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R. Leiserowitz, Gleiche Muster der Zusammenarbeit unter NS- und Sowjetbesatzung?

Lelewel-Gespräche 8/2012

Ruth Leiserowitz

Gleiche Muster der Zusammenarbeit unter NS- und Sowjetbesatzung? Individuelle Kollaborateure im "Land ohne Quisling"

Bericht über das Achte Lelewel-Gespräch am 27. November 2012

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Für den 27. November 2012 hatte das Deutsche Historische Institut zum achten Joachim- Lelewel-Gespräch geladen, das sich zum wiederholten Mal mit einem Thema der Zeitgeschichte befasste. Im Zentrum stand ein vergleichender Blick auf die nationalsozialistische und die sowjetische Besatzung Polens zwischen 1939-1945 und die lokale Mitarbeit der Einheimischen mit den Besatzungsbehörden. Dabei sollte herausgearbeitet werden, ob es sich bei diesen Kooperationen um gleiche Muster handelte, ob individuelle Kollaborateure trotz der immensen ideologischen Unterschiede zwischen den Besatzungsregimes von ähnlichen Motivationen getrieben wurden und ob die unterschiedlichen Besatzungsbehörden in gleicher Weise Kooperationen motivierten, einforderten oder erzwangen.

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Zu dieser Debatte hatte das Institut zwei polnische und einen deutschen Diskutanten geladen. Ryszard Kaczmarek (Universität Kattowitz) und Rafał Wnuk (Katholische Universität Johannes Paul II / Museum des Zweiten Weltkriegs, Danzig) sowie Gerhard Hirschfeld (Universität Stuttgart). In ihrer Einführung stellten die Moderatoren Maren Röger und Stephan Lehnstaedt (beide DHI Warschau) fest, dass die Frage der Zusammenarbeit von lokalen Instanzen mit den Besatzungsmächten sehr kontrovers gesehen werde. Lange Zeit sei diese als Thema für die polnische Geschichtswissenschaft. negiert worden. Aber seit über zehn Jahren beschäftigten sich polnische Kollegen, wie Tomasz Szarota, Włodzimierz Borodziej, Marian Wojciechowski und Andrzej Chwalba mit diesem Thema. Gleichfalls liege ein Text von Piotr Madajczyk vor, der sich mit der Trias "Verrat, Kollaboration und Passivität" auseinandergesetzt habe. Weiterhin betonten sie, dass der Begriff der Kollaboration innerhalb des Zweiten Weltkrieges und auch nach diesem auf den Sachverhalt des Landesverrats reduziert und damit enorm geschichts- und identitätspolitisch aufgeladen worden sei. Man wolle hier, analog zur neueren Forschung, auf den desavouierten Begriff verzichten und dafür den Terminus der Kooperation setzen, um deutlicher differenzieren zu können. Insgesamt gehe es um keine moralischen Urteile. Im Fokus sollten multiple und differenzierte Beschreibungen unterschiedlichen kooperativen Verhaltens stehen, wodurch sich ein breites Band von Verhaltensmustern unter Besatzung herausarbeiten lassen. Die Moderatoren unterstrichen, dass sie sich von dieser beschriebenen Blickrichtung versprechen, eine Debatte zu befördern, die außerhalb moralischer Bewertungen und eingefahrener geschichtspolitischer Gleise verlaufe.

