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K. Modzelewski: Statement zur Diskussion

Lelewel-Gespräche 2011/4

Karol Modzelewski

Statement zur Diskussion

Gab es das "Dienstsystem" im mittelalterlichen Polen – oder was war das ius ducale?
Aus dem Polnischen übersetzt von Herbert Ulrich

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Bislang habe ich auf die polemischen Ausführungen von Sławomir Gawlas 1 nicht geantwortet. Aber da uns der Gastgeber dieser Debatte auf hartem Boden zur Rede stellt, bin ich gezwungen, Stellung zu nehmen. Die Höflichkeit gegenüber den Organisatoren der heutigen Debatte gebietet es, dass ich mit der Beantwortung der von ihnen gestellten Fragen beginne.

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1. Wurde die Organisation der Abgaben und Dienstleistungen der der piastischen Herrschaft unterworfenenen Bevölkerung tatsächlich schon im 10. Jahrhundert von den ersten Erbauern des polnischen Staates geschaffen? Ich wäre durchaus geneigt, dies anzunehmen, aber rigoristisch gesehen müsste die Antwort lauten: Wir wissen es nicht. So formuliert, ist diese Streitfrage unlösbar, weil es in Polen überhaupt keine Quellen aus dem 10. und nicht einmal aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts gibt. Wir können unterschiedliche Vermutungen anstellen, hier ist Raum für vielfältige Hypothesen, aber es gibt keine empirischen Grundlagen für eine verbindliche Lösung.

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2. Entstand die Organisation der Abgaben und Dienstleistungen in Polen erst am Ende des 12. Jahrhunderts, infolge einer angenommenen Rezeption des Vorbilds der Regalien aus den deutschen Territorialherrschaften? Diesmal kann die Streitfrage empirisch entschieden werden, weil wir über wenn auch wenige, so doch maßgebliche Quellenzeugnisse aus der Zeit vor der Mitte des 12. Jahrhunderts verfügen. Die Gnesener Bulle von 1136 erwähnt unter den Żniner Besitztümern des Erzbistums drei dienstbare Dörfer: Żyrdnicy, villa sagittariorum , das heißt das Dorf der Schützen (Kategorie des Jagdpersonals), sowie das Dorf der dienstbaren Fischer ( villa piscatorum mit 30 namentlich genannten Bauern). Die "Provinz Żnin" war eine dem Erzbistum höchstwahrscheinlich von Bolesław Schiefmund (1086-1138) geschenkte Gutskastellanei. Der von Papst Innozenz II. für das Erzbistum Gnesen ausgestellten Bulle von 1136 gemäß entstammten auch die Biberrechte des Erzbistums entlang des gesamten Flusses Ner mit dienstbaren Biberjägern und Fischern sowie deren Dörfern zweifellos einer herzoglichen Schenkung. Hinsichtlich der Versorgung des Gnesener Domkapitels erwähnt dieselbe Bulle "Namen und Dienste" ( nomina et officia ) von elf für den Stalldienst bestimmten Bauern ( ad officum agazonum ), sieben Bierbrauern und fünf Zimmerleuten.

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Die Lentschitzer Benediktiner, deren Versorgung vom Erzbistum übernommen und in der Gnesener Bulle kurz geschildert wurde, hatten bei ihrer Stiftung, vermutlich durch Bolesław den Kühnen (1041/42-1082), dienstbare Bäcker, Köche, Stallknechte und Schuster sowie zwei Weinbauerndörfer erhalten, und in den Aufzeichnungen über die Versorgung der Benediktiner in Tyniec werden sechs Kategorien der von Bolesław (dem Kühnen) der Abtei geschenkten dienstbaren Bauern genannt ( ministri curaie regis competentes – tam pistores, lagenarii, quam coci et camerarii, piscatores et pecorarii ). Die Servitutenorganisation entstand weit vor dem Ende des 12. Jahrhunderts, da die Piastenherrscher nachweislich zu Beginn des 12. und sogar schon gegen Ende des 11. Jahrhunderts kirchlichen Institutionen dienstbares Volk geschenkt haben. Ältere Quellen gibt es in Polen schlichtweg nicht. In Böhmen ist die Existenz einer Servitutenorganisation in authentischen Urkunden aus der Mitte des 11. Jahrhunderts bezeugt, und in Ungarn wird dienstbares Volk schon in der von Nonnen in griechischer Sprache verfassten Stiftungsurkunde König Stefans I. (969-1038) für das Basilianerinnenkloster in Weißbrunn (Veszprem) erwähnt. In Polen herrschte damals Bolesław der Tapfere/Chrobry (967-1025), aber die Urkunde des ungarischen Königs kann nicht als Zeugnis für die Systemverhältnisse Polens unter Chrobry angesehen werden.

