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A. Friszke: Die Dokumentation des SB

Lelewel-Gespräche 3/2010

Andrzej Friszke

Die Dokumentation des SB – eine wichtige Quelle für Studien zur Zeitgeschichte


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Die folgenden Anmerkungen gehen aus meinen Untersuchungen auf der Grundlage von Dokumenten des polnischen Sicherheitsdienstes (Służba Bezpieczeństwa, SB) aus dem Zeitraum 1956-1989 hervor; nur zu einem sehr kleinen Teil betreffen sie die Zeit davor. Ich habe unterschiedliche Aspekte der Tätigkeit der demokratischen Opposition untersucht (Revisionisten, non-konforme Jugendmilieus, legal tätige katholische Gruppen, das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter, die Bewegung für Menschen- und Bürgerrechte, die "Solidarność"). Nur sehr wenig Aufmerksamkeit habe ich dabei dem Apparat des SB gewidmet; auch die Funktionsweise dieses Amtes (Besprechungen, Anweisungen, Berichterstattung) habe ich selbst nicht systematisch untersucht. Bisher ist man auch noch nicht auf systematisch geführte Korrespondenz zwischen dem Innenministerium 1 und dem Zentralkomitee der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) gestoßen. Schließlich habe ich mich auch nicht durchgehend mit Akten zum Klerus befasst, obwohl ich einige Fälle aus diesem Milieu (katholische und protestantische Geistliche) kenne. Ebenso wenig habe ich Unterlagen eingesehen, die die Überwachung von Botschaften oder ausländischen Journalisten dokumentieren. Auch den Einfluss des SB auf staatliche Verwaltungseinheiten, so zum Beispiel auf den Außenhandel, habe ich nicht analysiert.

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Meine Anmerkungen gründen also auf den oben genannten Forschungen; sie weisen aber auch bestimmte, grundsätzliche Lücken auf, die eine Antwort auf einige der gestellten Fragen erschweren. Ich habe darüber hinaus die "Solidarność" als Untersuchungsobjekt erwähnt. In diesem Zusammenhang muss ich jedoch bemerken, dass eingehende Forschungen zum Zeitraum nach 1982 durch eine enorme Aktenzerstörung erschwert werden, zu der es 1989/90 kam. Trotzdem lassen die vergleichsweise wenigen operativen Akten und die umfangreichere Gruppe allgemeiner Berichte gewisse Hypothesen und Schlüsse zu.

Die Akten des SB als historische Quellen

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Im Vorfeld der Veranstaltung wurden mir drei Fragen gestellt:
1. Sind Geheimdienste in das Privatleben der überwachten Personen vorgedrungen, um dort gegebenenfalls kompromittierende Materialien zu sammeln? Wie geht man als Historiker mit diesem ethischen Problem um?
Ich muss sagen, dass ich im Zuge meiner achtjährigen Forschungen in den Akten des SB kein einziges Beispiel für ein systematisches Vordringen in die Privatsphäre gefunden habe, das die Intimsphäre wesentlich verletzt hätte. Die Privatsphäre im weiteren Sinne – zum Beispiel in Form des Briefgeheimnisses oder des Hausfriedens – wurde natürlich ständig verletzt. Vermerke, die die Privatsphäre betreffen, tauchen am häufigsten in zusammenfassenden Biogrammen auf. Zur Überwachung einer Person fertigte der SB ein Biogramm und eine Charakterisierung an, die in der Regel eine Zusammenfassung von Informationen, die im Innenministerium vorhanden waren, enthielt; dazu gehörten Angaben über die ethnische Herkunft, über eventuelle Namenswechsel, Verwandte im Ausland, bisweilen auch Gerüchte, die die sexuelle Orientierung betrafen oder auch Verbindungen ins Ausland (diese Daten waren nicht immer wahrheitsgetreu). In den Akten der überwachten Personen finden sich bisweilen auch Informationen über deren Kontostand. Trotz verschiedener, wiederholt öffentlich geäußerter Bedenken betrafen die Dokumente des SB nur in marginaler Weise Bereiche wie Gesundheitszustand, Ehebeziehungen oder das Intimleben. Die Abhörtätigkeit konzentrierte sich vielmehr auf Fragen, die für den SB tatsächlich von Relevanz waren. Das betraf politische Gespräche, non-konforme Ansichten und Einschätzungen, Kontakte zu anderen Mitwirkenden an oppositionellen Aktivitäten oder die Vorbereitung von Demonstrationen. Ich kenne Fälle, in denen Zimmer systematisch abgehört wurden; die vollständigen Tonbandaufnahmen sind jedoch nicht überliefert. Einzig auf ihrer Grundlage wurden Berichte erstellt, die aus der Sicht des SB die wichtigsten Gespräche betrafen, die in der jeweils abgehörten Wohnung geführt worden waren. Es kam zwar vor, dass der Bericht umfangreicher geriet, wenn die Abgehörten über öffentliche Fragen diskutierten; in diesen Berichten taucht jedoch so gut wie nie etwas auf, was die Privatsphäre im engeren Sinne tangiert.