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Als erster Redner setzte sich Ryszard Kaczmarek von der Universität Kattowitz eingangs mit terminologischen Fragen zu Kollaboration und Kollaborationismus auseinander. Anschließend legte er dar, dass es unter der deutschen Besatzung keine polnische staatliche Kollaboration gegeben habe, was an dem grundlegenden Mangel deutscher Angebote gelegen habe. Einen Kollaborationismus a la Vichy habe es deshalb in Polen nicht geben können. Kollaboratives Verhalten im Generalgouvernement wäre individuell erfolgt. Am häufigsten habe es Denunziationen gegeben, die zu Vernichtung von Juden führten sowie Betätigungen bei der Polnischen Polizei im Generalgouvernement wie auch Zuarbeiten für die Gestapo und den Terrorapparat. Darüber existiere zahlreiche Literatur. Laut Definition würde einzig die Judenvernichtung als Kollaboration bezeichnet, sofern ein Zusammenhang zwischen der eigenen antisemitischen Haltung und dem Entschluss für eine Zusammenarbeit mit den Deutschen herstellt sei. In den angeschlossenen Gebieten, in Pommern und Schlesien sei kollaboratives Verhalten massenweise vorgekommen, besonders unter großen Gruppen polnischer Vorkriegsbürger deutscher Nationalität und vor allem in den ersten für Deutschland siegreichen Kriegsjahren.

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Rafał Wnuk (Katholische Universität Johannes Paul II / Museum des Zweiten Weltkriegs, Danzig) referierte in seinem Vortrag eingangs über die Absenz des Terminus Kollaboration in den Gerichtsunterlagen des polnischen Untergrunds und seiner Presse. Man habe Straftaten benannt, wie: Verrat, Spionage, Denunziation, Verfolgung und Misshandlung der polnischen Bevölkerung, sowie verbrecherische Kooperation mit den Besatzern und Denunziantentum. Der Begriff sei also in Polen erst nach dem Kriegsende populär geworden. In den von der UdSSR angeschlossenen Gebieten hätte die Inklusivität der kommunistischen Ideologie stärkere Zusammenarbeit von Polen mit sowjetischen Institutionen hervorgebracht. Weiter führte er aus, dass die Nationalsozialisten im Kampf gegen Kommunismus und Juden militärische, paramilitärische wie auch administrative Kollaboration zugelassen hätten. Dabei wollten sie aber Polen keinesfalls als Partner sehen, da ihnen diese auf der Basis der nationalsozialistischen Ideologie nicht als ebenbürtig erschienen. Wnuk unterstrich, dass es der gegenwärtigen Forschung zu Kollaboration in Polen an methodologischer Reflexion mangele. Abschließend ermunterte er innerhalb dieses Themas zur vertieften Regionalforschung.

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Gerhard Hirschfeld von der Universität Stuttgart lenkte in seinem Kommentar den Blick auf die lange Geschichte von Arten der Zusammenarbeit mit Feinden und stellte fest, dass der Terminus "Kollaboration" durch seinen Einsatz als ideologischen Kampfbegriff gänzlich "ins semantische Abseits" geraten sei und einzig der Bloßstellung und Diskreditierung diene. Dadurch sei es schwer geworden, sich vorurteilsfrei mit den historischen Sachverhalten auseinanderzusetzen. Er unterstrich, dass es sich bei der Zusammenarbeit von Gruppen und Individuen mit der Besatzungsmacht in einem besetzten Land um ein komplexes historisches Phänomen handele. Er führte ins Feld, dass es sehr unterschiedliche Gründe für Zusammenarbeit mit dem Feind gegeben habe, wobei diese am wenigsten von politischen oder ideologischen Motiven beeinflusst worden wären. Oft wäre blanker Pragmatismus der Grund gewesen, wirtschaftliche Erwägungen hätten ebenfalls wesentliche Rollen gespielt. Es liege nahe, dass die Bereitschaft zur Kollaboration in erheblichem Maße mit ethnischer Zugehörigkeit sowie dem sozioökonomischen Status der Angehörigen einer Ethnie korreliere. Diese Frage müsse noch weiter untersucht werden. Ebenfalls wäre der Hinweis von Rafał Wnuk wichtig, dass es unter der sowjetischen Besatzung in Ostpolen durch Kollaboration gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten gegeben habe. Ideologie habe unter der sowjetischen Herrschaft eine weitaus größere Rolle gespielt, als unter nationalsozialistischer Besatzung.