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3. Beweist die Existenz einer Servitutenorganisation in Polen im ausgehenden 11. und zu Beginn des 12. Jahrhunderts, dass das System des Fürstenrechts ( ius ducale ) ebenso alt ist? Nicht unbedingt. In den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts bestätigten Bolesław der Schamhafte sowie das Inventarverzeichnis des Płocker Bistums, dass keinerlei Immunität das Kloster oder das Bistum dazu berechtigte, die fürstenrechtlichen Abgaben von den auf ihren Gütern wohnenden dienstbaren Bauern einzutreiben, weil das dienstbare Volk nicht verpflichtet war, diese Abgaben an irgendjemanden abzuliefern: weder an den Herzog und seine Beamten noch an die kirchlichen Institutionen, unter deren Grundherrschaft es infolge der herzoglichen Schenkungen geraten war. Daraus schließe ich, dass die spezialisierten Leistungen und Dienste dieser Bevölkerung anstelle der gewöhnlichen Lasten des Fürstenrechts erbracht wurden und somit eine spezifische Variante der allgemeinen Verpflichtungen darstellten, die dieses Recht der bäuerlichen Bevölkerung auferlegte. Ähnlich, wenn auch nicht ganz genauso, interpretierte dies Karol Buczek. Aber nicht alle müssen diese Interpretation teilen und die Servitutenorganisation als einen untrennbaren Bestandteil des fürstenrechtlichen Systems anerkennen.

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Übrigens bildete die Servitutenorganisation auch in meinem sowie in Buczeks Verständnis eher die Peripherie als die Grundlage dieses Systems. Seine Basis bildeten die Lasten, zu denen aufgrund des Fürstenrechts die gesamte bäuerliche Bevölkerung verpflichtet war (mit Ausnahme derer, die von der Monarchie zu speziellen Diensten bestimmt wurden, sowie des unfreien Gesindes, der freien Knechte und der zum Kriegsdienst verpflichteten Bauern, die herrschaftliches, das heißt höfisches Land bearbeiteten). Hierbei handelt es sich vor allem um fünf gesamtpolnische reguläre Abgaben: 1. die Hornviehsteuer, Pflugsteuer und Rauchfangsteuer , auch einfach Abgabe genannt, 2. die Hofsteuer (auch Hofkuh, Hofhammel oder "Kuh, Schaf" genannt), 3. das 'Wachtkorn' ( stroza ) bzw. den narzaz , 4. die Gastungspflicht ( stan ), das heißt die Verpflichtung, den über Land reisenden Fürsten, seine Amtsträger und Diener gastfreundlich zu bewirten, sowie 5. um kurzfristig zu leistende Transportdienste (Wegweisung, Transporthilfen und Fuhrdienste). Hinzu kam die Verpflichtung zur Arbeit beim Bau und bei der Instandsetzung von Burgen. In den Urkunden des 13. Jahrhunderts wurde der Begriff des Fürstenrechts auch auf die vom Herzog und von seinen Amtsträgern, insbesondere den Kastellanen und ihren Stellvertretern ausgeübte vorimmunitäre Gerichtsbarkeit ausgedehnt. In den aus dem 13. Jahrhundert stammenden Urkunden stoßen wir auf direkte Zeugnisse, in jenen aus dem 12. Jahrhundert auf indirekte Hinweise, dass die Organisation der Burgsiedlung mit ihrer Kastellansjurisdiktion eine Schlüsselrolle bei der Bestimmung bestimmter Abgaben der bäuerlichen Bevölkerung zugunsten der Monarchie spielte. Aus diesem Grunde gilt die Burg- und Kastellanadministration in der einschlägigen Literatur zu diesem Thema als untrennbarer Bestandteil des Systems des Fürstenrechts.