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Die mir bekannten Beispiele deuten auch darauf hin (bisweilen wurde dies offen gesagt und von den Überwachenden registriert), dass die Überwachten damit rechneten, abgehört zu werden. Daher vermieden sie Handlungsweisen oder Gesprächsthemen, die vertraulich bleiben sollten; das Gleiche galt für Korrespondenzen und Telefongespräche. Zudem hielten die wichtigsten Oppositionellen ihre Meinung zu unterschiedlichen Fragen und ihre negative Einstellung zum Regime seit den 1960er Jahren nicht mehr geheim. In der Zeit zwischen 1967 und 1968 sagte Leszek Kołakowski seinen Gesprächspartnern etwa, dass sein Zimmer abgehört werde, und das bedeute, dass man seine Meinung zwar frei austauschen könne, wenn es aber darum ginge, Angelegenheiten Dritter zu besprechen, gehe man besser spazieren (das Abhörprotokoll vermerkte dies). Natürlich war die Anwendung dieses Grundsatzes nicht immer möglich; deshalb finden sich in Observationsberichten zum Beispiel Informationen über Kontakte mit Personen, die die Überwachten aus streng privaten Gründen verborgen halten wollten.

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Nur in sehr wenigen Fällen bediente sich der SB tatsächlicher oder provozierter Situationen sittlicher Natur, um kompromittierendes Material für Erpressungszwecke zu erlangen. Eigentlich kenne ich nur einen solchen Fall; den eines Geistlichen. Während ich selbst nie Belege dafür gefunden habe, dass solche Provokationen gegenüber Laien aus der demokratischen Opposition angewandt wurden, sind andere Historiker auf einzelne Beispiele gestoßen. Soweit ich weiß, beließ es der SB hier bei der Registrierung des Fakts ehelicher Untreue, der dann aber nicht operativ genutzt wurde. Auf jeden Fall handelt es sich hier um ein absolut marginales Problem.

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2. Haben ideologische Erwartungen die Verarbeitung von Informationen beeinflusst? Inwieweit waren die Mitarbeiter dieser Dienste also uninteressierte Beobachter und inwieweit verfolgten sie mit ihrer Arbeit Karriereziele, für deren Verfolgung das Erstellen bestimmter Informationen wichtig war?
Diese Frage gibt das grundlegende quellenkritische Problem in Bezug auf Geheimdienstakten wieder. Tatsächlich bedienten sich die Funktionäre des SB einer bestimmten Sprache und einer Begrifflichkeit, die sich von der Sprache der überwachten Personen stark unterschied. Auch wenn sich die Funktionäre des SB natürlich sehr stark mit dem System identifizierten, war dies im Allgemeinen nicht die Sprache der marxistisch-leninistischen Ideologie; diese taucht in den fraglichen Dokumenten fast nicht auf. Auch waren die Offiziere des SB anfangs Personen, die mehrheitlich eine schlechte Ausbildung hatten, was sich in der Sprache zahlreicher Dokumente niederschlug. Bereits seit den 1950er Jahren lässt sich allerdings feststellen, dass viele Offiziere eine präzise und sachbezogene Sprache benutzten. Trotzdem war dies eine Sprache, die von den im Ressort verwandten Begriffen und der dortigen Nomenklatur durchsetzt war.