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Der Moderator Stephan Lehnstaedt (DHI Warschau) fügte hinzu, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit im Generalgouvernement für die Zeit des Krieges nicht unterschätzt werden dürfe. Immerhin wären allein 1943 für 1,7 Millionen Reichsmark Waffen im Generalgouvernement produziert worden, was allein 5% der Auslandsproduktion für das deutsche Militär ausgemacht habe. Rafał Wnuk hielt dagegen, dass diese wirtschaftlichen Tätigkeiten unter Zwang stattgefunden hätten und sich nicht als Kollaboration bezeichnen lassen. Die Mehrheit der Einwohner wollte überleben und dachte nicht in diesen politischen Kategorien. Er würde diese Arbeit unter Zwang nicht als Kollaboration bezeichnen.

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In der weiteren Diskussion führte Gerhard Hirschfeld aus, dass es sehr schwierig sei, das ethnische Modell der Volksliste auf das europäische Modell zu applizieren, dann müsse man auch andere Volksgruppen als Kollaborateure betrachten, wie Elsässer, Österreicher und Sudetendeutsche. Wenn die Zugehörigkeit zur Volksliste als Vorwurf der Kollaboration gelte, dann geriete dieser Personenkreis insgesamt ins moralische und semantische Abseits.

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Ryszard Kaczmarek widerlegte die Vergleiche mit den anderen Volksgruppen und entgegnete, dass die Personen der Volksliste 1 und 2 problematisch gewesen seien. Sie hätten sich voll engagiert und wären auch massenhaft in deutsche Organisationen eingetreten. Das sei bei den Angehörigen der Volksliste 3 und 4 nicht der Fall gewesen und die Annahme, dass alle Angehörigen der Volksliste Kollaborateure oder Verräter gewesen seien, stimme nicht. Tatsache sei jedoch, dass ein großer Teil der Bürger der eingegliederten Gebiete ihre Zugehörigkeit zur Zweiten Polnischen Republik als nicht rechtmäßig empfunden und so die "Heimkehr" zu Deutschland begrüßt habe. Aus dem Blick der polnischen Polen im Zweiten Weltkrieg sei das eindeutig Verrat gewesen. Die Bürger wären aus eigener Entscheidung Bürger eines anderen Staates geworden. Rafał Wnuk wies darauf hin, dass man, sofern man Nationalitäten, Gruppen oder Klassen im Blick habe, nur über Tendenzen kollaborativen Verhaltens sprechen könne, aber keinesfalls von kollektiver Kollaboration.

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Es gab Bemerkungen aus dem Publikum, dass immer noch vielerorts die Ansicht herrsche, dass das polnische Volk ein einziger Widerstand gewesen sei, deswegen könne es auch keine Kollaboration gegeben haben. Ebenfalls wurde gefragt, ob nicht dieser besondere Krieg auch besondere Formen der Kollaboration hervorgebracht habe. Eigentlich bleibe doch bei diesem Tatbestand die subjektive Handlungsweise immer gleich. Hänge es also von der Art der Besatzung ab, inwiefern es zu Kollaboration komme?