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In seiner Charakteristik dieses Systems erblickte Karol Buczek das Fundament des Fürstenrechts in den Regalien, vor allem aber im sogenannten Landregal, kraft dessen das gesamte bewirtschaftete Land, das nicht Eigentum der Kirche oder der Ritter war, dem Herzog gehörte. Dieser Konstruktion zufolge wären die erblichen Besitzer bäuerlichen Standes nur erbliche Nutzer herzoglichen Landes und somit verpflichtet, Leistungen für den Herzog zu erbringen. Dieser Konzeption stehe ich mit großer Distanz gegenüber. In zahlreichen Urkunden steht nämlich außer Zweifel, dass die Bauern, die auf im Besitz der Kirche oder der Grundherren befindlichen Ländereien lebten, die sich aus dem Fürstenrecht ergebenden Abgaben immer an den Herrscher abführten und nicht an ihre Herren, so lange der Eigentümer des Gutes noch keine Immunität für sie erlangt hatte. Und selbst eventuelle Immunitäten waren gewöhnlich unvollständig, anfänglich sogar sehr bescheiden und wurden erst allmählich durch weitere Exemptionsprivilegien ausgeweitet. Nicht die Vergabe des Landes durch den Herrscher selbst, sondern sein Verzicht auf das Recht zur Einforderung konkreter Leistungen erlaubte dem Grundherrn, diese Leistungen für sich einzutreiben. Die aus dem Fürstenrecht resultierenden Abgaben gebührten dem Herrscher nicht aufgrund obrigkeitlicher Besitzrechte am Land, wie sie sich aus dem Regal ergeben sollten, sondern deshalb, weil er der Herzog war, das heißt das Haupt der politischen Gemeinschaft – einst eines Stammesverbandes und jetzt einer staatlichen Gemeinschaft. Auf diese Angelegenheit und auf die Genese der Rechte, die es dem Herrscher erlaubten, nach eigenem Ermessen "Niemandsland" (das heißt von niemandem angeeignetes Land) an seine "Mitarbeiter" zu vergeben, werde ich in der Diskussion noch zurückkommen.

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4. Detaillierte Informationen über Abgaben und Dienste des Fürstenrechts sowie über die Jurisdiktion des Herzogs und des Kastellans finden sich in den Quellen, weil die Herrscher der Teilfürstentümer diese Rechte seit Beginn des 13. Jahrhunderts Schritt für Schritt auf dem Immunitätsweg an kirchliche und bald auch weltliche Grundherren weitergegeben haben. Daher nehmen wir die Institution des Fürstenrechts durch den Prozess ihres schrittweisen Abbaus wahr. Infolge dieser Demontage entstanden neue Quellen, denn die Not ist immer auch die Mutter des Dokuments. Die Routinetätigkeit der Abgabenerhebung ist wohl eher ohne Pergament ausgekommen, und selbst wenn die herzogliche Administration etwas davon schriftlich festgehalten hätte, gab es niemanden und auch keinen Grund dafür, diese Aufzeichnungen bis in unsere Zeit aufzubewahren. Die Kirche dagegen kümmerte sich sehr wohl um die Dokumentation einer jeden erworbenen Berechtigung und sorgte deshalb für die schriftliche Bescheinigung jeder Immunitätsexemption und archivierte sorgfältig alle Privilegien. Mit der Immunitätsaktion ging somit eine serienmäßige Kanzleiproduktion einher, und gewisse Standards der Kanzleiterminologie wurden üblich. Dies muss in Betracht gezogen werden, um die Prozesse der Quellenentstehung und der Quellenkonservierung nicht mit dem historischen Prozess zu verwechseln.

