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D. Adamczyk / N. Kersken: Bericht

Lelewel-Gespräche 4/2011

Darius Adamczyk und Norbert Kersken

Bericht

Gab es das "Dienstsystem" im mittelalterlichen Polen – oder was war das ius ducale ?

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Wie ist es den Piasten gelungen, ihre Herrschaft zu etablieren? Sind das Herzogsrecht, Abgaben einzutreiben, und die Dienstorganisation bereits im 10. oder erst im ausgehenden 12. und 13. Jahrhundert eingeführt bzw. errichtet worden? Stand hier das "deutsche" Regalienmodell Pate oder waren hier vielleicht Einflüsse aus dem böhmisch-ungarischen Raum von Bedeutung? Das fünfte Lelewel-Gespräch des Deutschen Historischen Instituts in Warschau war einem zentralen Thema der Sozialgeschichte des frühmittelalterlichen Polen gewidmet. Eduard Mühle, Direktor des DHI, eröffnete den Gesprächsabend mit Karol Modzelewski, Sławomir Gawlas (beide Warschau) und Christian Lübke (Leipzig) mit einem problembezogenen Überblick zur Frage des sogenannten ius ducale, der Form der Organisation der frühpiastischen Herrschaft, die sich vor dem 12. Jahrhundert noch nicht auf fürstliche oder adelige Grundherrschaft stützen konnte. Zur Erklärung der Funktionsweise des frühpiastischen Staats des 10.-12. Jahrhunderts ist in der polnischen Mediävistik das Modell des fürstlichen Dienstsiedlungssystems entwickelt worden, das ausweislich seiner Übernahme in verschiedene Handbücher und Gesamtdarstellungen des polnischen Mittelalters gegenwärtig als Stand der Forschung charakterisiert werden kann. Dieses Modell ist seit den späten 1950er Jahren durch monographische Darstellungen vor allem von den Warschauer Mediävisten Karol Buczek 1 und Karol Modzelewski 2 entwickelt worden. Diese Deutung ist freilich in den zurückliegenden Jahren, vor allem von Sławomir Gawlas infrage gestellt worden. 3

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Nach dieser thematischen Hinführung erläuterte Karol Modzelewski die methodologischen und quellenbezogenen Grundlagen der Vorstellungen vom herzoglichen Dienstsystem. Er betonte, dass es keine unmittelbaren schriftlichen Quellen für die Funktionsweise der polnischen Gesellschaft im 10./11. Jahrhundert gebe. Erst aus dem frühen 12. Jahrhundert lägen urkundliche Belege für herzogliche Dienstsiedlungen vor: in einer Bestätigungsurkunde des päpstlichen Legaten Aegidius für das Kloster Tyniec (um 1125) und in der sogenannten Gnesener Bulle von Innozenz II. (1136). Außerdem begegneten detaillierte Informationen über Dienstsiedlungen und verschiedene Abgabenarten in den Urkunden aus den 1230er Jahren. Modzelewski zufolge spiegeln sie den Zerfall des Systems des ius ducale wider, wobei er betonte, dass die Frage nach den sozialen Grundlagen zentraler Königs- oder Herzogsmacht nicht nur die älteste polnische Geschichte betreffe, sondern die ostmitteleuropäische Geschichte insgesamt. Er verwies ausgreifend und vergleichend auf die spätkarolingischen Grundlagen, die Einfluss auf die Gestaltung der politischen Macht in Böhmen, dann auch in Polen und Ungarn gehabt hätten.

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Sławomir Gawlas konzentrierte sich auf die Dekonstruktion des Konzepts des ius ducale . Dabei betonte er zum einen in einer historiographiegeschichtlichen Kontextualisierung die Bindung dieser Vorstellungen an die zeitgenössischen politischen Erfahrungen im Polen der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als die Sichtweise einer starken herzoglichen Zentralgewalt in den ältesten Perioden slavischer Herrschaftsbildung erwünscht war. Zum anderen sieht er in den Quellenbelegen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts nicht die Demontage des Dienstsiedlungssystems, sondern seine Etablierung. Er warf den Verfechtern eines frühpiastischen ius ducale vor, Quellen aus dem frühen 13. Jahrhundert auf das 10. und 11. Jahrhundert zu projizieren. Er formulierte explizit Zweifel an der methodologischen Berechtigung des retrogressiven Verfahrens und ordnete demgegenüber die Entstehung des Dienstsiedlungs- und Regaliensystems in einen Modernisierungsprozess ein, in dem im ausgehenden 12. und 13. Jahrhundert Einflüsse aus dem römisch-deutschen Reich übernommen worden seien. Im Zuge dieser "nachholenden" Entwicklung sei auch das fiskalisch-monetäre System renoviert und der Konsum – zumindest teilweise – kommerzialisiert worden.

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Eine methodische Ergänzung vermittelten dieser Diskussion die Ausführungen von Christian Lübke, der Beobachtungen aus der Namenforschung resümierte. Im östlichen Mitteleuropa ist eine weltweit einmalige Konzentration von Ortsnamen abgeleitet aus Appellativen für die Bezeichnung von Tätigkeiten (nicht Berufen) festgestellt worden. Für Polen sind es etwa 450, für Böhmen 140, für Ungarn 300 Ortsnamen, die sich auf 93 verschiedene Tätigkeitsbereiche beziehen. Die Interpretation dieses Befundes im Hinblick auf die Frage nach dem ius ducale ist freilich nicht unproblematisch: Er wird zwar durchweg mit dem gesteigerten, dauerhaften Bedarf der Herrscher nach spezialisierten Dienstleistungen in Zusammenhang gebracht, allerdings ist die Datierung der Entstehung dieser Ortsnamen mit Schwierigkeiten verbunden. Außerdem ist der Raum der sogenannten Germania Slavica noch unzureichend erforscht.

