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A. Paczkowski, Moskau und der Kriegszustand in Polen 1981

Lelewel-Gespräche 6/2012

Andrzej Paczkowski

Moskau und der Kriegszustand in Polen 1981.

Notwendigkeit oder Vorsicht – warum kam es nicht zu einer sowjetischen Intervention?


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Ich denke, alle Historiker, die sich mit den polnisch-sowjetischen Beziehungen in den Jahren 1980-1982 beschäftigen, werden auf viele Jahre in einer eher ungünstigen Position sein. Mindestens einmal im Jahr, am Jahrestag der Einführung des Kriegsrechts, fordern die Öffentlichkeit, die Medien und die Politiker von ihnen eine klare Antwort auf die Frage, ob der Kriegszustand das "kleinere Übel" gegenüber einer ansonsten unvermeidlichen Intervention der sowjetischen Truppen (und anderer "Bruderarmeen") war. Wie aus Umfragen in Polen hervorgeht, neigt die vorherrschende Meinung zu einem "ja", wobei diese Meinung zu einem großen Teil Glaubenssache ist und keine auf Wissen basierende Überzeugung. Die Unannehmlichkeit für die Historiker resultiert zum einen aus der Tatsache, dass die sich auf die bekannten Fakten stützende überwiegende Mehrheit von uns sich in ihren Ansichten im Gegensatz zur Mehrheit der vox populi befindet, und zum anderen daher, das wir seit langer Zeit keinen Zufluss neuer Daten hatten. Das erschwert nicht nur neue Interpretationen, sondern auch die Revision solcher, die bereits veröffentlicht wurden.

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Natürlich, wenn es um andere Aspekte jenes dramatischen Ereignisses geht, welches der Kriegszustand darstellte, erscheinen auf den "Markt" ständig neue Dokumente oder Informationen. Eine gewichtige Arbeit wurde (und wird) geleistet bei der Beschreibung dessen, was damals in Polen passierte - vor allem auf lokaler Ebene, in den Städten, Fabriken und Gefängnissen. Hunderte von Texten – von Erinnerungen bis zu monographischen Arbeiten – sind darüber erschienen, wie die Proteste verliefen, wie Verhaftungen durchgeführt wurden und wie Streiks gebrochen wurden. Kürzlich wurden NATO-Dokumente veröffentlicht über die Reaktion des Paktes auf die Einführung des Kriegszustands, es erschienen eine Menge von Dokumenten US-amerikanischer Regierungsbehörden (vor allem der Geheimdienste); viele von ihnen fügen interessante Details hinzu. Aber dies sind eben nur Details, und aus der Sicht der grundlegenden Frage, welche die Organisatoren dieser Diskussion gestellt haben, sind sie von zweit- oder drittrangiger Bedeutung. Und wenn es um den Westen geht, dann ist die einzige wirklich wichtige Frage, nämlich die Tatsache, dass die amerikanische Regierung weder die "Solidarność" informiert noch die Welt über die mit eigenen Kräften auf dem gesamten Gebiet Polens vorbereitete Polizei- und Militäraktion alarmiert hat, bisher nicht vollständig überzeugend geklärt. Vielleicht hat J. MacEachin Douglas Recht, wenn er schreibt, dass ein solcher Verlauf der Ereignisse – über den die Amerikaner aus den Informationen von Oberst Ryszard Kukliński [dem im November 1981 übergelaufenen langjährigen Informanten der USA im polnischen Generalstab, Anm. d. Übers.] wussten – "was judged from the beginning as not likely, and the evidence flow was examinated in terms only of what was a priori considered likely". Und es wurde erwartet, dass in Polen die sowjetischen und anderen Warschauer-Pakt-Armeen aktiv werden würden, wie dies schon mehrmals zuvor der Fall gewesen war.

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Es ist jedoch wichtig, dass seit einiger Zeit (im Grunde seit der Veröffentlichung des Buches Soveckij Sojuz: istoria własti [Die Sowjetunion. Geschichte der Macht, Anm. d. Übers.] von Rudolf Pichoi vor 14 Jahren) die russischen Historiker schweigen. Und was noch wichtiger ist – auch die russischen Archivare veröffentlichen nichts Neues. Sogar für die Forschungen der offiziellen Polnisch-Russischen Gruppe für komplizierte Fragen wurde aus den Moskauer Archiven kein einziges Papier zugänglich gemacht. Vielleicht hat Mark Kramer, der gründlicher als ich die russische Archivszene verfolgt, einen anderen Eindruck. Ich jedenfalls fühle mich, als ob ich über ein karges Land wandere, dazu verurteilt, ein weiteres Mal ein paar Protokolle des sowjetischen Politbüros durchzukauen, die noch zur Zeit des "frühen Jelzin" veröffentlicht wurden, einige Dokumente der sogenannten Kommission für polnische Angelegenheiten (umgangssprachlich Suslow-Kommission genannt) oder ein paar Fetzen, die sich im sogenannten Mitrochin-Archiv befinden. Aus den mir bekannten Forschungen Mark Kramers geht hervor, dass auch er in erster Linie Zugang zu Materialien der Partei und des KGB hatte, die aber die innere Situation der Sowjetunion und das Echo der "polnischen Konterrevolution" betrafen. Ich kenne jedenfalls keinerlei militärischen Dokumente noch solche des KGB oder gar des Außenministeriums, die sich auf die Situation in Polen selbst beziehen und unmittelbar die Überlegungen des Kreml im Dezember 1981 betreffen.