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Die Zahl der erhaltenen polnischen Urkunden des 13. Jahrhunderts überschreitet die Zahl von 4.000 beträchtlich. Darunter befinden sich Hunderte von Immunitätsklauseln, in denen wir die Namen der aufgehobenen Lasten finden und oft auch Informationen über ihren Gegenstand, die Grundlage der Bemessung und die Wahl bestimmter Abgabenformen sowie über die Gerichtskompetenzen der herzoglichen Beamten. Die Rekonstruktion des Systems des Fürstenrechts basiert auf dieser Grundlage. In Bezug auf das Polen des 11. und 12. Jahrhunderts geschieht dies auf dem Weg der Retrogression, die uns von der verfügbaren Quellenbasis aufgezwungen wird. Natürlich bedarf dieses Vorgehen der methodologischen Reflexion. Den Weg der Retrogression beschritten bereits frühere Forscher wie Stanisław Kutrzeba oder Oswald Balzer, aber erst Karol Buczek hat Überlegungen über die Berechtigung dieser Methode angestellt. Für diesen vorzüglichsten Kenner der mittelalterlichen Quellen Polens stand außer Zweifel, dass das Fürstenrecht älter war als die Immunität, die es dann schrittweise liquidierte. Außerdem wies Buczek darauf hin, dass in allen Teilfürstentümern prinzipiell die gleichen aus dem Fürstenrecht resultierenden Abgaben und Dienste in Erscheinung traten. Daher haben wir es mit einem gemeinsamen Systemmuster zu tun, das sich vor der feudalen Zersplitterung in der verhältnismäßig homogenen Monarchie des 11.-12. Jahrhunderts herausgebildet hat. Dies betrifft auch die Burgsiedlungs- und Kastellanorganisation, auch wenn die lateinischen Begriffe castellania oder castellatura als Bezeichnungen für den Umfang der Burgsiedlung und castellanus als Amtsbezeichnung zur Kanzleiterminologie des 13. Jahrhunderts gehören und in den narrativen Quellen des 12. Jahrhunderts nicht vorkommen. In meinen Arbeiten, vor allem in meinem Buch über die Bauern, 2 habe ich diese Ansicht Buczeks akzeptiert und halte sie auch weiterhin aufrecht.

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5. Sławomir Gawlas hat die methodologische Berechtigung der Retrogression in Frage gestellt und in einem nächsten Schritt behauptet, das Fürstenrecht, seine Lasten und seine Jurisdiktion, sowie die Kastellaneien und das Amt des Kastellans seien in Wirklichkeit erst in dem Moment in Erscheinung getreten, als ihre Namen in den Urkunden auftauchten, das heißt an der Schwelle zum 13. Jahrhundert, zu Beginn der Immunitätsaktion. Dieses Verständnis zeugt von einer Art Nominalismus, einem Schlussfolgern aus der Nomenklatur. Das Auftreten des Begriffs castellanus zu Beginn des 13. Jahrhunderts – so Sławomir Gawlas – "muss mit einer weitgehenden Reorganisation der Territorialverwaltung nach dem Vorbild der Burggrafschaften verbunden gewesen sein". Das in allen Teilfürstentümern gleiche Schema der Kastellanadministration sowie das identische Ensemble der Lasten des Fürstenrechts wären in diesem Falle nicht das gemeinsame Systemerbe der gesamtpolnischen Monarchie, wie Buczek annahm, sondern ein Resultat der Rezeption desselben Vorbildes aus deutschen Territorialherrschaften. Aber in einem solchen Falle müsste mittels eines detaillierten Vergleiches die Ähnlichkeit der Organisation von Kastellaneien und Burggrafschaften aufgezeigt werden, und vor allem müsste man auf dem Territorium des Reiches irgendwelche Spuren der Existenz solcher Lasten wie Hornviehsteuer, Wachtkorn, narzaz und Wegweisung finden. Soviel ich weiß, gab es solche Abgaben dort nicht. Ganz gewiss gab es im Reich auch keine Pflicht der Ritter, verschiedene Transporthilfen zu stellen ( conductus militibus ), die als charakteristischer Bestandteil des Fürstenrechts in allen piastischen Teilfürstentümern vorkommt. Buczeks Interpretation wehrt sich effektiv gegen die Mutmaßungen Gawlas', welche die an die aufgestellte Hypothese gestellte Anforderung, nicht den Quellen zu widersprechen, nicht erfüllt.