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Eine wertvolle Bereicherung der Debatte boten zwei ausführliche Stellungnahmen von Sławomir Moździoch (Wrocław/Breslau) und Libor Jan (Brno/Brünn). Der Breslauer Archäologe Sławomir Moździoch vermittelte Einblicke in die Möglichkeiten, die Grabungen an Orten frühmittelalterlicher Burgen zu Fragen des ius ducale zu liefern vermögen. Er wies darauf hin, dass Forschungen der letzten Jahre die Anfänge vieler Burgen vom 8./9. Jahrhundert ins 10. Jahrhundert verlegt hätten. Am Beispiel von Bytom Odrzański (Beuthen) verdeutlichte er die Soziotopographie von Burgen und Burgsiedlungen, die räumliche Spezialisierungen und Konzentrationen von Wirtschaftsaktivitäten erkennen ließen. Libor Jan vermittelte einen Blick auf die Debatte aus der Perspektive der tschechischen Mediävistik. Er betonte, dass die sozialen Grundlagen der přemyslidischen und der piastischen Herrschaftsbildung vergleichbar seien, der Begriff des ius ducale aber in der tschechischen Forschung nicht verwendet werde.

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Die abschließende Diskussion sowohl unter den drei Hauptreferenten als auch unter Einbeziehung des Fachpublikums stellte methodologische Probleme und Fragen der Interpretation der in Ostmitteleuropa erst vergleichsweise spät zur Verfügung stehenden schriftlichen Quellen heraus. Deutlich wurde die Notwendigkeit interdisziplinären Austausches zwischen Historikern, Numismatikern, Archäologen und Namenforschern, um in der vergleichenden Erforschung verschiedener Regionen des östlichen Europa die am polnischen Beispiel erfolgte Theoriebildung an Befunden für Böhmen, Ungarn, die Kiever Rus' und die Elb- und Ostseeslaven zurückzubinden. Zugleich zeigte sich, dass es nicht einfach ist, Wahrnehmungen und Interpretationen verschiedener historiographischer Schulen in ihren unterschiedlichen Annahmen deutlich zu machen und mit dem Ziel einer fruchtbaren Kontroverse zusammenzuführen.

Autoren:

Dr. Dariusz Adamczyk
DHI Warschau
adamczyk@dhi.waw.pl

Dr. Norbert Kersken
DHI Warschau
kersken@dhi.waw.pl

1 Karol Buczek: Książęca ludność służebna w Polsce wczesnofeudalnej [Die herzoglichen Dienstleute im frühfeudalen Polen], Wrocław 1958.

2 Karol Modzelewski: Organizacja gospodarcza państwa piastowskiego. X-XIII wiek [Die Wirtschaftsorganisation des piastischen Staats. 10.-13. Jahrhundert], Wrocław 1975, 2. Aufl., Poznań 2000; ders.: Chłopi w monarchii wczesnopiastowskiej [Die Bauern in der frühpiastischen Monarchie], Wrocław 1987; ferner ders.: Le système du ius ducale en Pologne et le concept de féodalisme, in: Annales 37 (1982), 164-185.

3 Sławomir Gawlas: O kształt zjednoczonego Królestwa. Niemieckie władztwo terytorialne a geneza społeczno-ustrojowej odrębności Polski [Das Ringen um die Gestalt des vereinigten Königreiches. Die deutsche Landesherrschaft und die Entstehung der verfassungsrechtlichen Eigenheit Polens], Warszawa 1996 [2. Aufl. Warszawa 2000].

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PSJ Metadata
Dariusz Adamczyk, Norbert Kersken
Bericht
Gab es das "Dienstsystem" im mittelalterlichen Polen – oder was war das ius ducale?
de
CC-BY-NC-ND 3.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
Ostmitteleuropa, Polen
Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
Mittelalter
4075753-5 4046496-9 118742302 4239544-6 4359546-7
Piasten Herrschaftsorganisation Dienstsiedlungssystem Sozialgeschichte
Ostmitteleuropa (4075753-5), Polen (4046496-9), Piastowie Familie (118742302), Fürstenrecht (4239544-6), Herrschaftssystem (4359546-7)
PDF document adamczyk-kersken_bericht.doc.pdf — PDF document, 345 KB
D. Adamczyk / N. Kersken: Bericht
In: Gab es das "Dienstsystem" im mittelalterlichen Polen – oder was war das ius ducale? Hrsg. von Eduard Mühle (5. Joachim-Lelewel-Gespräch, 12. April 2011, DHI Warschau) / Czy istniała organizacja służebna w średniowiecznej Polsce – czyli: co to było ius ducale? Red. Eduard Mühle (5. Debata Lelewelowska, 12 kwietnia 2011, NIH w Warszawie)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/lelewel-gespraeche/4-2011/adamczyk-kersken_bericht
Veröffentlicht am: 03.08.2011 15:50
Zugriff vom: 20.01.2020 16:51
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