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Eine sorgfältige und kleinteilige Durchsicht polnischer Archivalien, unter anderem der vollständig seit fünf Jahren zur Verfügung stehenden Dokumente der Armee und des Komitees für Landesverteidigung, ergibt wenig Neues. Außer einem Punkt, der aber einen im Kern negativen Befund darstellt: Es fehlt in ihnen an Nachweisen dafür, dass die Polnische Armee sich auf ein unerwartetes Auftauchen von Warschauer-Pakt-Truppen oder auch nur auf ein "Verlassen der Kasernen" durch die in Polen stationierten sowjetischen Einheiten vorbereitet hätte. Ist es auf dieser Grundlage möglich zu glauben, dass eine solche Wendung der Ereignisse einfach nicht in Betracht gezogen wurde? Sicherlich kann man diese Tatsache zumindest als Indiz werten.

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Ebenso fehlen Stabsdokumente über eine Situation, die als eine der möglichen (wenn auch nicht erwünschten) Varianten behandelt wurde, gemäß der sich die Lage nach der Einführung des Kriegszustands mit eigenen Kräften hätte entwickeln können: nämlich eines so starken gesellschaftlichen Widerstands, einschließlich Straßenunruhen mit Angriffen auf Gebäude der Armee (bzw. der Partei), dass die "eigenen Kräfte" nicht ausreichen würden. Diese Variante (bekannt als "Variante Nr. 3"), bei der die Unterstützung durch die Verbündeten vorgesehen war, wurde nicht später als am 15. März 1981 in einer Notiz diskutiert, die Premierminister [Wojciech] Jaruzelski durch die Leitungsebenen des Verteidigungs- und des Innenministeriums vorgelegt wurde. Es ist bekannt, dass sich die Armeen der Nachbarn Polens tatsächlich im Zustand erhöhter Kampfbereitschaft befanden, aber die bekannten – d.h. die bisher offen zugänglichen – Pläne für die Vorbereitung der Polnischen Armee und der Einheiten des Innenministeriums enthalten keine Angaben über eine Zusammenarbeit mit den Verbündeten. Eine Ausnahme hiervon, allerdings ausschließlich auf lokaler Ebene, war die Vorbereitung gemeinsamer polnisch-sowjetischer Patrouillen in den Stationierungsgebieten der Nordgruppe der Truppen der Sowjetischen Armee.

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Insgesamt, vor dem Hintergrund der bisher zugänglichen polnischen, sowjetischen, ostdeutschen und tschechoslowakischen Dokumente, muss man feststellen, dass eine selbstständige – d.h. ohne Beteiligung polnischer Kräfte durchgeführte – Operation von Truppen des Warschauer Pakts von den Polen nicht in Betracht gezogen wurde, und eine eventuelle Unterstützung durch Bündnistruppen kein Gegenstand spezifischer Vorbereitungen war. Somit stellte sich die Situation im Dezember 1981 ganz anders dar als diejenige, die ein Jahr zuvor bestanden hatte, als fertige Pläne zu der gemeinsamen, vierseitigen [d.h. von Truppen der Sowjetunion, Polens, der DDR und der Tschechoslowakei durchgeführten, Anm. d. Übers.] Übung "Sojuz-80" vorlagen, als Tarnung für ein 'Aufräumen' mit der "Solidarność". Sie war auch anders als im März 1981, als solche Übungen unter dem Namen "Sojuz-81" zwar schon begonnen hatten, jedoch die polnische Führung vor dem Gebrauch von Gewalt zurückschreckte.