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Das Fehlen des Begriffes castellanus in den Urkunden polnischer Herrscher aus dem 12. Jahrhundert lässt sich recht einfach erklären: Diese Urkunden, besonders die authentischen, kann man an den Fingern einer Hand abzählen, und keine von ihnen erwähnt irgendwelche Amtsträger der Territorialverwaltung. Im Übrigen hatte sich angesichts des Fehlens einer förmlichen Kanzleiproduktion in jener Zeit noch keine standardisierte Kanzleiterminologie eingebürgert. Die Würdenträger der Territorialverwaltung treten in den narrativen Quellen des 12. Jahrhunderts meistens als comites in Erscheinung, aber dieser Unterschied zwischen dem Vokabular der Chronisten des 12. und jenem der Notare des 13. Jahrhunderts berechtigt uns keineswegs dazu, auf eine "weitgehende Reorganisation" der Territorialverwaltung zu schließen. Darüber hinaus finden wir trotz der Kargheit der Quellen aus dem 12. Jahrhundert darin schließlich doch eine ganze Handvoll Informationen über die Einkünfte der Monarchie aus den Abgaben und die Rolle der Burgbezirke. Es handelt sich vor allem um die in der Gnesener Bulle erwähnten Listen des Zehnten von "Getreide, Honig und Eisen, Schänken, Gerichtsgebühren, Marderfellen, Schweinen, Markt- und Wegzöllen." Diese wurden dem Erzbistum aus acht Burgbezirken der Gnesener Provinz und aus acht Burgbezirken der Provinz Łęczyca vorgelegt. Ihre Auflistung entspricht ziemlich genau dem Netz der Kastellaneien im 13. Jahrhundert; nur Łekno fehlte, das bald nach 1136 in private Hände geriet, sowie Wołbórz, wo vor 1148 eine Gutskastellanei des Breslauer Bistums eingerichtet wurde. Außerdem ist für mich nicht klar, worin sich der Burgbezirk von Spicymierz, Śrem, Nakło oder Czestram des Jahres 1136 von der Kastellanei von Spicymierz, Śrem, Nakło oder Czestram des 13. Jahrhunderts hätte unterscheiden sollen. Ich will nicht behaupten, dass es hier gar keine Veränderungen gegeben hätte, über die wir im Übrigen nichts Näheres wissen, aber ich sehe hier keinerlei Raum für eine Revolution.

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Die Rolle der Burgbezirke bei der Bestimmung und Distribution der Abgaben der Bevölkerung zugunsten der Monarchie war keine polnische Besonderheit. Die Informationen der Gnesener Bulle zu diesem Thema besitzen ein sehr ähnliches Äquivalent in der ganz zu Beginn des 12. Jahrhunderts schriftlich fixierten Norm der Statuten des ungarischen Königs Koloman: de tributis autem et vectigalibus, sicut comitibus tertiam partem dare decrevimus, ita decimam quoque episcopis censemus . Die ungarischen Burgbezirke hießen Komitate, unterschieden sich aber nicht grundsätzlich von den polnischen Kastellaneien. In Böhmen wurden solche Bezirke als Provinzen bezeichnet, aber sie hatten ähnliche Ausmaße und spielten eine ähnliche Rolle bei der Ablieferung des zehnten Teils der Einkünfte aus den Abgaben an die Kirche ( tributum pacis ). Dabei steht außer Zweifel, dass die Monarchien der Árpáden, Přemysliden und Piasten durch ottonische Vermittlung das karolingische Vorbild der Grafschaft übernommen haben, das viel älter war als die "Territorialherrschaften", sowie das Prinzip der Aufteilung des von der Bevölkerung erhobenen Tributs unter dem König, den Grafen und den Bistümern. Dieses Vorbild war im gallo-römischen Teil des Imperiums unbekannt, aber durchaus charakteristisch für das "germanische Germanien", das heißt für die dem Frankenreich einverleibten Gebiete der "barbarischen Welt", wo eine allgemeine Abgabe mit Tributcharakter ( steura, ostarstuopha ) die am leichtesten einführbare Last darstellte, weil sie der lokalen Tradition nicht fremd war. Daher begegnen wir diesem Vorbild in jenen Urkunden Ludwigs des Frommen aus den Jahren 817 und 839, die seine schwäbischen Gebiete betreffen, sowie in einer Urkunde Arnulfs von Kärnten für das Bistum in Würzburg von 889, und es ist auch nicht verwunderlich, dass Otto I. im Jahre 917 diesem Vorbild folgte, als es um die Versorgung des Bistums Meißen ging. Die Quellen erlauben, die Spur der Wanderung dieses Vorbildes bis in die Lausitz, nach Böhmen, Ungarn und Polen zu verfolgen.