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Weiter gingen die Offiziere des SB bereits von der Existenz "feindlicher Tätigkeit" aus; ihre Aufgabe bestand darin, deren Ausdrucksformen zu identifizieren. Daher richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf ausgewählte Gruppen wie vor allem die Teilnehmer des nichtkommunistischen öffentlichen Lebens aus der Zeit vor der Errichtung der kommunistischen Diktatur, ehemalige Mitglieder der Heimatarmee, Häftlinge der stalinistischen Zeit, Geistliche, aber auch auf Personen oder Milieus, die sich kritisch gegenüber der Politik der Parteiführung geäußert hatten sowie Personen, die Kontakte zu Ausländern unterhielten. Umfassend durchgeführte Kontrollen des Briefverkehrs, sowohl mit dem Ausland als auch bestimmter, verdächtiger Personen (oder auch Stichproben der allgemeinen Korrespondenz im Landesinneren) erlaubten es, Personen zu identifizieren, die eine "Bedrohung" darstellten. Diese wurden dann teils in anderer Form weiter überwacht.

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Besonders in Sammelberichten unterstellten die Funktionäre den Überwachten bisweilen Ziele oder Aktivitäten, die die betroffenen Personen gar nicht beabsichtigten. In den operativen Vermerken (den täglichen Überwachungsergebnissen) fassten die Mitarbeiter Gespräche und Verhaltensweisen nicht selten auf eine die Wirklichkeit verzerrende Weise zusammen. Grundsätzlich lässt sich dabei jedoch feststellen, dass je ursprünglicher das Quellenmaterial ist, desto genauer die entsprechenden Aufzeichnungen ausfallen. Je allgemeiner das Material ist, umso stärker wurden sie auf eine bestimmte These hin abgefasst. Daher sind Abhörprotokolle – zum Beispiel aus den Wohnungen der Mitglieder des KOR 2 – die wertvollste Quelle für den Historiker. Natürlich sind sie bisweilen in einer durch die Begrifflichkeit des SB verzerrten Sprache geschrieben, da das Herauslesen des eigentlichen Inhalts der abgehörten Unterhaltungen Kenntnisse eines bestimmten Sprachduktus oder besonderer Begrifflichkeiten erforderte. Trotz dieser Einschränkungen halte ich die Ursprungsmeldungen jedoch für glaubwürdiger und die Interpretationen bestimmter Handlungen oder Verhaltensweisen für eher fragwürdig.

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Daher ist es in Studien, die auf den Akten des SB basieren, außerordentlich wichtig, diese Aufzeichnungen den Aussagen von an den entsprechenden Ereignissen beteiligten Zeitgenossen gegenüberzustellen. Es ist mir wirklich noch nicht passiert, dass Zeitzeugen die Aufzeichnungen des SB, das heißt die Abhörprotokolle mit denen sie konfrontiert wurden, als vollständig unwahr angesehen haben; ihnen sind jedoch bisweilen sachliche Fehler, Ungenauigkeiten oder ein grundsätzliches Unwissen des SB zu bestimmten Fragen und deren Kontexten aufgefallen. Von der Gründungssitzung des KOR im Jahr 1976 wurde beispielsweise ein stenographisches Abhörprotokoll angefertigt, das voller Fehler ist: Der Funktionär, der das Protokoll erstellte, erkannte bestimmte teilnehmende Personen nicht bzw. verwechselte einige. Allein Gespräche mit Zeitzeugen können diese Fehler korrigieren.