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Gerhard Hirschfeld antwortete, dass die besonderen Umstände des Zweiten Weltkrieges und der totalitären Systeme geneigt gewesen wären, den Bestand der Kollaboration anders zu gewichten, als man es vorher getan habe. Man habe nach 1944 bzw. 1945 mit einem ganz neuen Bewertungssystem dieses Sachverhalts zu tun gehabt. Hinzu komme die Vehemenz, mit der diese Tatbestände in nationalen Kontexten diskutiert worden seien. Er wolle das Beispiel der Niederlande erwähnen, wo man nach dem Kriege nach einem ganz anderen Modell verfahren sei. Man habe geschaut, wo es wirklich um juristische Tatbestände der Kollaboration gegangen sei und habe diese bestraft. Alle anderen Fälle habe man gesellschaftlichen Organisationen zur Lösung übertragen, die habe also nicht der Staat geregelt. Man habe eindeutige Trennungen des Sachbestandes vorgenommen, jedoch müsse man feststellen, dass der Krieg an sich viele Grauzonen beinhalte. Die Mehrheit der Menschheit wolle nur heil durch einen Krieg durchkommen. Wenn er an die 5 Millionen Briefe mit Denunziationen denke, die Franzosen während der deutschen Besatzung Frankreichs geschrieben hätten, könne er diese nicht unter Kollaboration rubrizieren. Es handele sich hier um normales menschliches Verhalten, das von kleinlichen Gründen bestimmt wird. Schwierig werde es, wenn dieses Handeln politisiert werde. Er könne nur empfehlen, so pragmatisch zu verfahren, wie es die Niederländer nach dem Krieg gemacht hätten, in dem sie bewertet hätten, was der Besatzung genützt und was ihr geschadet hätte.

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Abschließend kam Ryszard Kaczmarek noch einmal auf die mythologisierte Version zurück, dass es keine Kollaboration gegeben hätte und unterstrich, dass es kein massenhaftes kollaboratives Verhalten gegeben habe. Er könne nur die These bekräftigen, dass zu gewissen Zeiten und für gewisse Gruppen Kollaboration alltäglich gewesen sei. Das gelte vor allem für die Jahre 1939 und 1941 und den polnisch-jüdischen Komplex. Zu den Unterschieden in der Kollaboration möchte er hinzufügen, dass es in den angegliederten Gebieten, in Pommern und Oberschlesien zu Offerten der Zusammenarbeit gekommen sei, während dies im Generalgouvernement nicht der Fall gewesen sei. Es habe sich in Pommern und Oberschlesien um klare und präzise Offerten der Zusammenarbeit gehandelt.

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Als letzter ergriff Rafał Wnuk noch einmal das Wort und bestätigte, dass im polnischen populären Narrativ Motive des Widerstandes und des Heldentums dominierten. Er resümierte, dass ein Kollaborationsmuseum in Polen wohl weitaus weniger Erfolg haben würde als das Museum des Aufstands. Und doch ließe es sich als Provokation denken – ein Museum über die Kollaboration der anderen.

Autorin:

PD Dr. Ruth Leiserowitz
DHI Warschau
leiserowitz@dhi.waw.pl

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Ruth Leiserowitz
Gleiche Muster der Zusammenarbeit unter NS- und Sowjetbesatzung?
Individuelle Kollaborateure im "Land ohne Quisling"
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CC-BY-NC-ND 3.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Europa
Militär- und Kriegsgeschichte, Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte, Verwaltungsgeschichte
1930 - 1939, 1940 - 1949
4015701-5 4144847-9 4005975-3 4031748-1
1939-1945
Europa (4015701-5), Besatzungsmacht (4144847-9), Besatzungspolitik (4005975-3), Kollaboration (4031748-1)
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R. Leiserowitz, Gleiche Muster der Zusammenarbeit unter NS- und Sowjetbesatzung?
In: Gleiche Muster der Zusammenarbeit unter NS- und Sowjetbesatzung? Individuelle Kollaborateure im „Land ohne Quisling“ Hrsg. von Maren Röger / Stephan Lehnstaedt (8. Joachim-Lelewel-Gespräch, 27. November 2012, DHI Warschau) / Identyczne wzorce współpracy pod okupacją hitlerowską i radziecką? Indywidualni kolaboratorzy w „kraju bez Quislinga” Pod redakcją Maren Röger / Stephana Lehnstaedta (8. Debata Lelewelowska, 27 listopada 2012 r., NIH w Warszawie).
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/lelewel-gespraeche/7-2013/leiserowitz_zusammenarbeit
Veröffentlicht am: 19.12.2013 14:05
Zugriff vom: 17.01.2020 19:43
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