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Der merowingische und karolingische Staat der Franken war – durch seine gallischen Provinzen – zum Nachfolger des Römischen Reiches geworden. Mit der Ausbeutung der Bevölkerung durch allgemeine politische Tribute befasste er sich nur in den inkorporierten Territorien germanischer und slawischer Stämme, nur notwendigerweise und nur so lange wie nötig. Relativ schnell vermochten die karolingischen und ottonischen Herrschaftseliten diese archaische Prozedur in den unterworfenen barbaricum -Gebieten durch Strukturen der Grundherrschaft zu ersetzen. In den barbarischen Monarchien Osteuropas hatten die traditionellen Systeme herzoglicher Herrschaft eine viel längere Lebensdauer. Wir begegnen ihnen auch dort, wohin weder karolingische noch ottonische Vorbilder gelangt waren: in Ruthenien. Auch dort bildete der Zehnte aus den Tributabgaben der Bevölkerung an den Monarchen die Grundlage für die Versorgung der Bistümer. Die Wahl der Abgabenform und die Absonderung des dem Bischof gehörenden zehnten Teils davon vollzog sich im Rahmen der sogenannten pogoste , das heißt Verwaltungseinheiten, die zwar kleiner waren als die polnischen Kastellaneien, aber das Prinzip war ähnlich. In dem 1136 von dem Smolensker Fürsten Rostislav Mstislavič (?-1159) ausgestellten Stiftungsdokument des Bistums Smolensk wurde für die einzelnen Pogosten die Quote der von der Bevölkerung erbrachten Abgaben geschätzt und die Höhe des dem Bischof gebührenden Zehnten festgelegt. Die dem Bistum diesbezüglich gebührende Summe überschritt 300 Griwna jährlich, was einen Gegenwert von 300-400 Ochsen ausmachte, wenn man von den im umfänglichen Gesetzeskodex Russkaja Prawda angenommenen Preisangaben ausgeht. Diese Einkünfte waren um ein Vielfaches höher als diejenigen, die der Bischof aus den bei der Stiftung von Rostislav erhaltenen bescheidenen Ländereien hätte erlangen können. Die Landgüter der Magnaten, ja auch die des Herrschers, reichten damals noch nicht aus, der entstehenden Kirchenorganisation durch "Vergabe von Land mit Leuten" eine gebührende Versorgung zu gewährleisten.

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Daher denke ich, dass das polnische System des Fürstenrechts gut in den europäischen Kontext passt. Dies betrifft – woran ich in der Diskussion noch erinnern werde – auch die Genese seiner einzelnen Lasten. Mit Sicherheit ist es nicht von einem Tag auf den anderen entstanden, auch wenn wir keinerlei Informationen über seine Herausbildung besitzen. Die Schwierigkeiten Karls des Großen, die benachbarten Gemeinschaften im unterworfenen Sachsenland der königlichen Gerichtsbarkeit zu unterstellen, zeigen, dass auch in Polen die Errichtung des herzoglichen Jurisdiktionsmonopols keine einfache Sache war – darin würde ich mit Sławomir Gawlas übereinstimmen. Aber am Ende des 12. Jahrhunderts war die Setzung des Fürstenrechts bereits eine seit langem vollzogene Tatsache. Das 13. Jahrhundert stellte eine Zeit zunehmender Demontage dieses archaischen Systems dar und nicht seiner Konsolidierung. Im Gefolge der Immunitätsaktion und der Rezeption des deutschen Rechts machte es dann jedoch der Grundherrschaft Platz und nicht der Territorialherrschaft. Ich kann in den Teilfürstentümern kein Äquivalent der deutschen Territorialherrschaften erkennen, und nach der Lektüre des Buches von Gawlas kommt mir das auch weiterhin nicht in den Sinn. Die Territorialherrschaften bildeten sich dadurch heraus, dass weltliche Würdenträger des Reiches sowie Bischöfe gewisse Prärogativen königlicher Herrschaft nicht nur gegenüber den Bauern in ihren Gütern übernahmen, sondern auch gegenüber der umliegenden Bevölkerung im Rahmen des von ihnen kontrollierten Territoriums. Die Partikularfürsten in Polen hatten keinen König über sich, und ihre Herzogtümer entstanden infolge dynastischer Teilungen, ähnlich wie die Königreiche der Söhne Chlodwigs oder der Söhne Karls des Großen oder auch die unter der Herrschaft der Rurikiden stehenden rus'ischen Fürstentümer. Dabei wurde nicht nur die dynastische, sondern auch die Systemkontinuität gewahrt. Die Teilung der relativ (ja sogar nur sehr relativ) einheitlichen Monarchie der ersten Piasten in Teilfürstentümer hat, wie Karol Buczek immer zu Recht und mit Nachdruck betont hat, keine direkte Systemveränderung bewirkt außer der, dass die Kompetenzen der früheren Provinzial- comites zu einem Teil von den Herrschern der Teilfürstentümer selbst und zum anderen von ihren Wojewoden übernommen wurden.