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Ein weiteres Beispiel sind die Abhörprotokolle des Telefons und der Wohnung von Jacek Kuroń während des Auguststreiks von 1980. In dieser Zeit erhielt Kuroń eine Vielzahl von Anrufen; die dabei übermittelten Informationen trug er in sein berühmtes "Logbuch" ein. Der SB hörte diese Gespräche ab und erstellte auf dieser Grundlage Vermerke. Durch einen Vergleich der Notizen des SB mit den Inhalten des "Logbuches" erhalten wir ein vollständigeres Bild. So lassen sich bestimmte Dinge feststellen, die nicht in den Abhörmaterialien fixiert sind. Im Abhörbericht schrieb man zum Beispiel, dass am 14. August 1980 – dem Tag, an dem der Streik begann – Jacek Kuroń einen entsprechenden Anruf erhalten habe. In Kurońs Buch gibt es hingegen mehrere derartige Notizen; es gab also mehrere Anrufe, die deutlich umfangreichere Informationen übermittelten. Es lohnt sich folglich, auch andere Quellen zu konsultieren und sich nicht einzig auf die Quellen des SB zu stützen, auch wenn das natürlich schwierig ist.

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Das zweite, den Quellenwert dieser Materialien betreffende Problem ergibt sich daraus, dass der SB diese für Gerichtsprozesse sammelte. Je weiter diese Prozesse voranschritten, umso stärker wurde das entsprechende Material verallgemeinert und umso mehr mangelt es darin an für den Historiker wichtigen Details. Da es generalisiert wurde, um eine bestimmte These, die entweder auf Strafverfolgung oder Politisierung abzielte, zu belegen, ist dieses Material erstens ungenauer und zweitens sind die Inhalte darin verzerrt. Während also zum Beispiel die täglichen Meldungen über Gespräche Jacek Kurońs eine Rekonstruktion seiner tatsächlichen Handlungen erlauben (wenngleich sich der meldende Offizier irren konnte), sind zusammenfassende Beschreibungen seiner Aussagen und Handlungsweisen demgegenüber eher unzuverlässig, da sie eine bereits angenommene These lediglich illustrieren sollten.

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Die "Ideologie" spiegelte sich natürlich im Inhalt zusammenfassender Berichte wieder. Einige Beispiele habe ich in meiner Monographie "Anatomia buntu" [die Anatomie des Aufstands] aufgeführt. 3 Nach 1968 äußerte sich dies unter anderem darin, dass die Behörde einer Vielzahl von Menschen eine jüdische Herkunft unterstellte, die sich aber selbst als Polen verstanden und darüber hinaus in einigen Fällen auch gar keine jüdischen Vorfahren hatten. Diese "Nominierungen" hatten ein ideologisches Ziel: Die Opposition sollte der Nation gegenüber als "fremd" dargestellt werden. Erst Mitte der 1980er Jahre wurden diese Zuschreibungen eingestellt.

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Im Allgemeinen bin ich jedoch der Auffassung, dass die Dokumentation des SB eine Quelle großer Bedeutung für Studien zur Zeitgeschichte ist. Dies gilt nicht nur für die Geschichte oppositioneller Kreise, sondern auch für bisher kaum erforschte Themen wie zum Beispiel die Tätigkeit des SB in der Industrie, sein Verhalten gegenüber ausländischen Botschaften oder auch in der Welt des Sports, Forschungsfelder, über die sich weitere Charakteristika des kommunistischen Systems erschließen lassen.

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3. Hat man es beim Sicherheitsdienst nur mit den Spezifika kommunistischer Systeme zu tun oder teilen alle Geheimdienste unabhängig vom System, in dem sie agieren, Charakteristika, die Bürokratien insgesamt eigen sind?
Wie aus den bisherigen Beobachtungen hervorgeht, hat das kommunistische System ein spezifisches Überwachungsnetz zur Aufdeckung von Systemkritikern und Zentren politischer Spannung hervorgebracht . Ich denke nicht, dass die Dienste demokratischer Staaten derartigen Tätigkeiten nachgehen. Dennoch entstanden im Rahmen der Überwachungstätigkeit Berichte bürokratischer Art. Man hat zum Beispiel Überwachungsdaten zu legal agierenden Gruppierungen, Redaktionen usw. gesammelt; formal hatten diese den Charakter präventiver Untersuchungen, um sicherzustellen, dass es innerhalb eines legalen Rahmens nicht zu Handlungen kam, die als gefährlich eingestuft wurden. Daher hat man zum Beispiel die genannten Redaktionen oder Diskussionsclubs infiltriert oder Kontakte zu Ausländern überwacht. Als ich jedoch zur Warschauer Universität in den 1960er und 1970er Jahren gearbeitet habe, ist mir – außer einigen besonderen Fällen wie Karol Modzelewskis 4 Habilitationsverfahren – nicht aufgefallen, dass man versucht hätte, Seminare, Vorträge, Fakultätsratssitzungen usw. zu "kontrollieren".

