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G. Indruszewski: Bericht vom 6. Lelewel-Gespräch am 8.11.2011

Lelewel-Gespräche 5/2012

George Indruszewski

Bericht vom 6. Lelewel-Gespräch am 8.11.2011

Markt, Macht oder Magie. Warum wurde im frühen Mittelalter Silber deponiert?



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Das sechste Lelewel-Gespräch des DHI Warschau am 8. November 2011 war dem spannenden und kontroversen Thema der frühmittelalterlichen Silberschätze und deren Interpretation gewidmet. Die knapp dreistündige Diskussion befasste sich mit dem Zustrom, der Bedeutung und der Deponierung von Silber. Die Ortung der Schätze aus zerhackten Silbermünzen und Schmuck über das gesamte Nord-, Ostmittel- und Osteuropa vom Kaspischen Meer bis hin nach Skandinavien und zu den Britischen Inseln entspricht den damaligen geographischen Verkehrsbedingungen und sozio--politischen wie kulturellen Prämissen, die von höchster Bedeutung für die Rekonstruktion der regionalen und überregionalen Geschichte des 8. bis 11. Jahrhunderts sind.

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Dariusz Adamczyk (DHI Warschau) moderierte eine Diskussion mit den renommierten Fachleuten aus den Bereichen Numismatik, Archäologie, Anthropologie und Geschichte: Mit dabei waren Stanisław Suchodolski, Przemysław Urbańczyk (beide PAN Warschau) und Lutz Ilisch (Tübingen).
Mittels einer computergestützten Präsentation eröffnete der Moderator das Thema mit einer strukturierten, dreiteiligen Einführung, die sich auf die geographische Ausdehnung der geborgenen Schätze, deren Definition und statistische Aussagen über die Struktur und die chronologischen Veränderungen konzentrierte.

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Das Wort ging weiter an Lutz Ilisch, der betonte, dass der arabische Dirhem in der Ursprungsregion als Geld zu betrachten sei. In diesem Zusammenhang erörterte er auch die fünf besonderen Bedingungen, die die geborgenen Edelmetalle erfüllen müssen, um als Schatzfunde zu gelten (oder anerkannt zu werden). Weiterhin erläutete Ilisch den Kontrast zwischen der Anhäufung der Münzen außerhalb der arabischen Welt und dem koranischen Verbot der Thesaurierung von Silber innerhalb der Exportregion selbst. Ilisch hob – neben ökonomischen Motiven – Bürgerkriege und Unruhen als mögliche Ursachen der Deponierung von Edelmetallen hervor. Er verwies zugleich darauf, dass der Usus, Silber zu zerhacken, im Kalifat bereits seit den 830er Jahren bekannt und in wirtschaftlichen Entwicklungen begründet gewesen sei.

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Stanisław Suchodolski legte wiederum Gewicht auf die ökonomischen Motive der Schatzbildung. Demnach diente die Thesaurierung der Akkumulation und Sicherung des Vermögens und gehörte somit zu den alltäglichen Handlungen im östlichen Europa. Nicht zuletzt deute der Zerteilungsgrad von Münzen auf die Kommerzialisierung der Münzverwendung hin. Zum Schluss wies Suchodolski auf den Zusammenhang zwischen der Funktionalität von Silber und dessen Deponierung hin.

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Anders als Ilisch und Suchodolski ging Przemysław Urbańczyk von anthropologischen Überlegungen aus. Er stellte die ökonomischen Funktionen von Edelmetallen im frühmittelalterlichen Osteuropa grundsätzlich zwar nicht infrage, betonte jedoch mit Nachdruck, dass die Zirkulation der Luxusgüter der Bestimmung der Machtverhältnisse gedient habe. Der Umlauf von Edelmetallen wies somit strategische Bedeutung auf und stellte einen wichtigen Faktor der Machtrepräsentation und des gesellschaftlichen Status dar. In Gesellschaften, in den nicht Marktmechanismen, sondern die Aufrechterhaltung hierarchischer Strukturen vorherrschten, lässt sich die ökonomische Ebene kaum von der symbolisch-magischen trennen. Homo oeconomicus und homo symbolicus waren folgerichtig zwei komplementäre Sphären der menschlichen Mentalität, eine anthropologische Konstante. Demnach müssten bei der Erklärung der Entstehung von Depositen mit Hacksilber die magisch-kultischen Aspekte stärker bedacht werden.

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Um dem Gedankenaustausch neue Anstöße zu geben, hat der Moderator für jeden der Teilnehmer kontroverse Fragen vorbereitet, die deren Annahmen entgegenstanden. Die Tatsache, dass nur ein kleiner Bruchteil (kaum 1%) der in England von Skandinaviern erpressten Tribute in Höhe von knapp 260.000 Pfund Silber (ein Äquivalent von etwa 65 Millionen Pfennigen) in Schatzfunden entdeckt werden konnte, wirft die Frage auf, was mit den verbleibenden 99% geschehen sei. Ein anderer interessanter Aspekt betraf die kausale Verbindung der Kriegsbedrohung mit der Schatzdeponierung.

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Die abschließende Diskussion unter Einbeziehung des Fachpublikums zeigte deutlich die Komplexität des Themas und wies auf die Notwendigkeit und Wichtigkeit interdisziplinärer Forschungen zwischen Numismatikern, Archäologen und Historikern bei einer erfolgreichen Interpretation und Erforschung numismatischer Quellen hin.

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PSJ Metadata
George Indruszewski
Bericht vom 6. Lelewel-Gespräch am 8.11.2011
Markt, Macht oder Magie. Warum wurde im frühen Mittelalter Silber deponiert?
de
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühes Mittelalter (600-1050)
Europa
Historische Hilfswissenschaften, Kultur- und Mentalitätsgeschichte, Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
6. - 12. Jh.
4015701-5 4125698-0 4040629-5 4126078-8 4172175-5 4066399-1 4064147-8
800-1100
Europa (4015701-5), Kultur (4125698-0), Münze (4040629-5), Münzfund (4126078-8), Numismatik (4172175-5), Wirtschaft (4066399-1), Währung (4064147-8)
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G. Indruszewski: Bericht vom 6. Lelewel-Gespräch am 8.11.2011
In: Markt, Macht oder Magie. Warum wurde im frühen Mittelalter Silber deponiert? Hrsg. von Dariusz Adamczyk (6. Joachim-Lelewel-Gespräch, 8. November 2011, DHI Warschau) / Rynek, władza lub magia? Dlaczego deponowano srebro we wczesnym średniowieczu? Red. Dariusz Adamczyk (6. Debata Lelewelowska, 8 listopad 2011, NIH w Warszawie)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/lelewel-gespraeche/5-2012/indruszewski_bericht
Veröffentlicht am: 10.04.2012 10:00
Zugriff vom: 28.09.2020 12:11
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