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Auch in den bischöflichen Gutskastellaneien würde ich keine Anzeichen einer Territorialherrschaft erblicken. Die Bischöfe hatten dort zwar ein für alle Mal Amtsgewalt erlangt, aber nur gegenüber der Bevölkerung ihrer eigenen Güter. Ihre Machtbefugnisse erstreckten sich nicht auf die Ritterschaft, deren Besitztümer und ihre Bauern, die Bevölkerung klösterlicher Güter oder der übrigen auf dem Territorium der Kastellanei liegenden herzoglichen Dörfer und Leute; diese unterstanden alle weiterhin den herzoglichen Beamten. Als Territorialherrschaften können im Polen des 13. Jahrhunderts nur das Neißer/Ottmachauer Land der Breslauer Bischöfe nach dem Privileg Heinrichs des Gerechten (1257/58-1290) von 1290 sowie das Sandezer Herzogtum der Heiligen Kinga anerkannt werden, die auf dem ihr von Bolesław dem Schamhaften (1226-1279) zuerkannten Territorium auch die öffentliche Macht über die Ritter und die Bevölkerung der Rittergüter ausübte. Aber das sind Ausnahmen und nicht die Regel, die die Richtung der Systemveränderungen abstecken würde. Anzeichen einer Territorialherrschaft kann man in den Kleinstaaten polnischer Magnaten der Neuzeit erkennen, die aber nicht im Gefolge der Rezeption irgendwelcher Vorbilder aus dem mittelalterlichen Deutschland entstanden sind.

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Meine Schlussfolgerung lautet wie folgt: Ich betrachte die Kritik von Sławomir Gawlas und suche darin nach Inspirationen, die mir manchmal helfen, meine Ansichten zu Staat und Gesellschaft der piastischen Zeit zu modifizieren. Aber zu einer Anerkennung dieser Kritik als alternative Gesamtkonzeption fehlt ihr etwas Wesentliches. Die grundsätzliche Quellenbasis, über die der diese Epoche erforschende Wissenschaftler verfügt, stammt aus dem 13. Jahrhundert. Dies sind, wie ich wiederholen möchte, Tausende von Urkunden. Auf ihre Interpretation stützte sich Karol Buczek und in seiner Spur auch ich. Ein Opponent, der eine andere Vision dieser Epoche präsentieren will, muss eine andere Interpretation dieses Quellenmaterials durchführen als wir. Sławomir Gawlas hat dies nicht getan, sondern er hat dieses Quellenmaterial aus dem 13. Jahrhundert lediglich diskreditiert und sich stattdessen auf eine zweifelhafte Analogie gestützt. Ich meine, dass man das so nicht tun darf.

Autor:

Prof. Dr. Karol Modzelewski
Warszawa
mokarmag@gmail.com

1 Sławomir Gawlas: O kształt zjednoczonego Królestwa. Niemieckie władztwo terytorialne a geneza społeczno-ustrojowej odrębności Polski [Das Ringen um die Gestalt des vereinigten Königreiches. Die deutsche Landesherrschaft und die Entstehung der verfassungsrechtlichen Eigenheit Polens], Warszawa 1996 (2. Aufl. Warszawa 2000).

2 Karol Modzelewski: Chłopi w monarchii wczesnopiastowskiej [Die Bauern in der frühpiastischen Monarchie], Wrocław 1987.

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PSJ Metadata
Karol Modzelewski
Statement zur Diskussion
Gab es das "Dienstsystem" im mittelalterlichen Polen – oder was war das ius ducale?
de
CC-BY-NC-ND 3.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
Polen
Sozial- und Kulturgeschichte
Mittelalter
4046496-9 118742302 4129438-5 4239544-6
Piasten Fürstenrecht Kastellaneien Servitutenorganisation
1136-1300
Polen (4046496-9), Piastowie Familie (118742302), Abgabe (4129438-5), Fürstenrecht (4239544-6)
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K. Modzelewski: Statement zur Diskussion
In: Gab es das "Dienstsystem" im mittelalterlichen Polen – oder was war das ius ducale? Hrsg. von Eduard Mühle (5. Joachim-Lelewel-Gespräch, 12. April 2011, DHI Warschau) / Czy istniała organizacja służebna w średniowiecznej Polsce – czyli: co to było ius ducale? Red. Eduard Mühle (5. Debata Lelewelowska, 12 kwietnia 2011, NIH w Warszawie)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/lelewel-gespraeche/4-2011/modzelewski_statement
Veröffentlicht am: 03.08.2011 15:50
Zugriff vom: 22.01.2020 17:59
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