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4. Waren sich Oppositionelle der Tatsache bewusst, dass sie überwacht wurden, und haben sie sich strategisch auf eine Zusammenarbeit eingelassen?
Ich weiß nicht, ob es solche Fälle gab; ich habe sie bei meinen Forschungen nicht vorgefunden. Das Wissen darum, dass man abgehört wurde und dass es Agenten gab, mündete in der Entwicklung unterschiedlicher Techniken, diese Risiken zu umgehen (siehe oben). Dies gelang bisweilen sehr gut; in anderen Fällen gelang es nicht. 5

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Ich kenne jedoch keinen Fall, in dem ein erklärter Oppositioneller mit dem SB zusammengearbeitet hätte. Dies wirft natürlich die Frage auf, was wir unter Zusammenarbeit verstehen? Ich verstehe darunter durchaus die geheime Bereitstellung von Informationen über das Milieu, in dem der Betreffende selbst aktiv war, über Gespräche, die darin stattgefunden haben, oder auch – als fortgeschrittene Form der Kooperation – die Übernahme und Ausführung von operativen Aufgaben. Mir sind Fälle von Personen aus Oppositionskreisen bekannt, die "umgedreht" wurden. Aber dies betrifft erstens nicht deren Anführer, wodurch es dem SB unmöglich wurde, die Tätigkeit dieser Milieus zu steuern. Zweitens versuchten Personen, die aus Überzeugung in der Opposition agierten, selbst wenn sie zu einem bestimmten Zeitpunkt "umgedreht" worden waren, diese Zusammenarbeit wieder zu beenden, indem sie nicht zu Treffen erschienen, keine Informationen weiterleiteten oder nur sehr zurückhaltend kooperierten. In dieser Art gab es vergleichsweise viele Fälle, aber ich betone, dass sie keine führenden Oppositionellen betrafen.

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Weithin bekannt ist das Beispiel der SB-Tätigkeit von Lesław Maleszka, einem der Anführer des Studentischen Komitees der Solidarność in Krakau, der auch führenden Oppositionellen in Warschau persönlich bekannt war. Die von ihm weitergeleiteten Informationen hatten mit Sicherheit Bedeutung für den SB und trugen auch zur Behinderung einiger Initiativen der Jugendbewegung bei. Sie erlaubten jedoch keine Manipulierung der Warschauer Opposition und es scheint auch nicht, dass Maleszka eine solche Aufgabe erteilt wurde. Weniger bekannt ist das Beispiel des IM "Lewandowski", eines Agenten aus dem Milieu von ROPCiO, 6 der viele Informationen über die geheimen Aktionen dieser Gruppe weitergab und dazu beitrug, deren Druckkapazitäten zu reduzieren. "Lewandowski" hatte jedoch keine führende Rolle in diesem Milieu inne.

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Die Auswertung von Akten zu den Oppositionskreisen aus der Zeit vor dem August 1980 zu einer Vielzahl von Gruppen aus dem Solidarność-Untergrund sowie zu Dutzenden führenden Oppositionellen erlaubt die These, dass sich unter letzteren weder vor noch nach 1980 aktive Agenten befanden. Es gab sie auch nicht im Führungszirkel der NSZZ "Solidarność" in den Jahren 1980-1981. Geheime Mitarbeiter des SB drangen zwar an die Ränder von Gruppen vor, die über diese oder jene Programmlinie oder die Durchführung verschiedener Aktionen entschieden. Sie konnten also Informationen über geplante Aktionen sammeln, aber sie konnten keinen Einfluss auf die Inhalte dieser Initiativen nehmen.

