowszej", wyd. przez Ruth Leiserowitz (4. Debata Lelewelowska, 9 listopada 2010, NIH w Warszawie).
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/lelewel-gespraeche/3-2011/brier_einleitung
Veröffentlicht am: 07.04.2011 16:55
Zugriff vom: 28.09.2020 10:09
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