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Ähnlich wie es keine Veröffentlichung von neuen Quellen oder den Zugang zu den post-sowjetischen Archiven in Bezug auf mögliche militärische Verfahren gibt, so hat sich wahrscheinlich in den letzten Jahren auch das Wissen über die verschiedenen äußeren Bedingungen der sowjetischen Entscheidung zur "Nicht-Einmischung" in Polen nicht wesentlich erweitert, wie dies seinerzeit Vojtech Mastny nannte. Über diese Bedingungen wurde sowohl in Studien über die polnisch-sowjetischen Beziehungen geschrieben (Mastny, Kramer) als auch in allgemeineren Arbeiten über die Ost-West-Beziehungen zur Zeit ihrer neuen, mitunter als Zweiter Kalter Krieg bezeichneten Phase. Wirtschaftshistoriker weisen natürlicherweise unter anderem auf den Beginn des Zusammenbruchs der sozialistischen Volkswirtschaften im Zusammenhang mit der Ölkrise von 1973 hin, der vor allem auf der Unfähigkeit beruhte, im Rahmen des bestehenden zentralen Planungssystems eine effektive Reaktion auf die Krise zu entwickeln. Dieses Problem wurde noch durch die anhaltende Blockade des Technologietransfers verschärft. Die Abhängigkeit der Sowjetunion wie auch der anderen kommunistischen Länder von westlichen Technologien, den Finanzmärkten und Rohstoffmärkten beschränkte natürlich den Spielraum des Kremls und zwang ihn zum Haushalten mit seinen Kräften. Vieles deutet also darauf hin, dass nach zwei gescheiterten "Anläufen" (im Dezember 1980 bzw. im März 1981) die sowjetische Machtspitze um Breschnew den Gedanken der Führung der PVAP [Polnische Vereinigte Arbeiterpartei, Anm. d. Übers.] akzeptierte, dass diese – auch gegenüber der internationalen Öffentlichkeit – die Bürde auf sich nehmen würde, die "Solidarność" als unabhängige gesellschaftliche Bewegung zu liquidieren. Die oft bemühte Analogie zwischen Polen 1980/81 und der Tschechoslowakei 1968 ist m. E. ungerechtfertigt, da in Prag der "Reformtrend" von oben kam (und von der Führung der Kommunistischen Partei zumindest akzeptiert wurde), während er in Polen "von unten" kam, durch gesellschaftlichen Druck, unabhängig vom kommunistischen Establishment, ja sogar gegen dieses. So niedrig daher im Kreml das Vertrauen zu Dubček war – der gleichsam selbst zum Reformer wurde –, umso mehr Hoffnung konnte er in die polnische Führung setzen, die sich den von der "Solidarność" vorgeschlagenen Veränderungen ziemlich effektiv (wenn auch nicht immer mit vollem Erfolg) widersetzte. Aus der Sicht des Kremls entstand eine optimale Situation: die unmittelbare Verantwortung nahm das Warschauer Weiße Haus [Sitz der Parteiführung, heute Wertpapierbörse, Anm. d. Übers.] auf sich. Unabhängig davon, wie real die Gefahr war, dass die PVAP auf eine – leninistisch formuliert – kapitulantenhafte Position "abgleiten" könnte (meiner Meinung nach war das wenig wahrscheinlich), so beseitigte die Absetzung [Stanisław] Kanias [vom Posten des 1. Sekretärs des Zentralkomitees der PVAP, Anm. d. Übers.] Mitte Oktober 1981 diese Gefahr. Von dem Moment an, als sich die Macht in den Händen General Jaruzelskis konsolidierte, war für seine Chefs in Moskau alles nur noch eine Frage der Zeit.

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Ich riskiere die folgende Schlussfolgerung: Die Einführung des Kriegszustands und die Unterdrückung der "Solidarność" durch die Polen selbst war für alle besser als eine Intervention. Besser nicht nur für Breschnew und Jaruzelski, sondern auch für den Westen. Und wohl sogar für die "Solidarność". Allerdings lässt sich schwer sagen, ob es tatsächlich zu einer solchen Intervention gekommen wäre und welche flankierenden Bedingungen dafür hätten erfüllt sein müssen. Dieses Szenario wird wohl für immer im Bereich der alternativen Geschichte verbleiben, die nicht ohne Grund manchmal "kontrafaktische Geschichte" genannt wird.


Autor:

Prof. Dr. Andrzej Paczkowski
Institut für politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften
politic@isppan.waw.pl



Aus dem Polnischen von Jens Boysen


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PSJ Metadata
Andrzej Paczkowski
Moskau und der Kriegszustand in Polen 1981
Notwendigkeit oder Vorsicht – warum kam es nicht zu einer sowjetischen Intervention?
de
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Polen, UdSSR und GUS
Politikgeschichte
1980 - 1989
4046496-9 4077548-3 4046514-7
1980-1982
Polen (4046496-9), Sowjetunion (4077548-3), Politik (4046514-7)
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A. Paczkowski, Moskau und der Kriegszustand in Polen 1981
In: Der Kriegszustand in Polen 1981 – sowjetische Zurückhaltung aus Zwang oder Einsicht? Hrsg. von Jens Boysen (7. Joachim-Lelewel-Gespräch, 13. März 2012, DHI Warschau) / Stan wojenny w Polsce 1981 – radziecka powściągliwość z przymusu, czy z rozsądku? Pod redakcją Jensa Boysena. (7. Debata Lelewelowska, 13 marca 2012 r., NIH w Warszawie)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/lelewel-gespraeche/6-2012/paczkowski_moskau
Veröffentlicht am: 26.07.2013 16:20
Zugriff vom: 22.01.2020 17:54
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