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Wenn es um führende Oppositionelle geht, so war der Zugang von Agenten teilweise auch deshalb eher begrenzt, weil der polnische Sicherheitsdienst ab den 1970er Jahren ganz darauf setzte, Oppositionelle abzuhören. Ich möchte unterstreichen, dass ich keine Fälle vorgefunden habe, in denen Agenten grundlegende Fakten in dem geschaffen haben, was wir Oppositionsbewegung nennen, und damit Einfluss auf die Gestalt der Oppositionsbewegung, ihre Initiativen oder die Vorbereitung von Aktionen genommen hätten. Natürlich konnten sie diese Aktionen überwachen oder versuchen, sie zu torpedieren.

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Es gab jedoch noch ein anderes, sehr kompliziertes Problem – die Präsenz des SB im offiziellen Leben, in legal tätigen Milieus. Ich denke hier an die Kirche, an die katholischen Organisationen oder die von mir nicht umfassend untersuchten literarischen, journalistischen oder wissenschaftlichen Milieus. In diesen Bereichen war die Anwesenheit von Agenten deutlich häufiger und hatte bisweilen den Charakter einer Geheimdienstoperation, die auf der Grundlage von Kontakten zum SB vorgenommen wurde. Ich habe das Beispiel von Andrzej Micewski beschrieben, wobei wir es hier mit einer Situation zu tun haben, in der das Subjekt die Offiziere einerseits betrügt und ihnen andererseits zuarbeitet. Dies war eine Aktion, die dazu dienen sollte, nicht nur bestimmte persönliche Ziele zu erreichen, sondern darüber hinaus auch solche, die Micewski als politische definiert hatte.

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Die These, dass maßgebliche Zentren der Opposition in den 1980er Jahren durch den SB gesteuert worden seien, wird von den Quellen nicht gestützt. Darüber hinaus, trotz der Vernichtung zahlreicher Dokumente, widerlegen die (auch dem Autor) bekannten Quellen diese These sogar. In den internen Unterlagen des SB sowohl von 1981 als auch vom Beginn des Jahres 1989 wird direkt das Problem benannt, wie schwierig es sei, Agenten im Führungszentrum der "Solidarność" anzuwerben. Da diese Fakten nie entsprechend gewürdigt wurden, greift die sogenannte "Rechte" des ehemaligen "Solidarność"-Lagers in der politischen Auseinandersetzung zu Verdächtigungen.

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Mir sind nur wenige Fälle bekannt, in denen seitens "Oppositioneller" versucht wurde, Kontakte mit dem SB für die Schwächung einer gegnerischen Orientierung innerhalb der Oppositionsbewegung zu nutzen. Dies betrifft insbesondere die sogenannte Fraktion der "echten Polen" 7 in der Region Mazowsze aus der Zeit kurz vor und kurz nach Verhängung des Kriegsrechts, wobei diese Personen in den darauffolgenden Jahren ihre oppositionelle Tätigkeit einstellten.

Schluss

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Am Ende möchte ich noch an Lech Wałęsa und Marian Jurczyk erinnern, wobei ich das Ausmaß ihrer Kontakte in bestimmten Zeiträumen nicht zu hoch veranschlagen möchte. Das von Sławomir Cenckiewicz und Piotr Gontarczyk geschriebene Buch habe ich scharf kritisiert. 8 Eines lässt sich aber mit aller Sicherheit feststellen. Seit 1976 gibt es Vermerke, die ausschließen, dass Lech Wałęsa gesteuert wurde. Dies belegen viele ihn betreffende Aktenverweise, die für die Leitung des SB bestimmt waren, sowie die Protokolle seiner Verhöre. 1982 erwog man die Möglichkeit, ihm den Prozess wegen versuchten gewaltsamen Umsturzes zu machen, aber aus politischen Gründen wurde dieses Vorhaben schließlich verworfen.

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In diesem Zusammenhang möchte ich noch einige positive Worte über Marian Jurczyk verlieren. Es steht wohl fest, dass er Anfang der 1970er Jahre Informeller Mitarbeiter des SB war. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er als Aktivist der "Solidarność" ein Agent war. Ich habe die Gefängnisakten von Marian Jurczyk aus der Zeit seiner Internierung und Haft in den Jahren 1981-1984 durchgesehen und bin der Meinung, dass er als Häftling zwar Geständnisse abgelegt hat, doch enthielten sie offenbar keine Anklagen oder Selbstkritik. Als einer der Führungskräfte der Bewegung identifizierte er sich mit ihr und verteidigte sie.

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Abschließend möchte ich sagen, dass die führenden Oppositionellen weder Anzeichen von Unterordnung bzw. Fügsamkeit zeigten noch Pläne umsetzten, die nicht ihre eigenen waren.

Autor:

Prof. Dr. Andrzej Friszke
Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften
politic@isppan.waw.pl

Aus dem Polnischen von Robert Brier

1 Anmerkung des Übersetzers.: Anders als in der DDR gab es in der Volksrepublik Polen kein eigenständiges Ministerium für Staatssicherheit; der SB war vielmehr ein Ressort des Innenministeriums.

2 Anmerkung des Übersetzers.: KOR (Komitet Obrony Robotników): eine Oppositionsgruppe, die 1976 von Warschauer Oppositionellen zur Unterstützung von Arbeitern gegründet wurde, die als Teilnehmer an Streiks unter staatlichen Repressionen zu leiden hatten.

3 Andrzej Friszke: Anatomia buntu. Kuroń, Modzelewski i komandosi do 1968 roku, Kraków 2010.

4 Anmerkung des Übersetzers: Karol Modzelewski (geboren 1937), polnischer Historiker, seit Beginn der 1960er Jahre mehrfach wegen oppositioneller Tätigkeit inhaftiert, gemeinsam mit Jacek Kuroń Autor eines offenen Briefs an die PVAP (1965), Teilnahme an den Studentenunruhen von 1968, ab 1980 Berater der "Solidarność", Erfinder des Namens der Gewerkschaft ("Solidarność").

5 Siehe dazu Friszke: Anatomia buntu (wie Anm. 3).

6 Anmerkung des Übersetzers: ROPCiO (Ruch Obrony Praw Człowieka i Obywatela), eine 1977 in Warschau gegründete Menschen- und Bürgerrechtsgruppe.

7 Anmerkung des Übersetzers: Als "prawdziwi polacy", "echte Polen" wurde eine Gruppe radikaler Kräfte in der Solidarność bezeichnet.

8 Sławomir Cenckiewicz / Piotr Gontarczyk: SB a Lech Wałęsa . Przyczynek do biografii, Warszawa 2008.

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PSJ Metadata
Andrzej Friszke
Die Dokumentation des SB – eine wichtige Quelle für Studien zur Zeitgeschichte
de
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Polen
Politikgeschichte, Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften
20. Jh.
4046496-9 4019737-2 4043649-4 4176698-2 4128542-6
Służba Bezpieczeństwa; Geheimdienstakten; Volksrepublik Polen; Hermeneutik
1956-1989
Polen (4046496-9), Geheimdienst (4019737-2), Opposition (4043649-4), Quellenforschung (4176698-2), Quellenkritik (4128542-6)
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A. Friszke: Die Dokumentation des SB
In: Geheimdienstakten als Quelle zeithistorischer Forschung, hrsg. von Ruth Leiserowitz (4. Joachim-Lelewel-Gespräch, 9. November 2010, DHI Warschau) / Debata Lelewelowska 3/2011 przedstawia głosy w dyskusji na temat: "Akta tajnych służb jako źródło do badań historii najnowszej", wyd. przez Ruth Leiserowitz (4. Debata Lelewelowska, 9 listopada 2010, NIH w Warszawie).
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/lelewel-gespraeche/3-2011/friszke_dokumentation
Veröffentlicht am: 07.04.2011 16:55
Zugriff vom: 27.01.2020 00:37
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